Close

Entdeckungen beim 26. Internationalen Dokumentarfilm Festival in Thessaloniki

39 Filme in 10 Tagen, das ist mein persönliches Fenster in das fulminante Programm, das das 26. Thessaloniki International Documentary Festival (TiDF) vom 7. bis 17. März 2024 zu bieten hatte: 250 neue Dokumentarfilm-Produktionen aus Griechenland und aller Welt, kuratiert in verschiedenen Wettbewerbs- und weiteren Sektionen, zumeist präsentiert von den Filmemacher*innen selbst, die sich während des Festivals zwischen den Kinos am Pier und dem historischen Olympion-Kino am Aristotelous-Square tummeln.

Es ist auch diese Nähe zu den Filmschaffenden und die lebendigen Publikumsgespräche, die die besondere Stimmung dieses gastfreundlichen Filmfestivals in der nordgriechischen Stadt ausmachen. Dass der Weg von Kino zu Kino direkt auf der Uferpromenade entlangführt und dass bei klarem Wetter die schneebedeckten Gipfel des Olymp am Horizont über dem Meer hervorlugen, auch das trägt zum entspannten Flair bei. Die perfekten Umstände also, um auf eine filmische Reise zu gehen.

In 40 Filmen um die Welt sozusagen. Diese Reise hat mich zu auffällig vielen Bergen und Wäldern geführt: The Mountains, Forest, Magic Mountain, The Forest in me, A Tree grows in my Dreams every Night, A New Kind Of Wilderness… und das sind nur die Filme, in denen die Natur auch titelgebend war. Und auf dieser Reise sind mir an verschiedenen Schauplätzen ähnliche, oder gar dieselben Themen begegnet. Nach 40 internationalen Dokumentarfilmen in 10 Tagen webt sich in der Wahrnehmung ein dichter Teppich an Eindrücken, aus dem so manche Muster und Farben hervorstechen. Das ist das Schöne an solchen Filmfestival-„Bingewatching“-Erfahrungen.

Filmstill aus The Mountains von Christian Einshøj

Im dänischen Film The Mountains geht es in die norwegischen Berge. Regisseur Christian Einshøj unternimmt dort zwei Jahrzehnte nach dem Tod eines Bruders den Versuch, seinen beiden anderen Brüdern wieder näher zu kommen und die Familie vor dem Zerfall zu retten. Denn die Geschwister und die Eltern tragen die prägende Erinnerung allesamt schweigend mit sich herum, obwohl die Auswirkungen auf das Leben der einzelnen unbestreitbar sichtbar sind. Christian Einshøj gelingt dank einem riesigen Archiv an Familienfilmen und der Idee, sich mit trashig-bunten Superhelden-Kostümen der Herausforderung zu stellen und das Schweigen zu brechen, eine trotz aller Tragik sehr humorvolle Aufarbeitung des Familienschicksals.

Im schwedischen Film The Andersson Brothers geht es nicht in die Berge. Doch Regisseurin Johanna Bernhardson verfolgt ein ähnliches Ziel, wie ihr dänischer Regie-Kollege Christian Einshøj: vier entfremdete Brüder wieder einander nahe zu bringen. Einer der Brüder ist ihr Vater, einer der drei Onkel ist drogensüchtig und obdachlos, der zweite ist Dokumentarfilmer und der dritte ist Roy Andersson, der berühmte Regisseur. Ihnen gemeinsam scheint nur ihre Sturheit und der Hang zum Alkohol. Aber zum Glück ist Regisseurin Johanna Bernhardson hartnäckig und zeichnet in ihrem Debütfilm ein intimes Familienportrait, das Herkunft und Lebenswege hinterfragt – und zeigt, wie wichtig letztendlich gegenseitige Wertschätzung für jeden einzelnen ist. Ihr Film habe nur wenige Tage vor den Vorführungen in Thessaloniki die offizielle Anerkennung ihres Onkels Roy, für den Dokumentarfilme eigentlich keine richtigen Filme seien, als „sehr guter Film“ bekommen, erzählt die Regisseurin schmunzelnd beim Q&A.

Q&A nach der Weltpremiere von Lidia Dudas Forest mit den Protagonist*innen

Forest von Lidia Duda führt in eines der ältesten Waldgebiete Europas am Rand von Polen. Dorthin ist eine junge Familie mit ihren drei kleinen Kindern gezogen, um jenseits des bürgerlichen Mainstreams unbehelligt von der Welt zu leben. Doch ihre heile Enklave im Einklang mit der Natur wird schwer erschüttert, als sie in ihrem Waldgebiet nicht nur Tiere beobachten können, sondern auf mehr und mehr Menschen treffen: Geflüchtete, die von der belarussischen Grenze aus ihren Weg in die EU suchen. Plötzlich sieht sich die Familie in ihrem abgelegenen Haus mit den Auswirkungen der Weltpolitik konfrontiert. Für die Eltern wird es zu einer riesigen Herausforderung, helfen zu wollen und gleichzeitig ihre kleinen Kinder nicht mit dieser Situation zu überfordern, die diese erst verstehen lernen müssen. Zur Premiere in Thessaloniki war die 5-köpfige Familie zu Gast und die Mutter hat davon berichtet, wie sehr ihnen die lange andauernde Extremsituation mit den vielen hilfsbedürftigen Menschen im Wald zu schaffen gemacht habe, aber sie würden jederzeit wieder menschlich handeln und helfen, sie könnten nicht anders. Eine bewundernswerte Einstellung – und ein sehr sehenswerter Film.

A New Kind of Wilderness von Silje Evensmo Jacobsen startet mit einem ähnliche Setting: eine junge Familie mit drei Kindern, die in Norwegen auf dem Land leben, und plötzlich wird ihr Leben aufgewühlt. Die ersten Filmminuten zelebrieren ein wunderbar perfektes Aussteiger-Familienleben – bis es durch den Tod der Mutter ein jähes Ende findet. Plötzlich sitzt der trauernde Vater mit den drei Kindern alleine auf dem Hof, den er nicht wird halten können, da seine Frau die Hauptverdienerin der Familie war. Die Regisseurin begleitet ihre Protagonist*innen über einen längeren Zeitraum, wodurch miterlebbar wird, wie der Vater und die Kinder über die Jahre individuell und als Familie mit der Situation zurechtkommen. Themen wie Zuhause und Heimat (der Vater stammt aus England und ist nicht richtig heimisch in Norwegen), Selbstverwirklichung und Zwänge (Schule oder Heimunterricht für die Kinder), naturverbundenes alternatives Leben vs. technisiertes städtisches Mainstream-Leben, und die Suche nach Zugehörigkeit umkreist der Film in der emotionalen Nähe zu seinen Protagonist*innen auf sehr persönliche und doch universelle Weise.

Filmstill aus Nocturnes von Anirban Dutta und Anupama Srinivasan

Zwei Filme im Programm waren jeweils ganz eigene Reisen mit speziellem Sog: Die indische Produktion Nocturnes von Anirban Dutta und Anupama Srinivasan (ausgezeichnet mit dem WWF Hellas Award für den besten Umwelt-thematischen Film des Festivals) und der slowenische Film A Tree Grows in my Dreams every Night von Vid Hajnšek. Ersterer folgt einer Biologin in die dichten Wälder der Himalaya-Region während ihrer Forschungsarbeit an einer speziellen Motten-Art. Monatelang verbringen sie und ihre lokalen Helfer die dunklen Nächte um den Neumond damit, Motten anzulocken und zu fotografieren, um sie später bezüglich ihrer Größe und ihres Vorkommens auswerten und Rückschlüsse ziehen zu können, wie die Ergebnisse mit dem Klimawandel zusammenhängen. Klingt als Inhaltsangabe nicht besonders spannend, entpuppt sich aber im dunklen Kinosaal als ein entschleunigendes cinematisches Seh- und Hörerlebnis, das beeindruckt.

Auch A Tree Grows in my Dreams every Night von Vid Hajnšek war fast so etwas wie ein transformatives Erlebnis: Eine Reise durch die slowenische Landschaft, ein Eintauchen in Zeit und Raum, eine Bewegung durch Zeiten und Räume. Die Gedichte des Großvaters des Regisseurs und die Portrait-Fotografien eines alten Fotografen – der Regisseur folgt ihren Spuren, findet alte Portraitierte und stößt auf junge Dorfbewohner. Eine ganze Band inklusive Schlagzeug passt in eine kleine Küche. Ein traumwandlerisches Spiel aus Licht und Lärm füllt einen Eisenbahnwaggon. Experimentell montiert entwickelt sich ein teilweise fast tranceartiger Sog. Ein bewegendes Erlebnis.

Filmstill aus where we used to sleep von Matthäus Wörle

Gleich drei deutsche Produktionen feierten übrigens ihre Weltpremieren im Internationalen Wettbewerb in Thessaloniki: Johatsu – Into Thin Air von Andreas Hartmann und Arata Mori, Pol Pot Dancing von Enrique Sánchez Lansch – und where we used to sleep von Matthäus Wörle. Eigentlich etwas absurd, aus Deutschland nach Griechenland zu reisen, um dort dann ausgerechnet einen Abschlussfilm der HFF München als echtes Highlight zu entdecken. Aber gleichzeitig ganz wunderbar, dort am Pier mit Regisseur Matthäus Wörle zu reden und aus erster Hand über die Hintergründe der Produktion von where we used to sleep zu erfahren:

Die alte rumänische Bäuerin Valeria, die in einem der letzten Häuser des Dorfes Geamăna lebt, das noch nicht im giftigen Schlamm der benachbarten Kupfermine versunken ist, war schon die Protagonistin seines 30-minütigen Drittjahresfilms Geamăna (zu sehen hier in der ARD-Mediathek). Und obwohl ihm alle davon abgeraten haben, hat er sich dazu entschieden, an ihrer Geschichte dranzubleiben und über 2 Jahre hinweg mit ihr weiter zu drehen. Denn es war klar: irgendwann würde auch sie ihr Haus verlassen müssen. Entstanden ist where we used to sleep, mit einfühlsamem Blick auf Valerias Alltag zusammen mit ihrer riesigen Kuh Păuna und ihrem kleinen Hund Duracell. Ein ungleiches Dreiergespann, deren Interaktionen für leichte Momente sorgen, in dieser in ihrer Unausweichlichkeit so tragischen Geschichte. Dazu die großartig fotografierten Landschaftstotalen, die – in ihrer fast surrealen Schönheit in ihrem Blick auf die zugrunde liegende bittere Realität – eine Reibung in der Wahrnehmung von Umwelt(-Zerstörung) erzeugen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

© 2024 | gegenschnitt | | WordPress Theme: Annina Free by CrestaProject.
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner