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INCEPTION und andere Träume

Filmgeschichtlich fundierte Gebrauchsanleitung zum Traum im Film

Christopher Nolan | INCEPTION | USA, Großbritannien 2010

Na, schon Inception gesehen und dabei ein wenig den festen Boden unter den Füßen verloren? Fast das Hirn ausgekugelt,  beim Versuch verlässliche Anker in Film-Raum und Zeit zu werfen, die flexibel genug sind, den narrativen Kicks standzuhalten? Bei der Suche nach interpretatorischen Anhaltspunkten desorientiert über die  ganzen ‚Wirklichkeitsstufen‘ gestolpert?

Vielleicht kann ich beim kognitiven Sortieren ein wenig helfen. Ich habe mir nämlich schon mal vor Jahren ausführlich den Kopf über solche Zusammenhänge zerbrochen (( was zum erfolgreichen Abschluss des Studiums der Filmmontage  führte – mithilfe der theoretischen Diplomarbeit Montage als Schnittstelle zwischen den Realitäten. Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit in Alejandro Amenábars Abre los Ojos Dieses 93-Seiten-Werk von 2002 ist zwar eine filmwissenschaftliche Arbeit, liest sich aber recht unterhaltsam – behaupte ich mal so. Daher habe ich sie jetzt aus aktuellem Anlass  kurzentschlossen aus der Schublade ins Blog gehievt)). Anlass war Abre los Ojos von Alejandro Amenábar, 1997 ein echter – aber vielfach übersehener – Höhepunkt von mindfuck movie, ein Traum von einem Film sozusagen.

Mit Inception hat Christopher Nolan auf diesem Gebiet nun einen neuen Climax erreicht. Dass er komplexe narrative Konstruktionen sowohl vorwärts als auch rückwärts durchdeklinieren und bändigen kann, hat er schon mit Memento eindrücklich bewiesen. Da ging es um das Gehirn und das Phänomen Gedächtnis. Das Gehirn fasziniert ihn weiterhin, jetzt in Bezug auf das Phänomen Traum:

>> Ich beschäftige mich sehr intensiv mit meinen Träumen und ihren Botschaften und versuche seit Jahren zu verstehen, wie es unser Gehirn schafft, im Schlaf komplette Welten zu erträumen. Wir können darin sprechen, hören, sehen und fühlen – und da wir währenddessen unzweifelhaft im Bett liegen bleiben, wandern wir de facto durch eine Parallelwelt. Was wäre, wenn es dazwischen Türen gibt? Wenn Manipulationen des Unterbewusstseins die Realität verändern? <<

Christopher Nolan

In der Vorbereitung sprach er mit Wissenschaftlern, die sich mit Schlaf und Traum auskennen. Wer dank Inception jetzt in verträglicher Dosis mehr über das Phänomen Traum wissen will, dem helfe ich gerne aus mit dem, was ich dazu zusammengetragen habe. Dasselbe gilt für Fragen zur Auswirkung von Narration, Erzählperspektive und Erwartungshaltung des Zuschauers auf die Filmrealität.

Meine Zusammenstellung der filmischen Markierungsmöglichkeiten zum Wahrnehmbarmachen der Schnittstellen zwischen den verschiedenen Realitäten ist eine bewährte Werkzeugkiste, auf die man immer gut zurückgreifen kann.

Der Traum als solcher wurde übrigens schon früh in den Film eingepflanzt: Traum und Film sind seit den Anfangstagen der Filmgeschichte ein Traumpaar und Filmmontage ist der geschickte Ehestifter. Die Anfänge waren einfach und immer eindeutig zu durchschauen. Doch mit den Jahren wurde es komplizierter (gemacht) objektive Darstellung und subjektive Wahrnehmung auseinanderzuhalten. Doch der Zuschauer ist ja – wie zum Glück viele Regisseure wissen – nicht blöd. Da ist es nur fair, dass er mit seinen über die Jahre der Filmgeschichte immer besser trainierten Sehgewohnheiten mehr und mehr gefordert wird, das Puzzle aus Zeit und Raum selbst zusammenzusetzen. Und ein guter Mindfuck kann ja durchaus Lust  – und, wenn einem die Narration den richtigen Kick gegeben hat –  durchaus auch Befriedigung bereiten.

Wahre Nerds haben sogar schon eine analytische Graphik der ‚Wirklichkeitsstufen‘ in Inception erstellt. Auch hier ein gutes Schaubild der ‚Wirklichkeitsstufen‘. Und Spezialisten für komplizierte narrative Zusammenhänge, wie Damon Lindelof, der Co-Creator von Lost, haben natürlich auch eine schlüssige Erklärung für das Ende (( da ich diesen Text am Vorabend meiner ersten jungfräulichen Inception-Sichtung verfasst habe, habe ich die 3 letzten Links hier in den Text integriert, ohne dass ich sie bewußt studiert habe, ich will mir doch meinen langerwarteten Mindfuck nicht spoilern…)).

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