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Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit (19)

in Alejandro Amenábars Film ABRE LOS OJOS

Die Publikation des gesamten Textes gibt es hier zum PDF Download >

Dieser Teil stellt heraus, an welchen Hinweisen im Film sich diese komplizierte aber eindeutige Zuordnung von ‘Wirklichkeitstufen’ im Einzelnen festmacht.

Die Schnittstellen der ‘Wirklichkeitsstufen’ unter der Lupe

„Undoubtedly, in both literature and the cinema, the likelyhood is that the narration will not use the techniques of the medium overtly to deceive the reader or spectator but will signal the status of any given passage.“ (( THOMPSON Kristin (1988): Breaking the Glass Armor: Neoformalist Film Analysis, Princeton, New Jersey: Princeton University Press: 1988 – S.139 ))

Der Film beginnt gleich innerhalb eines Traumes. Dies wird am Ende dieser Eingangssequenz durch die älteste Markierung überhaupt angezeigt: Der Träumende wacht auf. Zusätzlich ist im off ein Dialog zu hören, der vermuten lässt, dass der Träumende und sein Gesprächspartner sich in einer Gesprächssituation befinden, in der César gerade diesen Traum erzählt hat. Damit ist die Anfangs-Sequenz an ihrem Ende deutlich als Traumerzählung (( Die Begriffe zur Definition der einzelnen Szenen gehen größtenteils auf die ‘Wirklichkeitsstufen’ nach Wulff zurück.)) definiert.

Die folgende Sequenz, die mit seinem erneuten Aufstehen beginnt, ist ebenfalls anhand dieses off Textes als Flashback II (Erinnerungserzählung) zu interpretieren. Am Ende dieser Sequenz setzt wieder der Dialog aus dem off ein und innerhalb eines Satzes wird hart ins on geschnitten.

Damit befinden wir uns mitten in der Situation, die wir aufgrund des zuvor Gehörten als erzählerische Basis der Narration wahrnehmen:

César kauert hinter einer Maske versteckt in einer Zelle im Gespräch mit einem Psychiater.

Der Dialog, den sie führen, legt nahe, dass wir es in dem Film mit dem Genre des klassischen Enthüllungs-thriller zu tun haben. Die Frage ist: Was ist passiert, dass es zu dieser Situation kam? César sitzt des Mordes beschuldigt seit zwei Monaten in dieser Zelle und glaubt sein Gesicht sei entstellt und er vermutet eine Verschwörung seiner Geschäftspartner gegen ihn. Daran, was wirklich passiert ist, kann oder will César sich nicht erinnern. Die Aufforderung des Psychiaters: „…und je eher du mir alles erzählst, desto eher bist du mich los!“ bereitet einen Schnitt vor, der uns wieder auf die ‘Wirklichkeitsstufe’ eines Flashback II (Erinnerungserzählung) bringt.

Diese sehr lange Sequenz einer klar markierten Erinnerungserzählung birgt mehrere kleine Zeitsprünge in sich und wirkt eben auch durch ihre Länge sehr ‘real’ und präsent. Ein kleiner Einschub des off Dialoges ruft in der Mitte dieser Sequenz nochmal das Bewusstsein wach, dass sie eben doch nur ein Flashback II ist. Die Sequenz endet mit dem Autounfall.

Es folgen einige Sekunden Schwarzbild. Dann wird aufgeblendet in eine Situation im Park, wo César Sofía wiedertrifft und ihr den Unfall und dessen schrecklichen Folgen als Traum erzählt. Nach den bisher etablierten Spielregeln des Films wäre das Ende der vorherigen Sequenz jetzt als Traum umdeklariert, wenn sich nicht innerhalb dieser Szene schon leichte Verfremdungen/Verschiebungen der Realität ankündigen würden: So kann sich César nicht an seine Geburtstagsparty erinnern. Es folgt ein harter Schnitt. Und mit diesem Schnitt wird klar, dass diese Sequenz eine Traumerzählung war, die innerhalb der Erinnerungserzählung eingebettet war, denn:

Die folgende Sequenz beginnt mit dem Piepsen eines Weckers und César, der mit dem Rücken zur Kamera im Bett hochschreckt. Dann setzt der off Dialog ein, der klar macht, dass die Parksituation ein Traum war aus dem er erschreckt erwacht und die Gewissheit hat, dass das, was er im Traum über den Unfall und seine Folgen als geträumt berichtet hat, dagegen den Tatsachen entspricht. Die aktuelle Sequenz ist demnach wiederum als Flashback II (Erinnerungserzählung) zu verstehen. Während des off-Dialogs sehen wir jetzt zum dritten Mal die Schnittfolge von Césars Aufstehen bis unter die Dusche: er zögert beim Anknipsen des Lichts vor dem Spiegel und tatsächlich sieht sein Spiegelbild entstellt aus. Die Sequenz endet mit einer Einstellung von César, wie er deprimiert mit entstelltem Gesicht an die Wand gelehnt dasitzt. Während der Dialog weiterläuft, wird in ein von der Bildkomposition her identisches Bild von César geschnitten, wie er mit Maske genauso in der Zelle sitzt.

Die Szene in der Zelle, mit der wir uns wieder auf der Erzählbasis der Narration befinden, ist nur drei Einstellungen lang. Nachdem der Psychiater die Vorkommnisse mit den Unfallfolgen bestätigt, aber behauptet, dass sein Gesicht jetzt wieder hergestellt wäre, widerspricht César heftig: „Die Ärzte hatten doch überhaupt keine Vorlage!“.

Damit wird wiederum im Dialog vorbereitet, dass die folgende Sequenz, in die hart geschnitten wird, als Flashback II – Erinerungserzählung interpretiert wird.

Diese Sequenz zeigt Césars Diskussionen mit den Ärzten um die Wiederherstellung seines Gesichts. Sie legen ihm letztendlich die Maske nahe mit den Worten: “Wir können keine Wunder vollbringen“ darauf folgt ein harter Schnitt.

Die folgende Sequenz bindet die wörtliche Rede des Arztes mit Césars Worten: “Das haben diese Idioten zu mir gesagt!“ ab. Damit wird die vorherige Sequenz auch an ihrem Ende nochmal klar als Erinnerungserzählung positioniert. Mit Césars Worten befinden wir uns wieder in der Psychiatrie-Situation, also auf der Erzählbasis der Narration. César beginnt aus dem Gedächtnis Sofía als Pantomime mit maskenhaft weiss geschminktem Gesicht zu zeichnen. Von ihrem Bildnis auf dem Zeichenblock wird passgenau und sehr langsam überblendet zu Sofía wie sie in dieser Aufmachung in den Park geht.

Zunächst scheint Sofía in Zeitlupe fast durchs Bild zu schweben. César ist mit entstelltem Gesicht im Auto zu sehen, wie er sie verträumt beobachtet. Durch die Überblendung gekoppelt mit den Einstellungen in Zeitlupe, wirkt diese Sequenz eingangs wie eine blosse Phantasie von César, die er in seiner Zelle hat. Doch dann lässt ihn nach den ersten beiden Einstellungen in dieser Sequenz ein Autohupen hochschrecken und die Situation erhält realeren Charakter.

Nun wirken die beiden Zeitlupen-Einstellungen als reale Halluzination innerhalb eines Flashback I, einer Erinnerung von César. In dieser Sequenz trifft er Sofía das erste Mal nach seinem Unfall wieder und sie reagiert entfremdet. Er erzählt ihr, dass er schon oft von dieser Situation geträumt habe. Sie verabredet sich widerwillig mit ihm für den nächsten Abend.

Mit Schnitt sind wir an diesem Abend: César versucht zunächst verzweifelt, sein Gesicht vor dem Spiegel mit Haaren zu kaschieren, während im TV eine Sendung über Cryonics läuft. Er entscheidet sich dann für die Maske und taucht so in der Disco auf. Der Abend zu dritt (Pelayo ist auf Sofías Wunsch auch anwesend) wird zum Fiasko: Sofía fühlt sich unwohl wegen César, er betrinkt sich bis sie zu dritt die Disco verlassen. Auf der Strasse verabschiedet sich Sofía schnell und auch Pelayo trennt sich bald von César, um in Sofías Richtung davonzulaufen. Während César voll Eifersucht Pelayo folgt, sind einzelne Einstellungen eingeschnitten, die sich von ihrer Bildästhetik her klar abheben: s/w und grobkörnig. Sie nehmen den Status einer Phantasie II – sich ausmalen innerhalb der Flashback I – Erinnerung ein. César stellt sich vor, wie Pelayo und Sofía sich küssen und verzweifelt daran fast. Er sinkt besinnungslos auf den Gehsteig. Es wird zweimal hin und her geschnitten, zwischen ihm, wie er auf die Maske in seiner Hand blickt und seinem POV des ausgestreckten Armes mit der Maske – Abblende.

Es folgen mehrere Sekunden Schwarzbild. Dann erklingt eine Frauenstimme mit „Öffne die Augen!“ und eine Aufblende folgt: Vom Bildaufbau her die identische Einstellung des POV von Césars ausgestrecktem Arm mit der Maske wie vor der Abblende, nur dass jetzt Tag ist. (( Diese Einstellung weist vom Bildaufbau her auch eine starke Ähnlichkeit zu den Einstellungen mit der Hand am Wecker auf – siehe Dialoge und wiederkehrende Motive als Hinweise auf einen Traum ))

César richtet sich auf, sieht Nuría und schreckt zurück. Die Einstellung, die Nuría aus seinem POV zeigt, beginnt in der Unschärfe und ist nur kurz eingeschnitten. In der übernächsten Einstellung nach Césars Zurückschrecken ist Sofía zu sehen. Da wird klar, dass es sich bei Nuría um eine Halluzination Césars innerhalb der Flashback I – Erinnerung, gehandelt hat. César erkundigt sich nach Pelayo, nimmt also klar bezug auf die Ereignisse der vergangenen Nacht. Sofía erwidert, dass er doch mit ihm gegangen sei, und widerspricht damit seinen Befürchtungen in Form von Phantasie II vom vergangenen Abend.

Sofía gesteht César ihre Liebe und sie gehen gemeinsam in den Park. Dort hat César ein déja-vu und auch uns Zuschauern ist diese Park- Szenerie schon allzu vertraut: einmal aus seinem Traum und ein anderes Mal aus seiner Erinnerung. Also, was ist es diesmal? Es scheint immer noch den Status einer Flashback I – Erinnerung zu haben, als was die gesamte Sequenz ab dem ersten Wiedersehen aus der Erzählbasis der Narration durch eine Überblendung eingeleitet hervorging. Denn jetzt erfolgt eine ähnliche passgenaue Überblendung von einer Nahaufnahme von Sofías Gesicht auf ihr gemaltes Antlitz auf Césars Zeichenblock.

Innerhalb des Rahmens der Erzählbasis der Narration, zu dem wir an dieser Stelle wieder in genau dieselbe Situation zurückgekehrt scheinen (nämlich César sitzt malend in der Zelle), ist doch ein Zeitsprung eingewoben. Denn nun ist der Psychiater wieder anwesend und spricht César auf die ganzen Bilder an, die er von Sofía gemalt hat. Im weiteren Verlauf des Gesprächs spricht er César auf ‘Ellie’ (= LE) an, den Namen habe er im Schlaf angeblich mehrmals genannt.

César beginnt von dem Traum zu erzählen und seine Beschreibungen werden mit graphisch verfremdeten Einstellungen bebildert. Hier handelt es sich also auch um eine Traumerzählung, die klar in die Erzähl-Situation eingebettet ist. César und der Psychiater reden im Anschluss über den Trauminhalt und kommen darüber wieder auf die Ärzte, die sein Gesicht wiederherstellen sollten. César meint, dass sein Traum nichts mit diesen Ärzten zu tun habe, da sie ‘unwirklich’ seien. Er beginnt zu erzählen, dass sie ihn eines Tages plötzlich anriefen und baten ins Krankenhaus zu kommen. César: „Als ich dort ankam, wartete bereits das ganze Operationsteam dort auf mich…“ Schnitt: Das Ärzteteam ist zu sehen. Ab hier wird Césars Flashback II – Erinnerungserzählung bebildert, während er weiter die Ereignisse beschreibt. Die einzelnen Etappen seiner Erzählung, wie sein Gesicht wundersamerweise wiederhergestellt wurde, werden mit Einstellungen unterschnitten, wie er im on dem Psychiater das Ganze erzählt. Dadurch wirken diese Beschreibungen weniger realitätsnah als seine vorher erzählten Erinnerungen, die, während sie zu sehen waren, den Status von Gegenwärtigkeit zu haben schienen. Obwohl die zeitliche Zuordnung der ‘Wirklichkeitstufe’ dieselbe ist, wird durch die Vermittlung per off -Text, der Zweifel an den Ereignissen ausdrückt, die Wahrnehmung der Bilder gebrochen. Dadurch, dass ihnen die Unmittelbarkeit genommen wurde, haben sie weniger (Überzeugungs-) Kraft. Am Ende von Césars Beschreibung befinden wir uns immer noch in der Situation der Erzählbasis der Narration. Als der Psychiater ihn fragt, was denn Glück für ihn bedeute, löst diese Frage bei César eine Flashback I – Erinnerungstatsache aus: kurz ist die eine Einstellung (leicht variiert, denn sie schaut ihn an) eingeschnitten, in der Nuría ihn während der Kamikazefahrt fragt: „Was bedeutet Glück für dich?“. Nach diesem kurzen Erinnerungsblitz befinden wir uns noch immer auf der Erzählbasis der Narration. Mit den Worten des Psychiaters, dass es gut sei, dass César Erinnerungen habe, beginnt eine langsame Überblendung, heraus aus der Zelle…

…hinein in Césars Wohnung. Also wird die folgende Sequenz wohl eine Flashback I – Erinnerung sein. Denn sie beginnt auch mit Césars POV von Sofía. Er spielt mit ihr, indem er sie langsam sein operiertes Gesicht entdecken lässt. Er selbst weiss sehr wohl, dass er wieder schön ist. Die beiden küssen sich und schlafen miteinander. Wobei ihm Sofía ihre Liebe gesteht und César darauf antwortet, dass sie ganz schön schnell sei, wo sie sich doch gestern erst kennengelernt haben. Sofía reagiert verwirrt und César erklärt mit einem Lächeln, dass gestern sein Geburtstag gewesen sei, dass er dort eine wundersame Frau kennengelernt habe und dass er heute sehr glücklich sei, weil er wieder mit derselben Frau aufgewacht sei. Das mag als Versuch eines Neuanfangs interpretiert werden, mit dem César das Schreckliche, was dazwischen passiert ist, vergessen will. Doch nach allen bisherigen Wendungen der Ereignisse wirken diese Worte verunsichernd. Der Zuschauer misstraut dem Boden der Realität dieser Rückblende: Sie könnte doch auch wieder nur ein Traum sein? Verstärkt wird diese unheimliche Ahnung, dass irgendwas gar nicht stimmt, dadurch, dass alles viel zu perfekt zu sein scheint, bis Sofía plötzlich bewegungslos erstarrt. Doch es stellt sich heraus, das sie nur Pantomime spielt. Über der Einstellung der beiden wie sie sich dann leidenschaftlich küssen, setzt der off -Dialog ein, der die schönen Momente des Lebens thematisiert. Während der Psychiater die Frage nach Pelayo stellt, beginnt eine Überblendung auf César und Sofía, wie sie Arm in Arm glücklich posieren, durch den Sucher einer Kamera gesehen.

Die jetzt folgende Sequenz beantwortet quasi die Frage des Psychiaters. Sie hat damit den Status einer Flashback II – Erinnerungserzählung: Pelayo fotografiert das glückliche Paar in einem Café und ist gar nicht sauer, dass er der Verlierer ist und foppt César damit, dass in seinem Gesicht eine Naht aufginge – was für César wie auch auf den Zuschauer einen kurzen Augenblick nicht minder verunsichernd ist. Dann folgt ein harter Schnitt.

Die nächste Szene zeigt César und Sofía eng umschlungen schlafen. César wacht auf, weil er Durst hat und geht ins Bad, um Wasser zu holen. Dabei entdeckt er im Spiegel (und mit ihm der Zuschauer), dass er wieder entstellt aussieht. Und zwar nimmt er nicht nur sein Spiegelbild hässlich wahr, denn die darauf folgende Einstellung, wie er entsetzt im Badezimmer kauert, bestätigt ‘objektiv’ diesen Eindruck. Schreiend rennt er zurück ins Schlafzimmer, wo Sofía schreiend auf dem Bett sitzt. Es folgt ein harter Schnitt:

Die nächste Einstellung gleicht derjenigen am Anfang dieser Szene. César und Sofía schlafen eng umschlungen. Doch jetzt durchfährt ein Zucken die beiden, César erwacht entsetzt und erklärt Sofía, dass diese Träume schrecklich seien. Damit bekommt die vorhergehende Szene nachträglich den Status eines Traums innerhalb der Erinnerungserzählung zugeschrieben.

Die aktuelle Szene geht genauso weiter wie der Traum: César holt sich aus dem Badezimmer etwas zu trinken, alles ist ‘back to normal’, sein Gesicht sieht im Spiegel und auch ‘objektiv’ gut aus. Er klettert erleichtert zurück zu Sofía unter die Bettdecke, streichelt sie, spielt mit ihren Haaren und stellt fest, dass diese kurz sind. Er dreht Sofías Gesicht zu sich (damit erst bekommt es auch der Zuschauer zu sehen) und es ist Nuría, die ihn anschaut. Entsetzt springt César aus dem Bett, und es ist tatsächlich Nuría, die dort liegt, sich aber so verhält, als wäre sie Sofía. César gerät in Panik, schlägt und fesselt sie, als sie immer wieder behauptet, sie sei doch Sofía. Er ruft die Polizei. Schnitt/

Auf der Polizeiwache bestätigt sich durch die Indizien des Polizisten und durch das Foto, das Pelayo in der Kneipe von César und Sofía aufgenommen hat, dass Nuría mit Sofía identisch ist. César erklärt sich diese unerklärlichen Verschiebungen in der Realität des Flashback II – der Erinnerungserzählung mit einem Komplott, Pelayo behauptet, er sei verrückt und brauche einen Psychiater. Schnitt/

In einer Kneipe gesellt sich der TV-Mann zu César behauptet, dass er nur träume und führt ihm vor, dass alle Anwesenden nur für ihn dort sind und er sie kontrollieren könne, dass sie z.B. still sind, wenn er es will. Damit bekommt die Realität der Erinnerungserzählung einen surrealen, unwirklichen Bruch. César verlässt panisch den Raum. Schnitt/

Die Kamera nimmt Césars POV unter der Maske ein und schwenkt mit zwei Gucklöchern durch die Zelle zum Psychiater, während César sich das Ganze mit einer Riesenshow erklärt, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Der extrem subjektive POV geht fast gleitend in einem Schnitt zwischen zwei Schwenks über zum objektiven Stil, mit dem wir uns wieder auf der Erzählbasis der Narration befinden. Der Psychiater hypnotisiert ihn, um ihm zu helfen, sich zu erinnern. Das ruft die Erinnerungsbilder unter Hypnose hervor. Nach längerem Schwarzbild sind zunächst visuell verfremdete Bilder der Begegnung im Park zu sehen. Doch die Worte des Psychiaters lenken Césars Bewusstsein auf den Traum vom Büro. Nach nochmals längerem Schwarz sind diese verfremdeten Bilder von Büroräumen und Vertragsunterzeichnung zu sehen. Gefolgt von bruchstückhaften Bildern, die César beim Selbstmord(-versuch) mit Tabletten zeigen. Die Worte des Psychiaters holen ihn aus seiner Panik zurück – Schnitt/

auf die Erzählbasis der Narration. Die beiden führen ein Streitgespräch über Wahrheit und Lüge (angeblich hat doch César nie Drogen genommen) und über Traum und Wirklichkeit. Der Psychiater insistiert zu erfahren, was mit Sofía (oder wem auch immer) geschehen ist: Schnitt/

„Erinnere dich!“- Dabei sind wir schon wieder mitten in der Realität der Flashback II – Erinnerungserzählung: César dringt in Sofías Wohnung ein und erkennt jetzt Nuría auf den Bildern an der Wand. Auch der Zuschauer bekommt ‘objektiv’ vorgeführt, dass Nuria auf den Fotos abgebildet ist. Für den Zuschauer scheinbar ein Beweis für Césars Zurechnungsfähigkeit und für einen Komplott gegen ihn. Dieser Effekt wird im Moment dadurch verstärkt, dass César plötzlich niedergeschlagen wird. Es war Nuria, die ihn – wie sie sagt – für einen Einbrecher gehalten hat und jetzt in die Küche geht, um ihm ein Glas Wasser zu holen (( An dieser Stelle unterscheidet sich übrigens das Remake Vanilla Sky in der Interpretation am stärksten von Abre los ojos. Mehr dazu im Kapitel Nachspiel: Cameron Crowes Remake Vanilla Sky )) . Sie kommt aus der Küche wie eine Erscheinung wieder als Sofía. Sie wirkt durch das gleissend verfremdete Bild und die sphärische Musik wie eine blosse Halluzination von César. Doch auch im objektiven Fortgang der Szene als Flashback II – Erinnerungserzählung bleibt sie Sofía, bis sie sich, während er mit ihr schläft, während einer Kamera-Umkreisung in einem unsichtbaren Schnitt in Nuría verwandelt. César erstickt sie (wie) im Wahn unter einem Kissen und flieht aus der Wohnung. Im Treppenhaus kommt er an einem Spiegel vorbei, zögert, sieht hinein und wir sehen, dass er sich hässlich sieht. Er taumelt entsetzt zurück und er ist plötzlich auch objektiv hässlich. Erstaunlicherweise hat sich diesmal die ‘Wirklichkeitsstufe’ zwischen seiner Metamorphose nicht geändert. Während der Zuschauer kurz zuvor die Verwandlung von Sofía zu Nuria noch durch Wahrnehmungsstörungen von César erklären konnte, geht dies an dieser Stelle nicht mehr. Selbst im Zurückspringen in eine (scheinbar) objektive Einstellung ist der Bruch in der Realität nicht wieder ausgeglichen. Die Subjektivität der Wahrnehmung von César bleibt ins Objektive verlagert erhalten. Das Geschehen entspricht jetzt mit seinen fliessenden unerklärlichen Verwandlungen eher einer Traumrealität. César zertritt den Spiegel. Schnitt/

Damit befinden wir uns wieder auf der Erzählbasis der Narration. Der Psychiater zieht die Parallele zu Traumwahrnehmungen und Wahnsinn und gibt zu, dass er gar nicht versteht, was mit César los ist. Er verabschiedet sich. Schnitt/

Nach einem Zeitsprung sind wir im Aufenthaltsraum der Psychiatrie, wo César zufällig im TV entdeckt, was LE ist. Schnitt/

Nach einem weiteren Zeitsprung sind wir mit César und dem Psychiater, der extra gerufen wurde, vor einem Internetanschluss in der Anstalt, wo sie über LE recherchieren. Schnitt/

Nach einem erneuten Zeitsprung befinden wir uns am nächsten Tag mit César, dem Psychiater und einem Sicherheitsbeamten auf dem Weg zum LE-Büro in einem Hochhaus. Der verwickelte Weg zum klärenden Finale beginnt (( in aller Ausführlichkeit siehe dazu Kapitel Analytisches Inhaltsprotokoll von Abre los ojos )) .

Bis zum Ende des Films verlassen wir nicht mehr die Ebene der Erzählbasis der Narration. Wir bekommen von dieser Warte aus sogar exakt demonstriert, wie frühere Passagen des Films wirklich zu verstehen sind. Dabei werden ganze Flashback – Sequenzen wiederholt und durch den erklärenden off-Text als andere ‘Wirklichkeitsstufe’ markiert, als sie sich vorher darstellten. Vom erklärenden Ende des Films her werden die ‘Wirklichkeitstufen’ also neu definiert und der Zuschauer muss nun das Gesamtbild, das er sich bis dahin gemacht hat, neu ordnen. Und das entpuppt sich, obwohl der Zuschauer scheinbar so schön erklärend an die Hand genommen wird, als vertrackte Gehirn-Akrobatik.

Denn nimmt der Zuschauer das erklärende Ende ernst, beginnt in seinem Kopf retrospektiv ein Hin- und Her-Sortieren der einzelnen Ebenen der Erzählung. Dabei bricht in der Konsequenz letztendlich auch die Ebene des Films weg, die sich als Basis der Narration präsentiert hat. Hier hat der Zuschauer den ganzen Film über den Erzählstandpunkt ausgemacht und in die Narration vertraut.

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