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EIN SOMMERSANDTRAUM

Absurd, romantisch, skurril, komisch, surreal und einfallsreich – aber synchronisiert

EIN SOMMER SAND TRAUM | Peter Luisi | Schweiz 2011

„Um was geh’ts?“ – „Ein Mann verliert Sand.“ – „Was verliert er???“ – „Sand.“  So seien die Gespräche oft abgelaufen, wenn er nach dem Plot seines neuen Films gefragt wurde, erzählt Peter Luisi im Interview.

„Eine schöne Metapher“ konstatiert im Film der Psychotherapeut, den Benno  aufsucht. Doch Benno verliert tatsächlich Sand. Irgendwann beginnt es plötzlich aus ihm herauszurieseln. Das stört bei seiner Arbeit im Geschäft für Philatelie, wenn er sich gerade über seltene Briefmarken beugt. Das stört beim Abendessen mit seiner Freundin, wenn auf die Spaghetti statt geriebenem Käse körniger Sand rieselt. Der Sand rieselt auch, wenn Benno schläft, beim Aufwachen findet er mehr und mehr Sand in seinen Laken. Das verunsichert ihn. Fast noch mehr beunruhigt ihn allerdings, dass er im Schlaf romantische Träume mit seiner  Nachbarin Sandra (Frölein Da Capo ) hat, die ihm mit ihren Proben als Einfrauorchester in ihrem Cafe unter seiner Wohnung den letzten Nerv und oft genug den Schlaf raubt. Tagsüber beschimpft und beleidigt er sie dafür mit ätzender Vorliebe beim Kaffee, den er sich allmorgendlich ausgerechnet von ihr in ihrem Café servieren lässt.

Benno (Fabian Krüger) hat also ein echtes Problem, das sieht man.  Und der Sand ist keine Metapher, sondern eine wunderbar filmische Idee. Grundstoff für vielfältige Assoziationen – Sand im Getriebe, den Kopf in den Sand Stecken, etwas in den Sand setzen, Sand in die Augenstreuen, die verinnende Zeit in einer Sanduhr – und ungewöhnliche filmische Umsetzungen.

Je mehr Sand Benno verliert, desto weniger Gewicht bringt er auf die Wage. Er verliert nicht nur Sand, er verliert sich selbst, droht in seiner Wohnung zu versanden, dabei hat er doch auch mal Träume gehabt. Ambitionen wie Sandra, die von Erfolgen als Sängerin träumt. Anderen Leuten Sand in die Augen zu streuen ist auf Dauer auch keine Lösung – obwohl diese davon einschlafen und vergessen. Benno muss endlich etwas unternehmen. Vielleicht hilft es, dass er in seinen Träumen, die er mit Sandra à la Inception auch ganz praktisch teilt, wie der Benno handeln kann, der er eigentlich gerne wäre.

Ein Sommersandtraum, von Peter Luisi nach eigenem Drehbuch und mit der eigenen Filmproduktionsfirma Spotlight realisiert, beweist charmant und spielerisch, dass man auch ohne großes Budget und tonnenschwere Technik sehr sehenswerte Filme machen kann. Eine handvoll überzeugende Schauspieler (hier allen voran ein grandioser Fabian Krüger) , eine kleine Kamera (auch wenn hier das ständige Spiel mit dem Fokus, bedingt durch eigenhändiges Schärfeziehen, sich visuell als etwas sehr Gewolltes aufzudrängen droht), ein im Detail durchdachtes Drehbuch, ein eigener Blick auf die Dinge und nicht zuletzt eine stringente und im Timing perfekte Montage – das „genügt“ vollkommen. In diesem Fall kamen noch 3 Tonnen Sand dazu, und das Ergebnis ist eine liebenswert skurrile Schweizer Komödie – ebenso intelligent wie verschroben, ebenso unterhaltsam wie tiefgründig. Eine kleine Schweizer Komödie, die international großartig funktioniert: Beim Max Ophüls Festival 2011 in Saarbrücken mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und auch in den USA schon auf verschiedenen Festivals preisgekrönt.

Schade nur, dass der Film durch seine hochdeutsche Synchronisation deutlich an Charme einbüßt und stellenweise eine gekünstelte Nuance bekommt. Die Schauspieler synchronisieren sich selbst und da sie keine erfahrenen Synchronsprecher sind, ist das Ergebnis lange nicht so lebendig und auf den Punkt gesprochen wie es gespielt ist.

Filmdaten:

Titel: Ein Sommersandtraum
Originaltitel: Der Sandmann
Produktionsland: Schweiz
Produktionsjahr: 2011
Länge: 90 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 21.07.2011
Regie: Peter Luisi
Drehbuch: Peter Luisi
Kamera: Lorenz Merz
Montage: Claudio Cea
Musik: Michael Duss, Christian Schlumpf, Martin Skalsky
Hauptdarsteller: Fabian Krüger, Frölein Da Capo, Florine Deplazes, Sigi Terpoorten

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