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Das 25. Thessaloniki International Documentary Festival – Ein Rückblick

Nur die Filme. Keine Parties, keine feierliche Preisverleihung. Das 25. Thessaloniki International Documentary Festival (TiDF) war eine sehr konzentrierte Seh-Erfahrung und ging am 12. März ganz ohne das geplante Rahmenprogramm zu Ende. Aus tragischem Anlass: Die Festivaleröffnung am 2. März fiel Mitten in die dreitägige Staatstrauer nach dem Zugunglück, das ganz Griechenland erschüttert hat. Unter den Opfern viele aus Thessaloniki. 12 Student:innen der Universität sind gestorben. Über 20.000 vor allem junge Menschen sind daraufhin auf die Straße gegangen mit ihrer Trauer und Wut auf den Staat und sein marodes, auf Transparenten „mörderisch“ genanntes Schienensystem.

Dass währenddessen der TiDF-Eröffnungsfilm ausgerechnet mit Bildern von fahrenden Zügen anfing, war ungewollte Koinzidenz und verursachte spürbares Unbehagen beim Publikum im großen Saal des historischen Olympion-Kinos. Dabei bot die Weltpremiere der spanisch-deutschen Koproduktion La Singla von Regisseurin Paloma Zapata eigentlich alles, was ein Dokumentarfilm braucht, um im Dunkel des Kinosaals für eineinhalb Stunden die Welt da draußen vergessen zu machen: Der Film begibt sich auf die Spuren der legendären Tänzerin Antonia Singla, die – obwohl gehörlos – mit 17 Jahren den Flamenco revolutionierte, in den 60er Jahren in Deutschland als „beste Flamenco-Tänzerin der Welt“ gefeiert wurde, und mit noch nicht einmal 30 Jahren spurlos von der Bühne verschwand. La Singla überzeugt mit eindrucksvollem Archiv-Material und ausgeklügeltem Sounddesign bei der Annäherung an das Schicksal seiner Protagonistin.

[Trailer zum Eröffnungsfilm La Singla]

Das unheilvolle Motiv von (ab-)fahrenden Zügen blieb allerdings sehr präsent während des Festivals, denn genau vor 80 Jahren, am 15. März 1943, verließ der erste Zug nach Auschwitz die nordgriechische Metropole. Von den 50.000 Juden in der Stadt haben nur 2.500 den Holocaust überlebt. Das Festival hat unter dem Titel Adio Kerida: From Thessaloniki to Auschwitz – 80 Years eine große Tribut-Reihe zum Gedenken organisiert, darunter viele Filme speziell über Thessalonikis jüdische Geschichte, zudem eine Sondervorführung des Stummfilms Der Golem (Regie: Carl Boese und Paul Wegener, 1920), der live mit Orchester und eigens dafür neu komponierter Musik von Yannis Veslemes aufgeführt wurde und auch eine Wiederaufführung von Claude Lanzmanns epochalem Werk Shoa, das mit 566 Minuten Laufzeit einen ganzen Kino-Tag beansprucht. Viele Festivalbesucher ließen sich auf diese schwierige Sichtung ein, obwohl das aktuelle Programm gleichzeitig mit vielen Filmpremieren und auch leichteren Themen lockte.

Der Österreicher Nikolaus Geyrhalter war mit Werkschau und Masterclass vor Ort und wurde mit einem Goldenen Alexander für sein Filmschaffen geehrt, ebenso der altverdiente griechische Filmemacher Stavros Psillakis. Zwei wirklich bemerkenswerte Dokumentarfilmer, die sich auch durch ihr sehr sympathisches bescheidenes und reflektiertes Auftreten auszeichneten. Sehr viele Filmemacher:innen waren in diesem Jahr vor Ort, so dass die meisten Film-Vorführungen mit Q&As im Anschluss stattfanden – keine Selbstverständlichkeit, besonders außerhalb der Wettbewerbs-Vorführungen. So ließ es sich z.B. die zweifache Oscar-Preisträgerin Barbara Kopple nicht nehmen, ihren Oscar-prämierten Erstlingsfilm Harlan County, U.S.A. (USA 1976) in der hochkarätigen Reihe The Art of Reality: Beyond Observation„, sowie auch ihren neuesten Film Gumbo Coalition (USA 2022) selbst vorzustellen.

In den zehn Festivaltagen standen in verschiedenen internationalen und griechischen Wettbewerbs-Reihen und weiteren Sektionen insgesamt über 200 Filme auf dem sehr vielseitigen Programm, das in diesem Jahr durchweg mit Qualität überzeugte. Von 34 vor Ort gesehenen Filmen haben mich nur ganze zwei enttäuscht und alle anderen durchweg überzeugt – eine solch positive Quote hatte ich bisher noch bei keinem besuchten Film-Festival. Ein begeistertes Danke dafür an die Festival-Direktor:innen Orestis Andreadakis und Elise Jalladeau, sowie die Programm-Gestalter:innen Yorgos Krassakopoulos (Internationales Programm), Eleni Androutsopoulou (Griechisches Programm) und Dimitris Kerkinos (Tributes)!

[Trailer zu Under the Sky of Damascus, Gewinner des Hauptpreises beim 25. TiDF]

Um nur einige der vielen Highlights und persönliche Seh-Empfehlungen aus den verschiedenen Sektionen zu nennen:

In einer barrierefreien Sondervorführung wurde der erfolgreichste griechische Dokumentarfilm aller Zeiten wiederaufgeführt: Agelastos Petra – Mourning Rock von Filippos Koutsaftis lief 2001 ganze 16 Wochen in den Kinos und stellte mit 60.000 verkauften Tickets einen griechischen Rekord auf.

Red Herring (Regie: Kit Vincent, Großbritannien/Schweiz, 2023), ausgezeichnet mit dem Human Values Award des griechischen Parlaments.

Matter Out Of Place (Regie: Nikolaus Geyrhalter, Österreich 2022), der am 21. April 2023 in den österreichischen Kinos startet.

Apolonia Apolonia (Regie: Lea Glob, Dänemark/Polen, 2022)

The Natural History of Destruction (Regie: Sergei Losnitza, Deutschland/Litauen/Niederlande, 2022), der unter dem Titel Die Naturgeschichte der Zerstörung seit 16. März 2023 in den deutschen Kinos zu sehen ist.

The Artist and the Wall of Death (Regie: Maurice O’Brien, Irland/Großbritannien, 2022)

Searching for Rodakis (Regie: Kerem Soyyilmaz, Dänemark/Türkei, 2023)

In the Sky of Nothingness with the Least (Regie: Christos Adrianopoulos, Griechenland, 2022) wurde in der Sektion Newcomers Competition mit dem Silbernen Alexander ausgezeichnet, zudem mit den Greek Film Center Award und dem Spezialpreis der Jugend-Jury.

Queen of the Deuce (Regie: Valerie Kontakts, Griechenland/Kanada, 2022), ausgezeichnet mit dem Preis der Greek Association of Film Critics (PEKK) 

Crows are White (Regie: Ahsen Nadeem, USA, 2022)

Starring Jerry as Himself (Regie: Law Chen, USA, 2023)

I Like It Here (Regie: Ralph Arlyck, USA, 2022), ausgezeichnet mit dem FIPRESCI-Award

The Laughing Boy (Regie: Alan Gilsenan, Irland 2022), der den Fischer-Publikumspreis gewonnen hat. Ein bewegender Film über die erstaunliche Geschichte eines Liedes, das seinen Ursprung in einem Gedicht hat, das der irische Dramatiker Brendan Behan mit 12 Jahren über den Freiheitskämpfer Michael Collins geschrieben hat und Ende der 50er Jahre als Song in seinen Stück Die Geisel einbaute. Von Vassilis Rotas ins Griechische übersetzt und von Mikis Theodorakis neu komponiert wurde „To gelasto paidi“ in den 70er Jahren während der griechischen Militärdiktatur zu einer Hymne des Widerstands, die bis heute nachhallt.

Der Hauptpreis im Internationalen Wettbewerb ging an den Film Under the Sky of Damascus von Heba Khaled, Talal Derki (Return to Homs und Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats) und Ali Wajeeh. Mit dem Goldenen Alexander in Thessaloniki ist dem Film ein Platz auf der Shortlist der Besten Dokumentarfilme für die nächste Oscarverleihung garantiert.

[Kirsten Kieninger]

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