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WERNER HERZOG zum 70.

 Ein eigensinniger Abenteurer des Kinos

 

Der Filmemacher und selbsternannte Kinski-Bezwinger Werner Herzog wird 70

Er brüstet sich gerne damit, mindestens so verrückt zu sein wie Klaus Kinski. Ob Urwald, Antarktis, Hochgebirge oder Höhle, ob Spielfilm oder Dokumentarfilm, schwierige Schauspieler am Set oder Schwerverbrecher im Todestrakt – Werner Herzog stürzt sich Into the Abyss (2011), kennt keine Berührungsängste. Er ist der obsessive Abenteurer unter den Filmemachern. Ein unermüdlicher Grenzgänger des Kinos, der nun 70 Jahre alt wird.

In den 60er Jahren half er, Opas Kino zu Grabe zu tragen und zählt heute neben Fassbinder, Wenders und Schlöndorff zu den renommiertesten Vertretern der Generation Neuer Deutscher Film. Seit er 1982 ein ganzes Schiff über einen Berg hieven ließ, ist er nicht nur für seine Filme berühmt, sondern auch wegen deren Entstehungs-Dramen berüchtigt. In Deutschland lange als Egomane verschrien und Exzentriker belächelt, genießt er heute – vor allem in den USA – Kultstatus.

An die 60 Filme hat er gemacht, doch zur Legendenbildung zu Lebzeiten tragen vor allem folgende bei: Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Woyzek (1979), Nosferatu – Phantom der Nacht (1979), Fitzcarraldo (1982), und Cobra Verde (1987). Fünf Mal hat der Besessene unter den Regisseuren den Wahnsinnigen unter den Schauspielern vor der Kamera ins rechte Licht gerückt und am Set in Schach gehalten. Sein Dokumentarfilm Mein Liebster Feind (1999) ist zugleich bewundernde Hommage an Kinski, unverhohlene Selbstbeweihräucherung und süße Rache für erlittene Demütigungen („Ein Zwergen-Regisseur sind Sie!“). Nach Kinskis Tod kostet Herzog die Deutungshoheit über Genie und Gebrüll dieser Jahre aus.

Viele seiner späteren Filme haben den Weg in die deutschen Kinos nicht gefunden. Dem von der US-Kritik gefeierten Begegnungen am Ende der Welt war in Deutschland nur ein DVD-Release vergönnt, obwohl der Dokumentarfilm 2009 für den Oscar nominiert war. Mit Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen (2009), Höhle der vergessenen Träume (2010) und einer neu entdeckten Faszination für Alligatoren tauchte der Meister des luzid-verschwurbelten Off-Kommentars („Sind wir die Krokodile, die in einen Abgrund der Zeit blicken?“) dann wieder auf der Bildfläche der deutschen Kino-Landschaft auf.

Heute lebt er in L.A., der „Selfmade-Man“, der unbeirrbar seinen eigenen Weg ging – streckenweise sogar im Wortsinn. Geboren wurde er als Werner Stipetić am 05. September 1942 in München. Seine Kindheit verbrachte er im Bergdorf Sachrang in Oberbayern, vom Kino erfuhr er erst mit 11, seinen ersten Film machte er mit 19. Seine frühen Filme finanzierte er in Nachtschichten als Schweißer in einer Fabrik. Filmschulen verabscheut er, deshalb hat er die Rogue Film School gegründet. Er hat er nie eine Filmschule besucht, obwohl, einmal entwendete er in der Münchner Filmschule eine 35mm Kamera. Laut Herzog kein Diebstahl, sondern reine „Notwendigkeit“, schließlich habe er „ein natürliches Recht auf eine Kamera, ein Arbeitswerkzeug“.

Um die von ihm verehrte Filmkritikerin Lotte Eisner vor dem Tod zu retten, pilgerte er im Winter 1973 zu Fuß in 22 Tagen von München nach Paris zu ihr ans Krankenlager. Er verspeiste – weil gewettet – öffentlich seinen Schuh, als sein Freund Errol Morris endlich seinen ersten Film fertigstellte. „Werner Herzog eats his shoe“ dokumentiert, wie Herzog den Schuh zunächst in Hühnerfett und Wasser, gewürzt mit Knoblauch und Kräutern, „weich“ kocht, um ihn dann vor Publikum tatsächlich Stück für Stück herunter zu würgen. Würde man es nicht sehen, man wollte es kaum glauben, zu surreal klingen manche Ereignisse, die Werner Herzog mit stoischer Ruhe als Normalität hin nimmt: Als er einmal vor laufender Kamera angeschossen wird (unglaublich genug), setzt er zur Verblüffung des BBC-Reporters das Interview ungerührt fort. Er zeigt zwar seine Schussverletzung unter der Gürtellinie, aber mit der Wimper zuckt er nicht. Kein Wunder, dass der „mad German Auteur“ in den USA Kult ist.

Werner Herzog ist ein „Gesamtkunstwerk“, das mehr ist, als alle seine Filme. Es besteht auch aus solchen Anekdoten und seinen eigenwilligen Kommentaren, hervorgebracht ohne jegliches Augenzwinkern und auf diese unnachahmlich bajuwarisch-bedeutungstrunkene Art, die auch die Tonspur seiner Dokumentarfilme dominiert.

Der Meister der Extreme hat dabei einen ganz eigenen Stil entwickelt, entzieht sich jeder Kategorisierung und lässt sich von Neugierde und Intuition leiten: „Ich habe auch Opern inszeniert, ich bin aber nie in meinem Leben Opernzuschauer“. Er ist auch kein Kino-Gänger. Wenn er nicht gerade, wie 2010 auf der Berlinale, Jurypräsident ist und 20 Filme in einer Woche anschauen muss, dann sieht er lieber nur 2 Filme im Jahr. Er geriert sich gerne als verschrobener Außenseiter – und tatsächlich ist sein Blick auf die Welt ein ganz eigener. Egal, ob er Spiel- oder Dokumentarfilme macht – letztere bezeichnet er als „verkappte Spielfilme“ – er filmt nicht die Wirklichkeit ab, sondern begibt sich auf die Suche nach der „ekstatischen Wahrheit“. Kompromisslos arbeitet er sich an seinem Lebensthema ab: Herausragende Persönlichkeiten und Außenseiter mit unmöglichen Träumen – im Kampf mit sich selbst, der Gesellschaft, der Natur. Worüber Werner Herzog auch immer Filme macht, letztendlich macht er nur Filme über das, was ihn interessiert, fasziniert. Ein neugieriger Egozentriker, durch dessen Augen die Zuschauer die Welt neu entdecken dürfen.

Roger Ebert, der Papst der amerikanischen Filmkritik, vergleicht Werner Herzog mit einem „Geschichtenerzähler von einst, der aus fernen Ländern zurückkehrt mit faszinierenden Fabeln“. Herzog hat schon auf allen 7 Kontinenten gedreht, in seinem 8. Lebensjahrzehnt zieht er nun wieder einmal aus in die Wüste, um von dort 2013 mit der Verfilmung der Geschichte von Gertrude Bell zurückzukehren. Die britische Forschungsreisende, Archäologin, Historikerin und Geheimdienstmitarbeiterin war maßgeblich an der Gründung des heutigen Irak beteiligt. An der Seite von Naomi Watts wird Robert Pattinson als T.E. Lawrence zu sehen sein. Die Zeichen stehen gut, dass Queen of the Desert den Weg auf die deutschen Kinoleinwände findet.

(Kirsten Kieninger, in anderer, kürzerer Form erschienen in der RNZ vom 04.09.2012)

 

Anlässlich des 70. Geburtstags von Werner Herzog veröffentlicht Studiocanal die Klaus Kinski & Werner Herzog Edition mit dem gemeinsamen künstlerischen Gesamtwerk (inkl. 8 Std. Bonusmaterial) auf Blu-ray.

ARTE würdigt den Regisseur mit einer Filmreihe:

05.09. – 20.15 Uhr „Aguirre, der Zorn Gottes“, 21.45 Uhr „Begegnungen am Ende der Welt“, 23.15 Uhr Zwischenfall am Loch Ness; 10.09.: 10.50 Uhr „Mein liebster Feind – Klaus Kinski“, 21.00 Uhr Nosferatu – Phantom der Nacht, 22.45 Uhr Stroszek

Links:

Herzogs Minnesota Declaration (1999) >

Herzogs offizielle Website >

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