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15th Thessaloniki Documentary Festival

Das Dokumentarfilm-Festival in Thessaloniki spiegelt die Realität in Griechenland

Vom 15. bis 24. März 2013 hat das 15. Thessaloniki Documentary Festival stattgefunden. Ein ausführliches Festival-Fazit habe ich schon für kino-zeit.de geschrieben. Hier nun einige Beobachtungen am Rande, die einem besonders in die Augen springen, wenn man als Deutsche zum Festival nach Griechenland gekommen ist:

„Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“, diese Zeile aus einem Fehlfarben-Song trifft durchaus zu. Besonders wenn man 10 Tage lang in Thessaloniki ins Kino gegangen ist. Das 15. Internationale Dokumentarfilmfestival bot vom 15. – 24. März in der Metropole im Norden Griechenlands gleich die die doppelte Dosis Realität: Auf den Leinwänden der Kinos und in den Straßen der Stadt. Bilder von Protesten im Kino, Demonstrationszüge auf der Uferpromenade vor dem Kino. Dokumentierte Realität und erlebte Gegenwart haben sich während des Festivals durchdrungen, gespiegelt und kommentiert.

Von Finanz-Krise und knappem Staatsgeld ist bei der Festival-Organisation selbst – dank Sponsoren – kaum etwas zu spüren. Die Zuschauer drängen in die Kino-Säle, besonders in die griechischen Filme. Knapp 80 der rund 200 auf dem Festival präsentierten Filme sind griechische Produktionen. Und in vielen von ihnen ist die Krise des Landes als Thema präsent:

Jeder zweite junge Grieche ist arbeitslos, von drei Griechen unter 35 Jahren will jeder zweite das Land verlassen. In Little Land entflieht der 35-Jährige Thodoris der Arbeitslosigkeit in Athen, um auf der kleinen Insel Ikaria als Selbstversorger sein Glück zu versuchen, denn dort leben die Leute einfach und zufrieden und werden dabei gerne auch 100 Jahre alt. In Skapeta lebt Christos, der sein Alter nicht weiß, als letzter mit seinen Schafen in einem verlassenen Dorf, die Krise erreicht ihn nur über das alte Transistor-Radio. Im eindrücklich düster stilisierten To the Wolf droht den Dorfbewohnern das Essen auszugehen, da sie ihre Schafe nicht mehr gewinnbringend verkaufen können. In Living in Interesting Times kämpfen sich vier Athener durch die alltägliche Absurditäten, die die Krise mit sich bringt.

Auch der Alltag in Thessaloniki bietet einige Absurditäten: Nachts um halb drei rumort die Müllabfuhr vorm Hotel. Nicht ganz ausgeschlafen bekommt man am nächsten Tag im Kino eine mögliche Erklärung: In der äußerst unterhaltsamen Wahlkampf-Doku One Step ahead erwähnt der nun amtierende Bürgermeister Jannis Boutaris (ein äußerst eigenwilliger Spross der Boutari-Winzer-Dynastie), dass von den knapp 80 Müllautos der Stadt nur 10 einsatzfähig seien, die anderen lägen wegen fehlender Ersatzteile brach. Aber vielleicht nutzt die Müllabfuhr die Nachtstunden auch nur, um nicht im Verkehrschaos des Tages stecken zu bleiben.

Nicht nur die Auswüchse der Finanzkrise spiegelten sich – wie erwartet – auf der Leinwand, auch National-Sozialismus und Holocaust waren wiederkehrende Themen, präsent auch in der Geschichte der Stadt, in der vor der deutschen Besatzung rund 50.000 Juden zuhause waren. „Nicht wir schulden euch, ihr schuldet uns!“ steht dann auch auf einem Transparent, das Hunderte von Demonstranten schweigend durch die Straßen tragen.

Doch nicht nur als Deutsche bekommt man in Thessaloniki jenseits Bougatsa und Tsoureki ordentlich was zu knabbern, auch der kanadische Jury-Kollege bekommt sein Fett weg, allerdings hat er die betreffende Demonstration knapp verpasst: Am 09. März haben rund 15.000 Menschen in Thessaloniki gegen eine auf der Chalkidiki-Halbinsel geplante Goldmine eines kanadischen Konzerns protestiert.

Es waren auf jeden Fall zehn geballte und spannende Festival-Tage, die einen auf Schritt und Tritt (und im Kinosessel) mit Geschichte und Gegenwart konfrontieren, nicht immer ein Spaziergang, eher eine Herausforderung, aber eine sehr anregende und lohnende. Besser kann man das Leben in einem Land gar nicht kennen lernen, als mit offenen Augen und Ohren im Kino, auf den Straßen und im Gespräch mit Einheimischen während eines Dokumentarfilm-Festivals.

Wobei das Festival in Thessaloniki zudem ganz wunderbar liegt: zeitlich wie örtlich. Von den Festival-Kinos zur Uferpromenade sind es nur ein paar Schritte. Jenseits der Meeresbucht trohnt majestätisch der Olymp. Außerdem lohnt es sich sehr, nicht nur die Kinos, sondern auch mal ein Museum oder eine Kirche  zu betreten oder einen Ausflug zu den Königsgräbern in Vergina zu machen. Und wenn man sich nicht nur im Kino-Dunkel verkriecht, empfiehlt es sich sehr Sonnenbrille und -Creme zur Hand zu haben.

 

Preisträger-Filme des Festivals:

THEY GLOW IN THE DARK by Panayotis Evangelidis, Greece, 2013

(FIPRESCI award for a film in the Greek selection)

PARTS OF A FAMILY by Diego Gutiérrez, Mexico/Netherlands 2012

(FIPRESCI award for a film in the International selection)

CALL ME KUCHU by Katherine Fairfax Wright & Malika Zouhali-Worrall, USA, 2012

(Amnesty International Jury Award)

 LITTLE LAND by Nikos Dayandas, Greece/France, 2013

(WWF Award, ERT3  BROADCASTING AWARD)

WINTER NOMADS (HIVER NOMADE) by Manuel von Stürler, Switzerland, 2012

(ERT3  BROADCASTING AWARD

BLOOD BROTHER by Steve Hoover USA, 2012

(Audience Award for a film over 45’ in the International Selection)

THE HIGH PRICE OF GOLD by Ross Domoney, Democratic Republic of Congo / UK 2012

(Audience Award for a film under 45’ in the International Selection)

THE GROCER by Dimitris Koutsiabasakos, Greece, 2013

(Audience Award for a Greek film over 45’)

A HERITAGE: IN DEEP AGONY by Kyriaki Malama, Greece, 2013

(Audience Award for a Greek film under 45’)

 

 

 

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