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HOLY MOTORS

Leo Carax‘ traumhafte Bildermaschine

Denis Lavant als „Monsieur Oscar“ in HOLY MOTORS | Regie: Leos Carax | D, F 2012

Ein Blinder wacht in einem Hotelzimmer auf, tastet im Raum herum, entdeckt eine Tür und steht plötzlich auf dem Balkon eines Kinosaals, die Vorstellung läuft. Der blinde Mann ist niemand anderes als Leos Carax, der Regisseur des Films, den er mit eben diesen Bildern beginnen lässt: Holy Motors. Der Prolog deutet an, was dieser Film für Carax bedeutet: Nichts weniger als die Wiederentdeckung des Kinos.

Lang ist es her, seit er 1991 für Die Liebenden von Pont Neuf gefeiert wurde, bevor er 1999 nach dem grandiosen Flop Pola X in der Versenkung verschwand. Nun erobert er mit aller Macht (der Bilder) die Leinwand zurück. Holy Motorsist ein unglaublicher Bilderstrom, in dem der Regisseur all dem freien Lauf lässt, was sich über die Jahre aufgestaut hatte: nicht realisierte Filmideen und Wiedergänger aus realisierten Filmen („Monsieur Merde“ ist auch schon durch Tokyo! gewütet >) fließen zusammen mit einer zornigen Abgeklärtheit gegenüber der Maschinerie des Filmgeschäfts und münden in ein Hinterfragen der modernen menschlichen Existenz. Dabei entsteht ein Sog, der den Zuschauer mitnimmt durch neun von einer Rahmenhandlung verbundene Episoden, um ihn immer wieder herumzuwirbeln, staunend, was sich als nächstes auf der Leinwand abspielt. Auf diesem gewaltigen Bilderstrom scheint die Traumlogik der Dramaturgie das Ruder aus der Hand genommen zu haben.

Kein Wunder, dass der Film bei seiner Premiere in Cannes viele Kritiker erst einmal sprachlos zurück ließ. Allzu viel sollte man als Zuschauer aber auch nicht über den Film gehört haben, um sich das seltene Erlebnis nicht nehmen zu lassen, im Kino so richtig ins Staunen zu geraten. Nur so viel:

Denis Lavant (Die Liebenden von Pont Neuf) liefert mit Leichtigkeit einen wahren Parforceritt als desillusionierter „Monsieur Oscar“, der in einer Stretchlimousine von einer Verabredung zur nächsten gefahren wird, um in wechselnden Verkleidungen „Aufgaben“ zu erfüllen. Er kommt nicht zur Ruhe, wechselt seine Masken, spielt seine Rollen und trifft auf andere, die Rollen spielen (u.a. Kylie Minogue, die bezeichnenderweise singt: „Who were we?“). Wie Schauspieler – doch wo ist die Kamera?

„Wenn man einen Film macht, macht man auch einen Film über das Kino“

sagt Carax. Mit Holy Motors hat er gleichzeitig einen Film über das Leben gemacht: wild und ziemlich düster, auf den ersten Blick erstaunlich abgedreht und dabei hintergründig philosophisch.

( Kirsten Kieninger, in anderer Form erschienen in der RNZ vom 30.08.2012)

Filmdaten:

Titel: Holy Motors
Produktionsland: Deutschland, Frankreich
Produktionsjahr: 2012
Länge: 115 Min.
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 30.08.2012
Regie: Leos Carax
Drehbuch: Leos Carax
Kamera: Caroline Champetier
MOntage: Nelly Quettier
Hauptdarsteller: Denis Lavant, Eva Mendes, Michel Piccoli, Kylie Minogue, Edith Scob, Jeanne Disson,Élise Lhomeau

 

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