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19th Thessaloniki Documentary Festival 2017

Vom 3. bis 12. März 2017 findet das Internationale Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki zum 19 Mal statt. Das erste Mal nicht mehr unter der Leitung von Dimitri Eipides, der es 1999 ins Leben gerufen hat, sondern mit Elise Jalladeau als Festival-Direktorin und Orestis Andreadakis als Künstlerischem Leiter. Erstmals vergibt das Festival, das traditionell seinen Fokus auf soziale und kulturelle Themen legt, einen dotierten Preis im Internationalen Wettbewerb.

 

Über 200 Dokumentarfilme aus aller Welt stehen in diesem Jahr auf dem Programm, darunter 1 Welt-, 14 internationale, 4 europäische und 183 griechische Premieren. Für internationale Gäste aus der Dokumentarfilmwelt ist Thessaloniki jedes Jahr im März nicht nur eine hervorragende Gelegenheit, die Filme zu sehen, die man im November in Amsterdam verpasst hat, von denen man im Januar aus Sundance gehört hat, oder andere Neuentdeckungen zu sehen, sondern auch einen ausführlichen Einblick in das aktuelle Dokumentarfilmschaffen griechischer FilmemacherInnen zu bekommen. Gepaart mit vielen Sidebar-Events wie Ausstellungen, Sonderveranstaltungen und Talkrunden, verspricht das Festival-Lineup auch in diesem Jahr wieder 10 vollgepackte und interessante Märztage in und um die Kinos an der Bucht von Thessaloniki. Unter anderem stehen in diesem Jahr auf dem Programm: eine Vitaly Mansky Werkschau, eine John Berger Hommage und eine Kooperation mit der documenta14.

Eröffnet wird das Festival am 3. März 2017 mit The Rolling Stones Ole Ole Ole!: A Trip Across Latin America des britischen Musik-Doku Regisseurs Paul Dugdale. Auf dem Festival-Programm stehen noch weitere Musik-Dokumentarfilme (es gibt eine ganze Sektion Music), wobei vor allem die europäische Premiere von Rumble: The Indians Who Rocked the World herauszuheben ist. Der Film von Catherine Bainbridge und Alfonso Maiorana läuft im Internationalen Wettbewerb und bringt einen nahezu unbekannten Aspekt der Rockmusik in den Fokus: der Einfluss der Native Americans.


Filmstill: Link Wray in Rumble: The Indians Who Rocked The World | Foto: courtesy of the festival

 

Im Internationalen Wettbewerb konkurrieren insgesamt 12 Filme um den Golden Alexander und den Special Jury Award. Darunter als internationale Premiere  Stories Our Cinema Did (Not) Tell von Fernanda Pessoa aus Brazilien über ein heute fast vergessenes, in den 1970ern zu Zeiten der brasilianischen Miltärdiktatur aber höchst populäres Filmgenre: pornochanchada. Ausschließlich mit Ausschnitten aus bunt-erotisch-unterhaltsamen pornochanchada-Filmen montiert die Regisseurin ein Bild einer politisch düsteren Zeit.

Auch Transitioning: Transgender Children von Roser Oliver i Olivella und Lluis Montserrat I Satorre ist eine internationale Erstaufführung. Die spanische Produktion stellt anhand der Geschichten von vier Kindern auf der Suche nach (Geschlechts-)Identität die Frage nach Indentität und Diversität.

Die indisch-deutsch-finnische Koproduktion Machines von Regisseur Rahul Jain, über die seit ihrer Premiere beim IDFA viel Gutes zu hören war, gibt Einblick in eine riesige Textilfabrik in Indien und damit in prä-industrielle und entmenschlichende Arbeitsbedingungen.


Trailer: Machines

 

Neben den Internationalen Wettbewerb, in dem mit Village Potemkin von Dominikos Ignatiadis und The Extra Mile von Victoria Vellopoulou auch zwei griechische Filme antreten, gibt es die große Sektion Greek Panorama: hier sind mit rund 30 Filmen die neuesten Dokumentarfilmproduktionen aus Griechenland versammelt. Es finden sich aber noch weitaus mehr Werke griechischer Filmemacherinnen im Festival-Lineup, das mit verschiedenen thematischen Sektionen aufwartet: Human Rights, Habitat, Memory-History, Kaleidoscope, Cinema, Music und Food vs. Food (wobei letzterer Name wirklich eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema Essen, Nahrungsmittelproduktion und Ernährung verspricht – dagegen erscheint Kulinarisches Kino wie bei der Berlinale zurecht bieder).

In der Sektion Cinema findet sich mit 76 Minutes and 15 Seconds with Abbas Kiarostami von Seifollah Samadian eine intime Hommage an Abbas Kiarostami, ganz nah dran an dem im letzten Jahr verstorbenen iranischen Filmemacher und seinem kreativen Schaffen. Auch Cinema, Manoel de Oliveira and Me von Joao Botelho aus Portugal ist eine Hommage eines Schülers und langjährigen Freundes an seinen Meister, den 2015 im Alter von 106 Jahren verstorbenen Manoel de Oliveira. Ein Highlight in der Sektion Cinema dürfte auch 78/52 von Alexandre O. Philippe werden. Die US-amerikanische Produktion feiert in Thessaloniki internationale Premiere und widmet sich 91 Minuten lang der ikonischen Duschszene aus Alfred Hitchcocks Psycho.

Filmstill: 76 Minutes and 15 Seconds with Abbas Kiarostami | Foto: courtesy of the festival

 

Ein weiteres Highlight im Programm ist in diesem Jahr eine große Werkschau der Filme von Vitaly Mansky. Von Private Chronicles. Monologue aus dem Jahr 1999 bis zu seinem aktuellen Film Close Relations sind fast alle seiner Filme zu sehen: Broadway. Black Sea (2002), Gagarins Pioneers (2005), Motherland or Death (2011), Pipeline (2013) und  Under the Sun (2015). Damit bietet sich in Thessaloniki die wunderbare Gelegenheit, sich mit dem Werk eines der wichtigsten zeitgenössischen Dokumentarfilmers aus Russland vollständig vertraut zu machen.

Eine inpromptu Hommage ist dem Anfang dieses Jahres verstorbenen John Berger gewidmet: Im Spotlight on John Berger  stehen die Dokumentarfilme John Berger or the Art of Looking von Cordelia Dvorak und The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger von Colin MacCabe, Christopher Roth, Bartek Dziadosz und Tilda Swinton auf dem Programm. Dazu gibt es in Kooperation mit dem Contemporary Art Center die Ausstellung John Berger: A Radical Humanist, wo 30 seiner Gemälde und Zeichnugen zu sehen sein werden.

Filmstill: The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger | Foto: courtesy of the festival

 

Auch neben den Hauptsektionen des Festivals gibt es ein pralles Programm: Kurzfilme, Experimentalfilme, Docs for Kids. Ein Minorities-Tribute bei freiem Eintritt (u.a. mit dokumentarischen Perlen wie Kaisa’s Enchanted Forest von Katja Gauriloff über ihre Großmutter Kaisa und die Kultur der Skoltsamen in Finnland). Und was es im Festival-Lineup nicht gibt, das findet sich in den Sidebar-Events. Stummfilme beispielsweise. Präsentiert im Contemporary Art Center in Thessaloniki von Moving Silence, einem in Berlin beheimateten Zusammenschluss von internationalen Künstlern, die dem zeitgenössischen Stummfilm seit 2009 eine öffentliche Plattform geben.

Im Fokus der Kooperation des 19. Thessaloniki Documentary Festivals mit der Documenta 14 stehen die italienischen avant-garde Filmemacher Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi. Die 14. Ausgabe der Dokumenta wird in diesem nicht nur in Kassel, sondern auch in Athen stattfinden. Dort eröffnet sie schon am 8. April (in Deutschland dann am 10. Juni). Auf der Dokumenta wird auch das Werk von Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi präsentiert. In Thessaloniki werden im Tribute to Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi fünf Dokumentarfilme der beiden Experimentalfilmer zu sehen sein, die sich durch ihren künstlerischen Umgang mit found-footage Archivmaterial auszeichnen.

Der US-amerikanische Experimentafilmer Bill Morrison arbeitet in seinen Filmen auf ähnliche Weise mit Filmmaterial aus Archiven, sein neuester Film Dawson City: Frozen Time wird auch in Thessaloniki zu sehen sein. Bill Morrison war übrigens beim 20th Jihlava International Documentary Film Festival mit Werkschau und Masterclass vertreten, aus Dawson City: Frozen Time war dort aber lediglich ein Ausschnitt zu sehen. Doch das lässt sich jetzt ja in ganzer Länge nachholen.

 

Filmstill: Images of the Orient: Vandal Tourism | Foto: courtesy of festival

 

Natürlich werden auf der Leinwand in Griechenland auch Flüchtlings- und Wirtschaftskrise nicht ausgeblendet. In Filmen wie A Greek Winter von Ingeborg Jansen oder Refugee Highway von Chronis Pechlivanidis – beide in der Sektion Greek Panorama zu sehen – sind sie Thema. Zudem wird während des Festivals ein internationales Filmprojekt zum Thema Flüchtlinge vorgestellt: Home New Home: Refugees and citizens from 6 welcoming countries film the refugee crisis. Deutsche, griechische, türkische, libanesische, jordanische und palästinensische Kultureinrichtungen, Universitäten und NGOs haben sich an diesem interkulturellen Projekt beteiligt, bei dem syrische Flüchtlinge und Einheimische der sechs Aufnahme-Länder gemeinsam an Film-Workshops teilgenommen haben. Drei kurze Dokumentarfilme, die in diesen Workshops entstanden sind, werden während des Festivals aufgeführt.

Es versprechen also zehn vollgepackte und hochinteressante Tage beim 19. Thessaloniki Documentary Festival zu werden, in deren Mittelpunkt die Auseinandersetzung mit der Realtität stehen wird: in den Filmvorführungen, in den Austellungen und in der Stadt selbst.

[Kirsten Kieninger]

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