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NACHTZUG NACH LISSABON

Knirschend auf allzu gut geölten Schienen

 

Nachtzug nach Lissabon
NACHTZUG NACH LISSABON | Regie: Bille August | CH, P 2013

Wenn ein Regisseur auf internationale Literaturverfilmungen spezialisiert ist, dann der dänische Oscar-Preisträger Bille August. Nach dem ausgezeichneten Pelle der Eroberer (1987) hat er Isabel Allendes Geisterhaus (1993) und Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1997) erfolgreich für die Leinwand umgesetzt. Jetzt hat er sich den Bestseller Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier vorgenommen.

Die Geschichte um den Schweizer Latein-Lehrer Raimund Gregorius, den eine zufällige Begegnung und die Faszination für ein gefundenes Buch spontan dazu bewegen nach Lissabon zu fahren, um dort dem Leben des (fiktiven) portugiesischen Autoren Amadeu Prado nachzuspüren, drängt sich ob ihres philosophisch angehauchten Inhalts und seiner Buch-im-Buch-Konstruktion nicht gerade für eine Verfilmung auf. Doch ein Blick auf Besetzung lässt die Erwartungen nach oben schnellen: neben Jeremy Irons in der Hauptrolle sind auch Martina Gedeck, Charlotte Rampling, August Diehl, Lena Olin, Christopher Lee, Burghart Klausner und Bruno Ganz mit von der Partie.

Der Film eröffnet mit einem gegen sich selbst Schach spielenden Raimund Gregorius, dem Jeremy Irons ein gutes Maß an intellektueller Sprödheit und verschrobener Sensibilität mitgibt, damit er die Rahmenhandlung des Filmes einigermaßen mit Würde tragen kann. Das ist keine leichte Aufgabe, wie sich leider bald zeigt. Denn allzu simpel gestaltet sich die Spurensuche nach der Vergangenheit des Amadeu Prado, der in der Zeit der Salazar-Diktatur in den 1970er Jahren eine dramatische Geschichte von Widerstand und Terror, Liebe und Verrat durchlebt hat.

Dem Schweizer Lehrer, der 40 Jahre später plötzlich in Lissabon an Türen klopft, werden diese gerne geöffnet, Tipps gegeben, Kontakte vermittelt und Familiengeheimnisse erzählt. Erklärende Dialogszenen münden jeweils in Rückblenden, die Filmmusik braust auf, um den Zuschauer mit hinüber in die „Dramatik“ der vergangenen Ereignisse zu spülen. Doch derartig schematisch in die Rahmenhandlung gegossen, will die dargestellte Lebens- und Liebesgeschichte nicht spürbar lebendig werden. Egal wie bedeutungsschwer da immer wieder aus dem Off zitiert wird, allzu vieles in diesem Film bleibt Behauptung. Aus den in europäischen Filmförderungs-Töpfen nach biederem Rezept zusammen gerührten Zutaten gerinnen schöne Schauplätze, aber leider kein großes Kino. Am Ende tut es einem fast leid um die Schauspieler, die für diesen Euro-Pudding verheizt wurden.

 

[Kirsten Kieninger, erschienen in der RNZ vom 07.03.2012]

Filmdaten:

Produktionsland: Schweiz, Portugal
Produktionsjahr: 2013
Länge: 110 Min.
Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 07.03.2013
Regie: Bille August
Drehbuch: Uli Herrmann, Greg Latter, Pascal Mercier
Kamera: Filip Zumbrunn
Schnitt: Hansjörg Weißbrich
Musik: Annette Focks
Hauptdarsteller: Bruno Ganz, August Diehl, Christopher Lee, Charlotte Rampling, Burghart Klaußner, Jeremy Irons, Martina Gedeck, Mélanie Laurent, Lena Olin, Jack Huston, Filipe Vargas, Tom Courtenay, Beatriz Batarda

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