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Beim 28. Thessaloniki International Documentary Festival war die rumänische Filmeditorin Dana Bunescu Mitglied der Internationalen Jury, die am 15. März 2026 den Hauptpreis Festivals vergeben hat. Dana Bunescu wurde 2017 bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären für der Schnitt von Ana, von amour (Regie: Călin Peter Netzer) ausgezeichnet. Bei den meisten Filmen von Radu Jude war sie Tonmeisterin und Sounddesignern. Sie hat 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage von Cristian Mungiu geschnitten. Ihre Filmografie umfasst über 50 Einträge als Filmeditorin und 16 gewonnene Auszeichnungen sowohl für Schnitt als auch für Ton. Sie schneidet Spiel- und Dokumentarfilme und ist auch Co-Autorin mehrerer Dokumentarfilme.
Am Morgen nach der Preisverleihung in Thessaloniki nimmt sie sich mitten im Abreisetrubel der internationalen Festivalgäste Zeit für ein entspanntes Gespräch.

[Dana Bunescu, Yorgos Papalios, Caroline Libresco – International Competition Jury 28 TiDF]
Kirsten Kieninger: Ist es dein erstes Mal in Thessaloniki?
Dana Bunescu: Ja. Das zweite Mal in Griechenland und das erste Mal in Thessaloniki. Ich bin die einzige Rumänin, die vorher noch nie in Griechenland war, also vor 2020, obwohl es ein sehr beliebtes Reiseziel für Sommerurlaub ist. Ich hatte einfach nie die Gelegenheit, weil all meine Reisen mit der Arbeit verbunden sind. Und das war’s.
Ich verstehe. Aber es ist nicht dein erstes Mal in einer Jury?
Es ist nicht das erste Mal, aber ich habe solche Einladungen lange Zeit nicht angenommen. Ich wollte nicht in einer Jury sein. Ich weiß nicht genau warum. Ich hatte das Gefühl, dass mein Urteil das Leben oder die Karriere von jemand anderem beeinflussen könnte. In Rumänien sind Preise sehr wichtig, weil sie die Chancen erhöhen, den nächsten Film finanziert zu bekommen. Das war der Grund. Und irgendwie wollte ich diese Art von Verantwortung vermeiden, auch wenn ich gerne Filme schaue und viel darüber diskutiere. Ich wollte nicht diejenige sein, die die Verantwortung für die endgültige Entscheidung trägt. Aber in den letzten fünf oder sechs Jahren habe ich meine Meinung nicht wirklich geändert, sondern eher gedacht: Vielleicht ist es Zeit, diese Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn ich jetzt weiß, dass ich das Leben von niemandem verändern werde. Also sollte ich einfach meine Aufgabe wahrnehmen, mit Verantwortung, aber ohne diese verrückte Idee, dass ich das Leben von jemand anderem verändern kann
Ja, aber das ist wirklich interessant, dass du so über Verantwortung nachdenkst, weil du weißt, wie viel Arbeit es ist, einen Film zu machen, und was es bedeutet, einen Film zu machen. Wie viel Zeit des Lebens darin steckt. Weil ich neben dem Filmschnitt auch Film-Journalistin bin, war ich dadurch in FIPRESCI-Jurys tätig. Und das ist so anders, weil Filmkritiker*innen nicht so über das Handwerk nachdenken.
Ja, das stimmt. Ich bin immer hinter der Kamera, bei den Menschen, die tatsächlich schneiden. Ich bin immer auf der anderen Seite.
Schaust du dann als Jurorin mit dem Blick einer Editorin?
Ich habe ein Editorinnen-Gehirn, man kann es nicht ausschalten. Und ich will es auch nicht bewusst einschalten, weil ich auf Intuition vertraue. Beim ersten Sehen geht es um Intuition, um Gefühl. Man kann nicht so tun, als würde man alles verstehen, denn das tut man nicht. Man kann mit seinem Wissen nicht alle kulturellen Hintergründe oder historischen Aspekte eines Films abdecken. Das geht nicht. Aber Instinkt, Erfahrung und Sensibilität machen es einfacher. Als Editorin muss man sehr sensible Antennen für all diese Dinge haben. Und ich vertraue dieser Intuition und diesem Blick. Und auch als Sounddesignerin höre ich ständig mit offenen Ohren…
Das ist interessant.
Ja, ich mache beides. Ich kann nicht schneiden, ohne Ton zu machen, und ich kann keinen Ton machen ohne den Schnitt zu berücksichtigen. Es gibt Situationen, in denen man nur für den Ton engagiert ist, aber trotzdem Fragen zum Schnitt hat. Ich habe 15 Jahre mit Radu Jude gearbeitet, zehn Filme, als Sounddesignerin. Und manchmal hatte ich Fragen zum Schnitt, und ich habe sie gestellt und mit dem Regisseur diskutiert, ob es nicht besser wäre, etwas anders zu schneiden, damit es besser zum Ton oder zur Hauptidee passt. Das gehört zusammen. Und das mache ich schon seit meiner Studienzeit an der Filmhochschule in Rumänien.
Hast du Film oder speziell Filmschnitt studiert?
Filmschnitt und Ton, weil es ein hybrider Studiengang war. Er wurde Anfang der 90er gegründet.Ich habe zuerst Physik studiert und dreieinhalb Jahre als Physikerin gearbeitet, in den schwierigen 90ern während des Übergangs vom Kommunismus. Es war eine wilde Zeit, besonders für die Forschung. Ich habe in einem Forschungsinstitut in Bukarest gearbeitet, für die elektrotechnische Industrie. Aber das war praktisch das Ende, weil sich niemand mehr für solche Forschung interessierte. Alle wollten Geschäfte machen. Dieser Teil der Gesellschaft musste sich neu erfinden. Aber ich wollte das nicht. Also habe ich beschlossen, bevor ich auswandere, etwas anderes in Rumänien auszuprobieren – und das war Film.
Ich wurde beim ersten Versuch nicht angenommen, auch nicht beim zweiten. Beim dritten Versuch, als ich schon überzeugt war, dass ich nichts mit Film zu tun habe, wurde ich angenommen. Ich hatte zweimal gehört, dass ich nicht gut genug sei. Beim dritten Versuch hatte ich Glück. Ich habe vier Jahre lang Schnitt, Ton und Animation studiert, weil es ein neuer Studiengang war, in dem alles zusammengefasst wurde, was vorher nicht existierte. Vorher gab es nur Regie, Kamera und Drehbuch. Alles andere wurde später ergänzt.
Ich habe auch etwas anderes studiert und bin dann zum Schnitt gekommen. Ich habe habe meinen Abschluss in Kommunikation und Public Relations gemacht habe, und dann habe ich entschieden, dass ich das nicht machen will. Und dann dachte ich, ich gebe dem Ganzen einfach einen Versuch mit der Bewerbung an der Filmhochschule. Wenn sie mich nehmen… – und ich wurde angenommen.
Fantastisch.
Ich habe mich auf Dokumentarfilm spezialisiert. Du machst beides. Dok und Fiktion. Hast du eine Vorliebe?
Es ist unterschiedlich. In den letzten fünf Jahren habe ich mich stärker auf Dokumentarfilm konzentriert. Ich habe vorher auch schon Dokumentarfilme gemacht, aber jetzt interessiert es mich mehr als Fiktion, auch wenn Fiktion am Ende glamouröser ist. Der Unterschied liegt auch in der Zusammenarbeit mit den Regisseur*innen. Menschen im Dokumentarfilm sind oft bodenständiger. Die Bekanntheit beeinflusst sie weniger. Die Verbindung zur Realität empfinde ich als stärker und ehrlicher.
Ich habe viele Fragen in einer Welt, die sich gerade verändert. Dokumentarfilm erlaubt mir, Themen zu finden und zu recherchieren, nicht nur über vorhandenes Material, sondern auch durch eigenes Lesen und Forschen. Das hilft mir, Dinge zu verstehen und meine Angst loszuwerden. In den letzten Jahren habe ich zum ersten Mal echte Angst gespürt. Angst vor dem, was in der Welt gerade passiert. Das treibt mich an. Ich möchte verstehen. Dokumentarfilm ist für mich eine Art Therapie.
Hast du deshalb auch angefangen selbst Regie zu führen im Dokumentarfilm?
Ich sehe mich als Mitautorin, nicht als alleinige Regisseurin. Ich baue Filme. Schnitt ist ein kreativer Beitrag, über den selten gesprochen wird. Es wird immer eine Person als Verantwortliche dargestellt, aber das stimmt nicht. Film ist Teamarbeit. In Rumänien sind viele Regisseur*innen nicht glücklich, wenn man das sagt, aber ich glaube daran. Ein Film hat nicht nur „eine Mutter“, sondern auch einen „Vater“. Es ist Teamarbeit, geführt von jemandem, aber alle tragen stark dazu bei.
Besonders im Dokumentarfilm.
Ja, im Dokumentarfilm besonders. Und ich habe das gewählt, weil ich im Dokumentarfilm mehr Freiheit finde in der Art, wie ich… wir – weil es nicht ich ist, sondern wir – die Handlung aufbauen können. Ich habe das Gefühl, dass wir das im Spielfilm auch können. Ich kann nicht sagen, dass im Spielfilm alles genau so im Drehbuch stand war, wie es dann geworden ist, und ich habe nur die Szenen so montiert. Ich habe nur einen Film geschnitten, der genau so war wie im Drehbuch: Der Tod des Herrn Lazarescu, der ein brillanter Film ist. Brillante Regie, brillantes Drehbuch, brillante Schauspielerei, alles war brillant. Also konnte der Schnitt nicht anders sein als brillant. Aber alles dafür war schon vorhanden. Alles war perfekt. Das war mein erster Film. Alle anderen haben sich im Schnitt stark verändert, besonders im Dokumentarfilm.
Hier beim Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki habe ich sehr interessante Menschen getroffen, sehr interessante Diskussionspartner mit tollen menschlichen Qualitäten. Es ist für mich etwas Neues, hier zu sein und in der Jury und ich hatte diese Gelegenheit, Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen, die ich vorher nie getroffen habe.
Also ist Jury-Arbeit eine Erfahrung, die du genossen hast, und du würdest es wieder tun?
Wenn ich wieder eingeladen werde … es gehören ja zwei dazu. Aber wenn ich das nächste Mal eingeladen werde, werde kommen. Weil ich jetzt weiß, was mich erwartet, was ich bekommen kann: die Kontakte, die menschlichen Verbindungen, die ich herstellen kann. Und es war wunderbar für mich, meine Probleme aus Bukarest hinter mir zu lassen und hierher zu kommen. Ich wusste nicht, was mich erwartet, weil ich diese Erfahrung nicht hatte … wie auch immer, selbst wenn man die Erfahrung hat, kann es jedes Mal anders sein, weil es von den Partnern in der Jury abhängt, davon, wie man mit ihnen verbunden ist, die Art des Humors, weil es sehr wichtig ist, dass der Humor passt. Und tatsächlich, obwohl wir extrem unterschiedlich waren – man hätte kaum unterschiedlichere Menschen finden können als uns – hatten wir diesen Humor, der uns tatsächlich verbunden hat, und es war pure Freude, wirklich.
Hattest du Zeit, neben dem Internationalen Wettbewerb auch Filme in anderen Wettbewerben und Reihen zu sehen?
Nein. Wir hatten 14 Filme, also drei Filme pro Tag, jeden Tag. Ich hoffe, dass ich die Chance haben werde, Filme aus den anderen Sektionen zu sehen, nicht nur die ausgezeichneten.



Einen Film kann ich wirklich sehr empfehlen, aus der Open-Horizon-Sektion: Mariinka von Pieter-Jan De Pue. Gedreht auf 16mm Filmmaterial über 10 Jahre hinweg folgt er dem Lebensweg von 5 jungen Menschen in der Ukrainischen Frontstadt Marrinka. Ich war total erschüttert von diesem Film, es gab nur leider nur eine Vorführung davon. Gab es Filme im Internationalen Wettbewerb, die dir von der Montage her besonders gefallen haben?
Ja, Closure von Michał Marczak, der Film, den wir tatsächlich mit dem Goldenen Alexander ausgezeichnet haben.
Ich habe ihn verpasst. Das ist mein Fluch. Ich verpasse auch bei der Berlinale aus Zeitgründen immer einen Film im Wettbewerb, und das ist der Gewinner…
Sie sollten dich dafür bezahlen …(lacht)… Ich hoffe, die Filmemacher reisen zu vielen Festivals mit diesem Film, weil er es wirklich verdient, in der Art, wie er sich mit dem Protagonisten verbindet. Es ist unglaublich. Du wirst sehen, wenn du ihn siehst, warum dieser Film so besonders ist. Und ich liebe diesen deutschen Film Around Paradise (Regie: Yulia Lokshina, Kamera: Zeno Legner, Montage: Urte Alfs, Sound Design: Alejandro Weyler) …
Den habe ich gesehen, über die von einem Österreicher regierte Kommune Paraiso Verde in Paraguay, ein „sicherer Hafen“ für Verschwörungstheoretiker, Impfskeptiker und Rechtsradikale aus aller Welt.
… Ich hätte einige Teile herausgeschnitten, wo er ein bisschen zu didaktisch wird. Doch das Thema ist sehr mutig, und die Hartnäckigkeit des Teams ist beeindruckend. Über zwei Jahre viermal dorthin zu kommen und dranzubleiben. Und die Art, wie sie mit diesen zwei Realitäten arbeiten: diese geschlossene Gemeinschaft und die paraguayischen Menschen drumherum als Referenzsystem. Und zu verstehen, wohin es gehen kann mit diesem Wahnsinn und dieser Toxizität und diesem Etwas, das keinen Namen hat. Manche sagen Faschismus. Vielleicht sollten wir ein neues Wort erfinden. Aber es enthält diese Idee, die gerade sehr populär ist. Der Film zeigt, wie gefährliche Ideologien entstehen. Das macht mir Angst. Und das macht mir große Angst. Ich habe diesen Film geliebt.
Ja. Und ich mochte wirklich, wie sie den Film angefangen lassen, mit dem Blick von außen über den Zaun.
Ja, ein leicht wirkender Film, bis man sich mit dem Ganzen konfrontiert sieht.
Und man sich immer unwohler fühlt.
Genau. Man bekommt Schwierigkeiten zu atmen. Ich war sehr beeindruckt, auch weil das Team sehr jung war. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Arbeit. Sie haben das ganze Team hier im Olympion-Kino vorgestellt. Und ich war so glücklich zu sehen, dass alle Regisseure ihre Filme hier präsentieren und hierher kommen mit ihrem Team.
Ja. Und einige sogar mit ihren Editor*innen.
Ja, genau.
Aber nicht alle. Und ich war bei zwei Vorführungen, bei denen die Editor*innen da waren, aber sie wollten nicht auf die Bühne kommen.
Sie wollten nicht oder sie wurden nicht vorgestellt?
Eine Editorin wurde sogar gebeten, nach vorne zu kommen, und sie lehnte dankend ab. Ich finde, das ist schade, weil ich finde, Editor*innen sollten sichtbarer sein. Editor*innen können dir so viel über die Filme erzählen, die sie gemacht haben, sie haben so viel Einblick.
Ja. In Rumänien gibt es den Witz, dass Editor*innen nicht sprechen können. Als ich einen Preis bei der Berlinale bekam, habe ich beschlossen zu sprechen. Weil alle Fragen, die zu dieser Auszeichnung kamen, waren: Wer hat das letzte Wort? Wer trifft die Entscheidung? Es ging um Autorität, weißt du. Wer hat das letzte Wort? Warst du wirklich diejenige, die diesen Preis bekommen sollte, oder vielleicht jemand anderes? Diese Frage war schwang implizit mit. Da habe ich realisiert, dass eigentlich niemand, außer den Editor*innen selbst, versteht, was eine Editorin macht. Seit 2017 spreche ich über meine Arbeit, weil ich meine Arbeit kenne. Aber ich kann sie auch verallgemeinern und den Beitrag extrapolieren, den Editor*innen leisten.
Ich habe auch angefangen, darüber zu sprechen, weil offenbar in einem Land, in dem die Idee von Autoritarismus sehr stark in der allgemeinen Mentalität verankert war, niemand verstehen konnte, dass es eigentlich nicht um Hierarchie geht, sondern um Partnerschaft.
Das habe ich auch in den Fragen in einer Masterclass erlebt, zu der mich der dänische Editor Niels Pagh Andersen eingeladen hat. Er war 2022 eingeladen worden, online eine Masterclass in Kiew zu geben. E r wollte keine klassische Masterclass machen. Er wollte einen Dialog, und er wollte diesen Dialog mit mir führen. Und es war faszinierend zu sehen, welche Fragen das Publikum gestellt hat – an einen Mann aus Westeuropa, der das Recht hat, Co-Autor zu sein und als Künstler gesehen zu werden – und dann diese Fragen, die ich bekam. Diese Fragen darüber, wer der Chef ist, wer das letzte Wort hat – genau dieselben. Und ich sagte ihnen: Erkennt ihr, dass ihr zwei Personen, die die gleiche Arbeit machen, mit der gleichen Energie, dem gleichen Engagement, der gleichen Verantwortung, unterschiedlich behandelt? Aber ihr seht uns unterschiedlich. Und ich habe verstanden, dass das in der Mentalität liegt, in dieser Region, in Osteuropa, wo wir lange unter Diktaturen gelebt haben. Das kommt aus dieser stark hierarchischen Art, Gesellschaften zu strukturieren. Das war sehr eindrücklich für mich, weil ich das aus Rumänien kannte. Und das war der Grund, warum ich angefangen habe, nach draußen zu gehen, zu sprechen, zu arbeiten, mit Menschen auf Augenhöhe. Und ich war überrascht, aber nicht völlig überrascht, zu sehen, dass es nicht nur in Rumänien so ist, sondern ein Teil unserer allgemeinen Mentalität.
Ja, Filmeditor*in zu sein ist viel mehr als ein Beruf, wirklich.
Ja, es ist eine Wahl. Eine Lebensentscheidung. Es ist etwas, das mir erlaubt, viele andere Leben zu leben, weißt du? Denn mit den Fragen zu leben, die ein Film auf den Tisch bringt, ist etwas, das mir erlaubt, ein reicheres Leben zu führen. Und wirklich, auf diese therapeutische Weise, von der ich am Anfang gesprochen habe – all diese Fragen auf dem Tisch zu haben und einige Antworten darauf, vielleicht keine vollständigen Antworten, vielleicht falsche Antworten, aber trotzdem zu versuchen, Antworten zu finden – erlaubt mir, mich zu entlasten und manchmal einfach leichter einzuschlafen. Und du? Was hast du gewählt? Warum hast du dich für diesen Bereich entschieden?
Bevor ich mich entschieden habe, mich an der Filmhochschule zu bewerben, habe ich darüber nachgedacht, was meine Stärken sind. Was sind meine Interessen, was kann ich wirklich gut? Und ich dachte: Ich kann viele Dinge ein bisschen gut. Ich liebe das Kino, ich arbeite gerne mit Bildern, Tönen, Musik, Sprache – und in der Filmmontage kommt das alles zusammen. Also war es genau das!
Eigentlich wollte ich die zweite Marie Curie werden. Aber mit der Politik kann man keine Spiele machen. Also war es in den 90ern unmöglich, diese Ambition zu haben. Und ja, ich wurde stattdessen die erste Dana Bunescu, was nicht unbedingt schlecht ist.
Aber du bist glücklich mit deinem Lebensweg, oder?
Es ist nicht schlecht. Nein, ich empfinde keine Reue. Manchmal bekomme ich Panik. Ich hatte in den letzten fünf Jahren zwei Burnouts, bei denen ich ein Jahr lang aufhören musste, weil ich kein Interesse mehr an Filmen hatte, am Filmemachen. Und ich hatte wirklich schwere Zeiten. Und es war die Frage: Wie soll ich ohne Kino leben? Aber ich sagte mir: Okay… ich habe kein Haus, aber diese Arbeit als Editorin ist sehr schlecht bezahlt in Rumänien. Und ich hatte zum Beispiel diesen Moment, als ich an der Die Autobiographie des Nicolae Ceaușescu gearbeitet habe: all dieses Material zu sehen, besonders aus den 80ern – es war sehr schwierig, das anzusehen, weil es in meinem Kopf und meinem Körper widerhallte. Jedes Bild. Und ich bekam Panik. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht weitermachen kann. Und der Produzent sagte: Okay, ich werde jemanden anderen bitten, das Material zu sichten, und du schneidest dann nur. Aber ich sagte: Das ist unmöglich. Das ist unsinnig. Ich muss es selbst alles sehen. Aber gib mir Raum. Ich muss diese Panik fühlen. Wenn ich nichts fühle, ist das schlecht. Dann bringt mir das gar nichts. Also es ist nicht einfach.
Zum Beispiel bei dem Film, an dem ich gerade arbeite, mit zwei jungen Regisseur*innen aus Rumänien – eine hat in Santa Cruz Regie studiert, die andere ist Journalistin – sie wollten einen Film über eine rumänische Pfingstgemeinde in Arizona machen. Das ist sehr ähnlich wie Around Paradise. Und es war sehr toxisch, das Material anzusehen. Ich habe drei Monate lang 200 Stunden Material gesehen. Und genau in dieser Zeit waren auch die Wahlen in Rumänien. Zwischen Januar und Ende März habe ich das Material gesehen. Dann musste ich zwei Monate pausieren, bis die Wahlen vorbei waren. Und jetzt haben wir den richtigen Präsidenten für schwierige Zeiten. Dann habe ich weitergearbeitet, von Juni bis jetzt. Und ich wurde wirklich „vergiftet“ von dem Material. Ich arbeite allein. Ich bespreche vorher viel mit den Regisseur*innen, aber dann brauche ich Zeit allein mit dem Material. Das ist der beste Weg für mich. Und das, was ich am meisten mag, sind diese vorbereitenden Gespräche. Wir sprechen mehr über uns selbst als über den Film. Es ist wie eine Therapie. Bevor es ein Schneideraum ist, ist es ein Therapieraum. Wir sprechen über uns, unsere Gefühle, unsere Interessen, und so kommen wir zu einem gemeinsamen Verständnis. Und daraus entstehen oft Freundschaften.
