Close

OH BOY

Ziellos in Berlin

OH BOY| Regie: Jan Ole Gerster | D 2012

Schwarz-weiße Bilder, Dixieland-Jazz auf der Tonspur – sieht so ein aktueller Film über einen Studenten im heutigen Berlin aus? Ja, bei Jan Ole Gerster schon. Und sein Debütfilm trifft dabei voll ins Schwarze. Oh Boy ist ein ernsthafter Glücksfall einer deutschen Komödie: Ein zeitloser Slacker-Film, der im Vorbeigehen einen sehr genauen Blick auf die moderne Befindlichkeit wirft. Humorvoll, melancholisch und wahrhaftig begleitet der Film seinen Protagonisten Niko (Tom Schilling in einer Paraderolle) durch seinen Tag.

„Ich weiß nicht, ob ich’s heut Abend schaffe, ich hab noch so viel zu tun.“ Niko gibt sich morgens seiner Freundin gegenüber betont indifferent, doch auf ihre Gegenfrage „Was hast du denn genau zu tun?“ weiß er keine Antwort. Der Filmtitel springt ihm bei: „Oh Boy“ – ein ungläubig-genervtes Aufstöhnen darüber, was einem das Leben so zumutet. Der Prolog setzt den lakonischen Ton, mit dem diese Komödie dann scheinbar ziellos durch eine Abfolge von Szenen steuert. Denn Niko hat eigentlich gar nichts zu tun, seit er vor zwei Jahren sein Jura-Studium abgebrochen hat. Er lässt sich treiben: durch die Stadt, den Tag, sein Leben, die Szenen des Films. Jede einzelne dieses erstaunlichen Debüts ist ein pointiertes Kleinod, umwerfend komisch und lebensklug zugleich.

Es ist eine Wonne der hochklassigen Besetzung zuzusehen, die der junge Regisseur für „Oh Boy“ gewinnen konnte: Ulrich Noethen als golfender und Geldhahn-zudrehender Papa, Justus von Dohnányi als merkwürdiger Nachbar, Michael Gwisdek als Berliner Urgestein am Kneipen-Tresen. Letzterer lässt in einer denkwürdigen Szene in seinen Worten das historische Berlin auferstehen, in dessen geschichtsträchtigen Straßen nun die Neu-Berliner aus Schwaben und den Vereinigten Staaten ihre Szene-Lokale und Coffee-Shops betreiben oder Filmteams mal wieder ein Nazi-Drama drehen.

In dieser Stadt gerät Niko leichter in Dreharbeiten hinein („Das beruht doch hoffentlich auf einer wahren Begebenheit?“ – „2. Weltkrieg halt“), als dass er zu einem Kaffee kommen würde. Zu einer einfachen Tasse Filterkaffee, keinem Coffee-Ketten-Schnickschnack mit ebenso phantasievollen Namen wie Preisen. Oh Boy.

[Kirsten Kieninger, 01.11.2012, RNZ]

Filmdaten:

Titel: Oh Boy
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2012
Länge: 85 Min.
Verleih: X Verleih
Kinostart: 01.11.2012
Regie: Jan Ole Gerster
Drehbuch: Jan Ole Gerster
Kamera: Philipp Kirsamer
Montage: Anja Siemens
Hauptdarsteller: Tom Schilling, Michael Gwisdek, Inga Birkenfeld, Marc Hosemann, Frederick Lau

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

© 2020 | gegenschnitt | | WordPress Theme: Annina Free by CrestaProject.