Schauspielerin Juliette Binoche war mit ihrer ersten Regie-Arbeit In-I In-Motion beim 28. Thessaloniki International Documentary Festival zu Gast und hat über ihre Erfahrungen hinter der Kamera gesprochen – oder besser: über ihre Erfahrungen im Schneideraum. Denn gedreht hat das Material ihre Schwester.
2007 hat Juliette Binoche sich auf ein Wagnis eingelassen: zusammen mit dem renommierten britischen Choreografen und Tänzer Akram Khan hat sie in 7 Monaten das Tanz-Theaterstück In-I auf die Beine gestellt. Beide begaben sich bei dieser Zusammenarbeit auf jeweils neues Terrain und lernen voneinander: Khan die Schauspielerei, Binoche das professionelle Tanzen. Das Abenteuer gelingt, in über 100 Vorstellungen stehen, tanzen, spielen sie gemeinsam auf der Bühne. Ein emotionaler Kraftakt für beide, dessen Entstehung Juliette Bichoches Schwester Marion Stalens intensiv mit der Kamera begleitet hat.
Fast 20 Jahre später hat sich Juliette Binoche auf ein neues Abenteuer eingelassen: ihre erste Regie-Arbeit. Aus dem damals gedrehten Material hat sie ihren ersten Dokumentarfilm gemacht: In-I In Motion. Eine Erfahrung, die besonders im Schneideraum eine Herausforderung war, wie sie in Thessaloniki dem Publikum berichtet:
Als ich an dem Film arbeitete, war ich überrascht. Ich erinnere mich an meine erste Editorin – sie arbeitete so schnell mit der Tastatur und allem. Es gab einen Moment, in dem sie allein arbeitete. Ich fragte sie: „Was machst du?“ Und sie sagte: „Lass mich etwas ausprobieren.“ Ich sagte: „Okay, probier etwas aus.“ Dann schnitt sie eine Szene, die wunderbar aussah. Ich war irgendwie fasziniert, aber ich wusste nicht genau, was da passiert war. Nach einer Weile merkte ich, dass sie zwar eine Szene aus dem Material zusammengeschnitten hatte, das sie zur Verfügung hatte – aber es war nicht wirklich das, was passiert war. Also musste ich eingreifen und sagen: „Moment mal, das ist nicht das, was ich erlebt habe!“ Und sie sagte: „Das macht nichts, denn es ist Fiktion. Dokumentarfilm ist Fiktion.“ Ich sagte: „Nein! Nein, denn was ich erlebt habe, habe ich wirklich erlebt. In gewisser Weise mag es Fiktion sein, denn unser ganzes Leben ist irgendwie auch eine Art Fiktion, und wir leben darin wie in einem Spiel. Aber es gibt eine Wahrheit, die vorhanden sein muss. Deshalb habe ich mir beim Schnitt immer die Frage gestellt: Was ist die Wahrheit? Wie möchte ich die Wahrheit erzählen? Ich versuchte wirklich, ganz nah an das heranzukommen, was ich selbst durchlebt hatte. Es war eine Art Kampf, weil es für mich nicht in Frage kam, dass jemand anderes die Kontrolle über das übernimmt, was sich abgespielt hat. Denn ich habe es erlebt. Also weiß ich, was wir – oder was ich – durchgemacht haben. Deshalb habe ich auch bestimmte Einstellungen im Film zugelassen, die ziemlich lang sind. Und auch, weil meine Schwester mich in gewisser Weise häufiger gefilmt hat als Akram. Sie hat mir also ermöglicht, einige Momente zu zeigen, die ich während des kreativen Prozesses durchlebt habe.
Mit dem fertigen Film ist Juliette Binoche seit seiner Premiere im September 2025 beim San Sebástian International Film Festival auf Festival-Tour – und hat lange gebraucht, den Film wirklich loszulassen. Die Version, die jetzt in Thessaloniki gezeigt wurde, ist eine andere als noch vor ein paar Monaten. Denn immer wieder hat sie den Film angefasst und geändert. In seiner jetzigen Form wird der Film dann auch weltweit in die Kinos kommen, in Frankreich ist der 10.Juni 2026 offizieller Starttermin.
Das Genre des Dokumentarfilms liegt Juliette Binoche am Herzen, das wird aus ihren Worten deutlich:
Ich denke, Dokumentarfilme sind sehr wichtige Werkzeuge, weil sie es erlauben, wirklich tief in ein Thema einzutauchen. Es ist nicht nur ein Newsflash, der in ein paar Sätzen vorbeigeht, sondern Themen werden wirklich entwickelt, und man kann sich viel bewusster darüber werden, was eigentlich passiert. Deshalb sind sie definitiv eine sehr wichtige Kunstform, die in der Welt gezeigt werden muss. Ich verehre die Arbeit von Frederick Wiseman. Er ist vor ein paar Wochen gestorben. Für mich war er der Maestro des Dokumentarfilms. Ich hatte die Chance, ihn zu treffen. Dokumentarfilmer haben etwas ganz Besonderes an sich … ich würde mich selbst nicht so nennen. Ich hatte das Privileg, das Material meiner Schwester zu verwenden. Sie macht Dokumentarfilme und kennt den ganzen Prozess. Durch sie weiß ich mehr darüber. Aber ich denke, Dokumentarfilmer sind Krieger. Sie versuchen zu überleben – sie verdienen mit ihren Filmen nicht viel Geld, und es ist ein ständiger Kampf. Aber ich denke, es ist ein Kampf, der sich lohnt. Denn wir brauchen diese Dokumente, um der Wahrheit darüber näherzukommen, was wirklich geschieht. Natürlich kann auch in fiktionalen Filmen etwas davon enthalten sein – es gibt dort gewissermaßen eine dokumentarische Seele. Aber Menschen, die vor Ort sind und manchmal sogar ihr Leben riskieren, um die tatsächliche Realität dessen zu zeigen, was passiert, verdienen großen Applaus. Wir sollten diese Krieger wirklich würdigen.
Das 28. Thessaloniki International Documentary Festival ist auf jeden Fall ein Ort, wo genau dies stattfindet. Mit mehr als 250 Dokumentarfilmen, die hier vom 5. bis 15. März 2026 gezeigt werden. Und Dokumentarfilmern aus aller Welt, egal ob Veteranen des Genres oder Debütanten, die ihre hart erarbeiteten Schätze dem Publikum präsentieren.
[Kirsten Kieninger]
