Was macht ein gutes Dokumentarfilmfestival aus? Natürlich die Filme selbst — ihre Welten, ihre Perspektiven, ihre Fragestellungen. Doch Thessaloniki, das seit 1999 zu den wichtigsten Foren Europas für Dokumentarfilm zählt, versteht sich nicht nur als jährliche Bühne. Zwischen dem Olympion Kino und den Spielstätten am Hafen entsteht vom 5. bis 15. März wieder ein lebendiger Resonanzraum für Dokumentarfilmer:innen und Publikum. Ein Ort, an dem Filme nicht einfach konsumiert, sondern als Erfahrung gelesen, geteilt und weitergedacht werden. In einer Welt, die zunehmend zwischen algorithmischen Endlosschleifen und medienpolitischen Fragmentierungen zerschellt, setzt das 28. Thessaloniki International Documentary Festival ein Zeichen: für Öffentlichkeit, für Diskurs, für Achtung von Vielfalt und Komplexität.
Die visuelle Erscheinungsbild des Festivals hat in diesem Jahr der griechische Künstler Alexandros Psychoulis designed: Auf dem Festival-Poster erhebt sich der ikonische Kran am Hafenpier von Thessaloniki – eine Metapher für das, was Dokumentarfilm tut: er hebt Schichten aus dem Alltag, sortiert Fragmente von Leben und Zeit und legt sie bereit zur Betrachtung.
Mit 252 Filmen, darunter 80 Weltpremieren, reizt dieser Festivaljahrgang den Rahmen eines Elf-Tage-Events voll aus. Neben neuesten internationalen Highlights und Klassikern der Retrospektive ist in den Wettbewerbs- und Sondersektionen eine lebendige griechische Filmszene präsent mit insgesamt 57 Filmen. Das Spektrum reicht von politisch aufgeladenen Arbeiten über intime Porträts bis zu experimentellen Formen der Bildsprache. Das Programm ist keine bloße Werkschau, sondern wirkt wie eine kartografische Vermessung unserer Gegenwart: Kriege, Identitätspolitiken, Erinnerungskultur, Fragen nach Wahrheit und Manipulation: Die Filme verhandeln keine Trends, sie reagieren auf Realitäten.

Eröffnet wird das Festival mit der internationalen Premiere von Ask E. Jean von Ivy Meeropol – ein Dokumentarfilm über die Journalistin und Autorin E. Jean Carroll, die Donald Trump zweimal in Gerichtsverfahren schlug und deren juristische Auseinandersetzungen mit Donald Trump weit über den Gerichtssaal hinausreichen. Was den Film so brisant macht, ist weniger der prominente Gegner als die Frage nach öffentlicher Glaubwürdigkeit, medialer Inszenierung und der Langzeitwirkung von #MeToo. Ein politischer Auftakt, der Programmatik und Selbstverständnis des Festivals bündelt: Film als Widerstand, Reportage, Lebensgeschichte und Medienanalyse zugleich.
Im diesjährigen Themenschwerpunkt All the World’s Memory widmet sich des Festival dem Archiv als politischem Raum. Kraft und Fragilität des Archivs werden reflektiert — auf der Leinwand in 22 Filmen, in Diskussionen und Masterclasses. In Zeiten digitaler Überfülle stellt sich die Frage neu: Wer bewahrt? Wer löscht? Wer erzählt Geschichte?
Sehr passend zu All the World’s Memory wird der legendäre amerikanische Filmemacher Bill Morrison mit einer Retrospektive gewürdigt. Morrison ist der vielleicht wichtigste Chronist des filmischen Verfalls – sein Arbeiten mit beschädigtem Archivmaterial hat das dokumentarische Bild selbst zum Thema gemacht. Der „Poet der verlorenen Filme“ erhält den Golden Alexander Ehrenpreis. Morrison arbeitet seit Jahrzehnten mit Archivfragmenten, deren chemischer Verfall selbst zur Metapher für Erinnerung wird. Seine Filme sind Meditationen über Zeit und Vergänglichkeit. Seine Masterclass dürfte einer der intellektuellen Höhepunkte des Festivals werden.
Eine zweite große Retrospektive und Ehrung ist Vouvoula Skoura gewidmet. Die Pionierin der griechischen Dokumentarfilmlandschaft wird mit einem Goldenen Alexander und einer umfangreichen Filmschau gefeiert; Zwanzig Filme aus mehreren Jahrzehnten – das ist keine nostalgische Rückschau, sondern eine Chance zur Neubewertung oder auch Neuentdeckung. Skouras Werk steht für ein griechisches Dokumentarkino, das soziale Kämpfe stets mit poetischer Sensibilität verbindet.
Auch dem Filmproduzenten Yorgos Papalios wird in Anerkennung seiner Arbeit als Produzent, Förderer und Mentor des griechischen Dokumentarfilmkinos ein Golden Alexander für sein Lebenswerk verliehen, inklusive einer eigenen Filmvorführung und Jurypräsenz während des Festivals.

Ein weiters Highlight, das man bei einem Dokumentarfilmfestival eher nicht erwarten würde: Juliette Binoche wird persönlich in Thessaloniki zu Gast sein. Nicht als Schauspielerin im klassischen Sinn, sondern als Regisseurin ihres eigenen Dokumentarfilms In-I In Motion – einer filmischen Auseinandersetzung mit Tanz, Bewegung und Begegnung, entstanden in Zusammenarbeit mit dem britischen Choreografen Akram Khan. Das Festival öffnet damit auch Räume für künstlerische Selbstbefragung und künstlerische Selbstverortung. In einer Publikums-Diskussion mit dem Titel “Vor und hinter der Kamera: Mein Regiedebüt im Dokumentarfilm“ wird Juliette Binoche von ihre Erfahrungen erzählen. Als Präsidentin der Europäischen Filmakademie wird sie auch 2027 wieder nach Griechenland reisen: die Preisverleihung des Europäischen Filmpreises wird im Januar in Athen stattfinden.
Ein weiterer hochkarätiger Gast ist angekündigt: Desmond Child. Der weltberühmte Songwriter und Produzent (der Hits von Aerosmith über Bon Jovi und Kiss bis zu Robbie Williams oder Katie Perry verantwortet) wird zur Weltpremiere des Films Desmond Child Rocks the Parthenon gemeinsam mit der Regisseurin des Films, Heather Winters, und dem renommierten griechischen Komponisten Phoebus anwesend sein. Der Film dokumentiert das historische Benefizkonzert, das Desmond Child am 27. Juni 2022 im antiken Odeon des Herodes Atticus in Athen gab. Dieses Konzert (mit Auftritten von Rocklegenden wie Alice Cooper, Bonnie Tyler, Rita Wilson, Sakis Rouvas und The Rasmus) unterstützte die Rückführung der Parthenon-Skulpturen nach Griechenland.
Zum Abschluss des Festivals wird der mit einer Oscars®-Nominierung versehene Film Mr. Nobody Against Putin gezeigt und die Preisverleihung mit der Live-Übertragung der Academy Awards verbunden. Mr. Nobody Against Putin erzählt von zivilem Widerstand im heutigen Russland. Ein Dokumentarfilm, der unter repressiven Bedingungen entstanden ist. Keine laute Agitation, sondern stille Beharrlichkeit – und genau darin liegt seine Sprengkraft.
Während seiner 11 Tage wird das Festival in Thessaloniki so viel mehr bieten als nur Filmpräsentationen: ein umfangreiches Archiv- und Diskursprogramm – Ausstellungen, Diskussionen und Kooperationen mit Kulturinstitutionen schaffen ein Kosmos, in dem Dokumentarfilme nicht nur gesehen, sondern verstanden und eingeordnet werden können. Für Filmliebhaber:innen, Kritiker:innen und jene, die den Dokumentarfilm nicht als Genre, sondern als Haltung verstehen, ist dieses Festival auch dieses Jahr wieder ein Muss — ein dichter, spannender, manchmal herausfordernder Spiegel unserer Zeit. Wer sich darauf einlässt, reist nicht nur ans Mittelmeer. Sondern mitten hinein in die Debatten unserer Zeit.
[Kirsten Kieninger]
