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Edgar Reitz revisited: DIE REISE NACH WIEN

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Edgar Reitz | Die Reise nach Wien | Deutschland 1973 (restaurierte Fassung 2008)

Edgar Reitz hat die Reise zum 58. Internationalen Filmfestival nach Mannheim und Heidelberg gemacht. Im Gepäck die frisch restaurierten und wiederhergestellten Filmrollen seiner frühen Werke „Die Reise nach Wien“ und „Stunde Null“.

Berühmt wurde er durch sein Mammutwerk „Heimat“. Die Trilogie besteht aus insgesamt 54 Stunden Film, 20 Jahre hat er daran gearbeitet. Jemand, der mit solcher Ausdauer und Hingabe an seinem Werk arbeitet, kann nicht tatenlos zusehen, wie seine frühen Filme dem Fraß der Zeit zum Opfer fallen. Als Edgar Reitz im Herbst 2006 die Anfrage eines italienischen Filmverleihs erhielt, der seine früheren Filme neu herausbringen wollte, musste er feststellen, dass die Filme nach fast 40 Jahren im Archiv in erbärmlichen Zustand waren. Von der Farbigkeit der „Reise nach Wien“ waren nur noch lila-stichige Schemen übriggeblieben – und Lila sei doch die denkbar hässlichste Farbe für sowas, berichtet Reitz am 08. Novermber 2009 im Heidelberger Studio Europa, schmunzelnd. Jetzt, wo die mühevolle und extrem zeitaufwändige Arbeit an der Wiederherstellung getan ist, dauerte doch die Rettung der Filmrollen für Gegenwart und Zukunft volle zweieinhalb Jahre.

Die Enstehungsgeschichte von „Die Reise nach Wien“ vor 40 Jahren, wie sie Edgar Reitz erzählt, ist eine sehr persönliche Geschichte: Bei der Beerdigung seines Vaters hat er mit seiner Mutter in alten Fotoalben geblättert. Dabei stolperte er über Bilder, die die Mutter mit einer Freundin im Jahr 1943 zeigen, todschick gekleidet vor dem Schloss Schönbrunn in Wien. Da stellte er sich die Frage, die er sich bisher nie gestellt hatte: Wer hat das Bild eigentlich gemacht? Das hat seine Fantasie in Gang gesetzt: Was haben diese Frauen aus dem kleinen Ort im Hunsrück eigentlich in Wien gemacht? Und wie kamen sie dorthin?

Im Kriegsjahr 1943 herrschte nach Einbruch der Dunkelheit Verdunkelung in Deutschland. Alle Städte waren stockdunkel, Wien nicht. In Wien lebte man wie zu Friedenszeiten. Dieses Lichterlebnis hat die Menschen verlockt, auf diese Reise zu gehen. So wohl auch seine Mutter. Sie war von Beruf „Modistin“, verkaufte Hüte und schneiderte mit Vorliebe die Kleider der damaligen UFA-Stars nach. Mit der Freundin in Wien hatte sie endlich Gelegenheit, diese Kleider auch entsprechend zu tragen.

„Die Reise nach Wien“ ist eine echte Komödie, ganz so wie Edgar Reitz eine Komödie definiert: Es geht nicht darum, Menschen lächerlich zu machen oder in komische Situationen zu bringen, sondern darum, ganz genau hinzugucken. Denn für Edgar Reitz gibt es im Leben keine klare Unterscheidung in „gut“ und „böse“, es besteht vielmehr aus gemischten Gefühlen. In der Ambivalenz können wir die Welt besser verstehen. Aufgabe des Kinos sei es, die Augen zu schulen und uns zu lehren, mit Anbivalenzen umzugehen

Für den Filmfestivalleiter Michael Kötz ist „Die Reise nach Wien“ ein deutscher Autorenfilm einer zurückliegenden Epoche. Unverschämtheiten, Frechheiten und subversive Merkwürdigkeiten seien in der Geschichte versteckt, so dass man sie auch leicht übersehen könne. „Partisanenhaft“ nennt er diese Taktik des Regisseurs. Der Film sei eine merkwürdige Mischung aus Genres. Es komme ihm so vor, als habe Edgar Reitz damit die Filmsprache nochmal neu erfunden.

Ein sehr eigenes Verständnis von Filmsprache hatte dagegen die Verantwortliche der Verleih-Firma, die den Film in die Kinos brachte (und hinter vorgehaltener Hand den Beinamen „Schnulzenkönigin“ hatte). Sie hat darauf bestanden, dass einzelne Szenen herausgeschnitten werden. Die Traumsequenzen fielen ihrem Dogma „Träume gehen gar nicht“ zum Opfer.  „Schnee“ ging übrigens ebensowenig…

Eine echte Entdeckung ist, dass es schon aus den 70er Jahren einen solchen deutschen Film über die Nazizeit gibt. Eine Komödie, die in manchen Momenten wirklich am besten „frech“ zu nennen ist, die sich nicht um politische Korrektheit schert. 1973 bekam der WDR bei der Austrahlung von „Die Reise nach Wien“ jedoch ein wenig Angst vor der eigenen Courage und hängte einen eigenen Schlusstitel an den Film, um sich für den Humor zu entschuldigen, schließlich seien doch damals ernsthaft Leute gestorben…

Ohne diesen unsäglichen Schlusstitel, mit allen Szenen und nach wie vor ohne Tabus ist „Die Reise nach Wien“ jetzt in frischen Farben wiederzusehen.  Fast 40 Jahre später noch ein subversiver Spaß für Erwachsene. Obwohl vielleicht der Papa, wegen der jungen Hannelore Elsner in vollkommen unverhüllter Schönheit, lieber allein ins Kino gehen will. Und die Mama macht es richtig, wenn sie ihre beste Freundin mitnimmt. Tut doch das mitreißend aufspielende und Chaos stiftende Duo Elke Sommer und Hannelore Elsner das, was beste Freundinnen bis heute schon immer gerne tun: Spaß haben, rumchecken, quatschen und gemeinsam auf die Toilette gehen. Und damit ist jetzt nicht gemeint, dass sie sich im Vorraum gemeinsam schminken.

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Filmdaten:

Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz; Alexander Kluge
Darsteller: Elke Sommer; Hannelore Elsner; Mario Adorf; Nicolas Brieger, Heinz Reincke, Ferdy Mayne
Kamera: Robby Müller, Martin Schäfer
Montage: Claudia Travniczek
Produktion: Edgar Reitz Film (ERF), WDR
FSK: ab 16 Jahre
Länge: 102 Min.

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