DREI

1,2 oder 3 – Das Spiel des Lebens – ein fulminantes Bekenntnis zur Kontingenz

Tom Tykwer | DREI | Deutschland 2010

2010 rennt Lola nicht mehr Techno-getrieben und Zufalls-gesteuert durch Berlin. 2010 sitzt Hanna in Berlin in der Ethik-Kommision, hört einen Vortrag über Chimären-Forschung und denkt währenddessen an Jeff Koons und Cicciolina. Lola rannte vor 12 Jahren quer durch die Stadt um ihr Leben, um das Leben ihres Geliebten zu retten. Hanna und Simon leben gesettled in der Stadt ihr Leben. Lola rennt war Sprint, Drei interessiert sich für die Langstrecke. Es geht nicht mehr um den thrill eines einzigen schicksalhaften Nachmittags, es geht ums Ganze. Es geht um den Lauf des Lebens. Eine Langzeitbeziehung ist hier Kristallisationsfläche für  den subjektiven Blicks des Regisseurs, der das Spiel mit dem Zufall nun um den Begriff der Kontingenz erweitert hat. Aus dem spannungsreichen “was passiert, wenn…” früher Jahre ist ein entspanntes “so könnte es auch sein” geworden, ein Mosaik der Möglichkeiten und Gleichzeitigkeiten, aus denen sich ein Leben zusammensetzt.

Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (zu Erfahrendes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen.

(Niklas Luhmann)

Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) sind seit 20 Jahren ein Paar: gebildet, gesettled, beruflich und kulturell aktiv, kinderlos, nicht verheiratet. Hanna und Simon sind genau in dem Alter, wo man ernsthaft darüber nachzudenken beginnt, ob die Variante des Lebens, in der man sich da eingerichtet hat, auch die “richtige” ist.

Drei ist ein Film für Erwachsene so ab 39

(Tom Tykwer)

Die Endlichkeit des Lebens rückt langsam ins Bewußtsein, viele Jahre bleiben nicht für die Klärung der Frage: Kinder oder keine. Die eigenen Eltern sind alt geworden und (könnten) sterben und auch der eigene Körper ist vor Krankheiten und Krebs nicht gefeit.

Tom Tykwer bringt Adam Born (Devid Striesow) ins Spiel: Genforscher, charmant, geheimnisvoll, nicht greifbar. Born bringt neues Leben in die Zweisamkeit. Wie der Zufall so will, beginnen sowohl Hanna als auch Simon ein heimliches Verhältnis mit ihm. Er bietet zunächst die ideale Projektionsfläche und Katalysator für die verborgenen Sehnsüchte beider, später im Film wird er zu einem gleichwertigen Individuum, mit einem eigenen Leben, das in seinem Facettenreichtum wiederum weitere gelebte Möglichkeiten in sich trägt.

Der Teaser (der in leicht abgewandelter Form auch der Prolog des Films ist) findet ein poetisches Bild für einen möglichen Lauf des Lebens:

Doch so linear und Schritt für Schritt verläuft kein Leben. Schon gar nicht in unserer Wahrnehmung. So ist es nur konsequent, dass Tykwer während des Films streckenweise die Ereignisse in der Gleichzeitigkeit des Split-Screen sich überlagernd abbildet. Die Vielschichtigkeit des (Er)-Lebens zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Erinnerung und Wunschvorstellung. Jedes Leben findet überdies in einem Kontext statt, über den es sich definiert und durch dessen Erscheinungsformen es sich beschreiben lässt:  kulturelle Versatzstücke stapeln sich förmlich auf der Leinwand: Kino, Kunstaktion, Ausstellung, Literatur und Tanztheater, Alfred Hitchcock, Vittorio de Sica, Sascha Waltz, Robert Wilson, Hermann Hesse, Jeff Koons, Major Tom, Moby Dick und das Wunder von Mailand…

Vieles passiert drumherum, am Rande, nebenbei und außerdem – und mittendrin: Chimärenforschung, Bisexualität, Zahlenmystik, Sterbehilfe, Fremdgehen, Abtreibung, Kinderlosigkeit, Hodenkrebs, Hochzeit, schwuler Sex, Zwillings-Schwangerschaft… Ein Panorama einer Paarbeziehung und gleichzeitig ein Rundumschlag durch die moderne mediale Lebenswirklichkeit, von innen heraus aufgefächert und weitergesponnen, von den Protagonisten selbst kommentiert. Ausgeführt mit greenaway’scher Spielfreude dessen früher Filme (in denen sich auch immer eine Unmenge an Versatzstücken aus Kunst und Kultur versammeln).

Letztendlich tritt in der filmsprachlich fulminant durchgeführten Versuchsanordnung von Drei eine Obsession für Zufall und Kontingenz zutage, die Tykwer mit Greenaway teilt. Der große Unterschied zwischen beiden ist allerdings, dass Peter Greenaway ein akribischer Rationalist ist, der das Chaos und die Vielfalt der Welt in seinen Filmen enzyklopädisch zu bändigen sucht. Tom Tykwer dagegen ist im Herzen ein humorvoller Romantiker.

 

Filmdaten:

Titel: Drei
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2010
Länge: 119 Min.
Verleih: X Verleih
Kinostart: 23.12.2010
Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Tom Tykwer
Kamera: Frank Griebe
Schnitt: Mathilde Bonnefoy
Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Tom Tykwer, Gabriel Mounsey
Hauptdarsteller: Sebastian Schipper, Angela Winkler, Devid Striesow, Sophie Rois, Annedore Kleist

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