Solidarität geht vor Wohltätigkeit – Die Realität in Griechenland beim Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki

Die alte Frau schleppt ihren kleinen Kanister mit Heizöl nach Hause. Sie heizt nur, wenn sie es sich es leisten kann oder wenn die Kälte unerträglich wird. Tasos und Evdokia, die Betreiber der Heizöl-Station, stunden vielen ihrer Kunden die Rechnung, damit diese nicht frieren müssen. Dabei kommen sie selbst kaum über die Runden. In Thessaloniki sind die Auswirkungen der Krise offensichtlich – in der Stadt und auf der Leinwand.

Während des Internationalen Dokumentarfilmfestivals, das gerade vom 3. bis 12. März stattfand, standen 213 griechische und internationale Filmproduktionen auf dem Programm. Darunter auch A Greek Winter, den die Niederländerin Ingeborg Jansen im Winter 2015/2016 in Thessaloniki gedreht hat. Während der Vorstellungen wird viel gehustet, die Realität auf der Leinwand findet ihre Verlängerung im Kinosaal. Die Filmvorführungen sind gut besucht. Studenten, Rentner und Arbeitslose haben vormittags freien Eintritt. Ein Ticket kostet 4 €. Die Cafés in der Stadt dagegen sind leerer als noch vor zwei Jahren, die Leute bleiben zuhause. Auch Kostas Polychronopoulos hat sich, als er aufgrund der Krise seinen Job verlor, bei seiner Mutter eingeigelt. Bis er aus Wut über die Situation begann, auf der Straße zu kochen. In einem riesigen Topf, für sich und für andere. „Kommunikation ist das Wichtigste“, sagt Kostas, nicht das Essen an sich, sondern das gemeinsame Essen. Solidarität statt Wohltätigkeit, das ist die Idee hinter O Allos Anthropos. Heute gibt es landesweit 15 Solidaritätsküchen, die ehrenamtlich mithilfe von Lebensmittelspenden operieren und über 3000 Mahlzeiten täglich verteilen, an bedürftige Griechen und an Flüchtlinge. Der Film My Human Self von Lukas Agelastos und Spiridoula Gouskou porträtiert Kostas und seinen Einsatz für andere. Beim Filmgespräch danach zeigt sich, wie wichtig solche Filme im Moment sind: In den Reflexionen auf der Leinwand versichern sich die Griechen ihrer selbst und ihrer Möglichkeiten in Zeiten der anhaltenden Krise.

So ist auch dieses Filmfestival kein verzichtbarer Luxus, sondern ein Kulturereignis, das die Menschen zusammenbringt. Dieses Jahr zum ersten Mal unter der Leitung von Elise Jalladeau und Orestis Andreadakis, konnte die 19. Festivalausgabe mit einem gut kuratierten Programm überzeugen: Mit einer Hommage an John Berger inklusive einer kleinen Ausstellung seiner Zeichnungen, mit einer großen Werkschau der Filme von Vitali Manski, mit Filmen der Dokumenta14-Teilnehmer Yervant Gianijian und Angela Ricci Lucchi. Der große Gewinner der Festivals war schließlich mit insgesamt drei Auszeichnungen Machines von Rahul Jain. Der neu eingeführte Hauptpreis, der Goldene Alexander, ging an Dream Empire von David Borenstein.

Und der Winter 2016/2017 war übrigens der kälteste, den Thessaloniki seit langem erlebt hat.

[Kirsten Kieninger, zuerst erschienen in der RNZ vom 15.3.2017]

 

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