Augen auf & Hut ab: INCEPTION

Christopher Nolan als neuer Architekt eines alten Traums…

Christopher Nolan | INCEPTION | USA, Großbritannien 2010

Gratulation Mr. Nolan! Das gewagte Gedanken-Gebäude (mit clever genutzten Bauteilen aus Recycling-Material), das Sie in Inception geschickt zu einem Film gebaut haben, der die (Traum)-Ebenen übereinander zu schichten und zu durchschneiden versteht, ohne dass einem schwindlig wird und der auch einer zweiten Besichtigung ohne erkennbare gröbere Mängel standhält – Respekt!

Beim zweiten Gang in den Film gönnt der rotierende Verstand dem Auge auch mehr Aufnahmefähigkeit für die Schönheit der Bilder, da das angestrengte Lauschen auf die Regeln des Spiels nicht mehr so sehr die Aufmerksamkeit absorbiert wie beim ersten Mal.

Inception ist ein permanent kreiselnder Zwitter zwischen nacktem Mindfuck und pompöser Materialschlacht. Das ist eine ambitionierte aber erfolgversprechende Allianz, wenn man das große Publikum im Visier hat.  Während  der Film immer vielschichtiger im Aufbau und immer komplexer in seinem Regelwerk wird, werden die tief  Träumenden auf den oberen Levels der Story durch Schießereien und Verfolgungsjagden beständig durchgeschüttelt. Diese leicht zugängliche Action hält auch jene Zuschauer bei Laune, die vielleicht doch irgendwo auf halber Strecke nicht aufmerksam genug zugeschaut zugehört haben und dabei den Faden durch das narrative Labyrinth verloren haben. Diesseits alles Implikationen funktioniert Inception nämlich immer noch als klassischer Heist-Movie im Stile von Ocean’s Eleven: Es geht um die Planung, Vorbereitung und Durchführung eines spektakulären Raubes. Und der hat unbedingt zu gelingen, damit der Protagonist zurück zu seinen Kindern kann, so einfach ist das. Jeder Zuschauer kann so tief einsteigen, wie er will.

Christopher Nolan hat angeblich schon während der Arbeit an Memento angefangen, an dem Drehbuch für Inception zu arbeiten.  Und über diese Zeit sind auch viele Ideen im Gehirn von Mr. Nolan herangereift und gewachsen, die ihren Ursprung nicht unbedingt dort hatten.  Es sind eine Vielzahl von Inspirationen und Referenzen, die die entscheidenden Moleküle der DNA zu Nolans Baby bilden.  Aber Mr. Nolan darf trotzdem zurecht ein stolzer Vater sein:

Es ist doch besser, jemand befasst sich 10 Jahre mit seinem Drehbuch, saugt Inspirationen wie ein Schwamm auf und findet für seinen Erguss des Ganzen dann eine genauso elegante wie massenkompatible Form, als wenn jemand1 eine Idee2 über 20 Jahre nur im eigenen Saft schmoren läßt und sie immer mal wieder in verschiedener Form aber beständig in der  der eigenen Filmsprache aufgießt3, um sie dann schließlich in einem monumental überbordenem Werk4 fast zu erschlagen und gleichzeitig immer noch nicht richtig zu fassen zu kriegen.

Nolan dagegen ist es gelungen, für einen komplexen Inhalt eine erstaunlich übersichtliche und intellektuell leicht5 zugängliche Form zu finden. Den emotionalen Zugang zu finden, ist da schon schwieriger. Und wenn es dann dem Verstand des Zuschauers zusammen mit Cobb und Mal im Limbus gerade doch noch gelingen will, auch Emotionen zuzulassen, dann nur für einen kurzen Moment, abrupt gekappt durch einen Schnitt in das Geballer im Schnee ein Level höher. Und spätestens ab diesem dramaturgisch ungünstig gewählten Moment mutet dieses Bond’sche Spektakel tatsächlich wie endlos an.  Aber in Christopher Nolans Filmen wird der Zuschauer ja schon seit Following (1998) vom Regisseur eher intellektuell gelenkt und gefordert, und nicht emotional an die Hand genommen.

Stattdessen gibt Nolan in Inception dem Zuschauer lieber den Faden der Ariadne an die Hand, der nicht nur Cobb, sondern mit ihm auch den Zuschauer selbst durch das filmische Labyrinth aus Träumen führt6 . Auf dem reichhaltigen Nährboden von Mythos, Psychoanalyse und kollektivem Bilderkanon muss der Weg auch irgendwann über paradoxe Treppen à la M.C. Escher führen. Déjà-vu Erlebnisse ereilen den Mindfuck-Movie bewanderten Zuschauer: Die Nummer, die Mr. Charles in der Hotelbar abzieht, hat Monsieur Serge in Abre los Ojos (1997) in einem Restaurant durchexerziert – inklusive der plötzlich verstummenden, guckenden Leute.7 Und die Schneetraum-Ebene funktioniert sowohl als Referenz an die Gregory Pecks Traum-Skifahrt in Hitchcocks Spellbound als auch als ernsthafte Referenz an und Empfehlung für James Bond.

Mr. Nolan hat auch jenseits von Referenzen und Inspirationen alle Register gezogen, um einen zeitlosen Klassiker zu schaffen – ein besonders raffinierter Schachzug dabei ist, dass jeglicher Hinweis auf eine zeitliche Verortung der Handlung konsequent vermieden wird: Außer dem Koffer mit der Traum-Apparatur und dem Telefonhörer an Bord des Flugzeugs gibt es weder Handys, noch Computer oder sonstige Technologien zu sehen, die in 10 Jahren veraltet aussehen würden.8

Von allen Interpretationen und Spekulationen, die sich im Internet finden (eine gute Übersicht findet sich hier), ist mir die Sichtweise von Hal Phillips eine der liebsten. Aber Inception verträgt tatsächlich mehrere konsequente Deutungen, ganz ohne dass sich Ungereimtheiten auftun würden oder die Regeln, die der Film für seine Welt formuliert, dem widersprechen würden

Einen sehr guten Überblick über die Regeln der Traumwelt von Inception bietet Screenrant. Dort werden auch die Charaktere hinsichtlich ihrer Funktionen und wer welchen Traum träumt analysiert. Eine Erklärung für das Ende wird dort ebenso gesucht/gefunden.

Sonst noch Fragen?  Hier gibt es einige Antworten. Ansonsten hilft am besten: nochmal in den Film gehen … und vielleicht diesmal nicht so sehr auf den Kreisel starren, sondern zur Abwechslung eher auf den Ehering achten? Die Experten von  CollegeHumor haben übrigens auch noch sichtlichen Klärungsbedarf  – Viel Spaß!

© Die Schnittmeisterin 04.08.2010

Filmdaten:

Titel: Inception
Produktionsland: USA, Großbritannien
Produktionsjahr: 2010
Länge: 148 min.
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 29.07.2010
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Kamera: Wally Pfister
Montage: Lee Smith
Musik: Hans Zimmer
Hauptdarsteller: Leonardo DiCaprio, Marion Cotillard, Michael Caine, Cillian Murphy, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page

  1. Jaco van Dormael []
  2. wie wäre das Leben gelaufen, wenn an bestimmten Punkten etwas anders gelaufen wäre…. []
  3. È Pericoloso Sporgersi (1984) []
  4. Mr. Nobody []
  5. wenn man als Zuschauer nur genug Aufmerksamkeit der Erklärung der Regeln widmet , wozu man zugegebenermaßen schon recht wach sein muss []
  6. Ariadne als Führerin für den Zuschauer und Therapeutin für Cobb []
  7. und auch M. Serge hatte Vorläufer zur Inspiration, z.B. in Total Recall []
  8. darauf hat Jeremy Keith in seinem Blog ausführlich hingewiesen []

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *