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IFFMH 2017: „When You Least Expect It“ & „The Man Who Looks Like Me“ aus Estland

Traurige Gestalten mit trockenem Humor: Zwei Filme aus Estland im Wettbewerb beim 66. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. „The Man Who Looks Like Me“ von Andres und Katrin Maimik und „When You Least Expect It“ von Mart Kivastik.

„Jeder verdient sein eigenes beschissenes Leben“.

Eine Lebensweisheit wie ein Schlag vor den Kopf: Es tut weh, aber rüttelt wach. Genau das, was die Protagonisten in den beiden estnischen Filmen im Wettbewerb des Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg gut gebrauchen können, um am Ende glücklich zu werden. In der Tragikomödie The Man Who Looks Like Me sind es der 35-jährige Popmusik-Kritiker Hugo und sein Vater Raivo, die sich in Selbstmitleid ergehen, wenn der Zuschauer ihnen begegnet. Hugo wurde von seiner Frau betrogen und muss sein Buch fertig schreiben, sein Vater trauert seiner gescheiterten Musiker-Karriere hinterher und um seine Gesundheit ist es auch nicht gut bestellt. Im Ferienhaus an der Küste treffen sie aufeinander und auf die Psychotherapeutin Marian. Eine Begegnung, die Bewegung in die „beschissenen Leben“ der beiden voneinander entfremdeten Männer bringt.

Sehenswert ist dabei vor allem die verschrobene Vaterfigur (schön schräg gespielt von Roman Baskin), die man aus der Position des Zuschauers leichter lieben kann, als wenn man der Sohn wäre. Laut Filmemacher Andres Maimik, der zusammen mit seiner Frau Katrin Maimik das Drehbuch und die Regie verantwortet, basiert der Film auf persönlichen Beziehungen und Erfahrungen: „Das Material ist gründlich durchlebt und durchlitten. Wir wissen, wovon wir erzählen“. Sie erzählen von Grenzüberschreitungen und Peinlichkeiten, von Entfremdung und Annäherung – im Kern also von Familie und Liebe.

In When You Least Expect It sind es die 41-jährige Viivi und der um die 50-jährige Andu, die durch eine Zufallsbegegnung in ihrem Alltagstrott wachgerüttelt werden und zusammen im Bett aufwachen. In einer Kneipe namens „Misericordia“ treffen die beiden zusammen, denn das Drehbuch meint es zum Glück barmherzig mit den beiden traurig-sympathischen Gestalten, die auch in einem Kaurismäki-Film in guter Gesellschaft wären: Andu macht sich sein allabendliches Bier mit dem Hammer auf, der griffbereit auf dem Kühlschrank liegt. Er lebt bei seiner alten Mutter, ein Arbeitskollege ist sein einziger Freund, er kann schlecht „nein“ sagen, und will er nach Rio, dann landet er in Keflavík – ein Umstand, den der Film zu einem ausführlichen Exkurs durch Island nutzt.

Überhaupt hat sich Filmemacher Mart Kivastik, der für Buch und Regie verantwortlich zeichnet, für eine ungewöhnliche dramaturgische Struktur entschieden: Zuerst lernen wir nur Viivi und ihr Leben kennen. Andu, den Fremden in ihrem Bett, treffen wir erst nach bald 40 Filmminuten in seinem Alltag an – noch bevor Viivi ihn dann kennenlernen wird. Dieser komplette Perspektiv-Wechsel samt Zeitsprung macht – neben den lakonischen Figuren – den Reiz dieses Films aus. Mit ruhigen Bildkompositionen lässt sich When You Least Expect It viel Zeit für die Leere, welche die Protagonisten in ihren Leben fühlen, bevor sie aufeinander treffen. Eine sehr melancholische Komödie, die in der ersten Hälfte durch kurze Einschnitte aus Viivis Gedankenwelt und Erinnerungen mehr humoristischen Drive bezieht, als später in Andus Teil des Films. Aber am Ende finden sich beide wieder zusammen im Bett – und aus den beiden Unbekannten sind für den Zuschauer zwei liebenswerte Gestalten geworden, denen man ein Happy-End wirklich wünscht.

[erschienen in der RNZ vom 13.11.]

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