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MUHI – GENERALLY TEMPORARY

Ein Film, der gut ein Dutzend renommierte Preise auf internationalen Festivals gewonnen hat (darunter die Goldene Taube im Deutschen Wettbewerb bei DOK Leipzig 2017) und trotzdem fand sich kein deutscher Verleih, der ihn in die Kinos bringen wollte. Der israelisch-palästinensische Konflikt, ein israelisches Krankenhaus als Hauptschauplatz, im Mittelpunkt ein kleiner arabischer Junge, dem Unterarme und Unterschenkel amputiert wurden – das klingt so deprimierend, wer will das sehen?

Der Dokumentarfilm Muhi – Generally Temporary verspricht wohl kein gutes Geschäft, entpuppt sich aber als Bereicherung für alle, die sich nicht abschrecken lassen: ein außergewöhnlicher Einblick in eine Extremsituation, die für die Beteiligten jedoch gelebte Normalität ist, im Kleinen wie im Großen, im Menschlichen wie im Politischen. Wie durch eine Lupe konzentriert sich der Film ganz auf Muhis Mikrokosmos und erzählt nebenbei mehr über die alltäglichen Absurditäten und Zumutungen entlang der israelisch-palästinensischen Grenzen als jeder TV-Brennpunkt und all die Nachrichten-Häppchen.

 

Muhi (kurz für Muhammad) wurde im Säuglingsalter begleitet von seinem Großvater als medizinischer Notfall aus dem Gazastreifen in ein israelisches Krankenhaus gebracht. Dort befinden sich die beiden – sieben Jahre später – noch heute. Wegen einer Autoimmun-Krankheit ist Muhi auf ständige medizinische Versorgung angewiesen, diese wäre in Gaza nicht gewährleistet. Das israelische Krankenhaus ist Rettung und Gefängnis zugleich: der Großvater hat keine Aufenthaltsberechtigung für Israel, er darf das Krankenhausgelände nicht verlassen. Seine Tochter, Muhis Mutter, kommt nur selten über die Grenze zu Besuch und wenn er seine Familie in Gaza besuchen will, muss er fürchten, als Verräter verhaftet zu werden, da er sich schon so lange in Israel aufhält.

Er kümmert sich rührend um Muhi, der in diesem Limbo aufwächst: ein strahlendes, quirliges Kind, das mit seinen Prothesen durch die Krankenhausflure wirbelt und bewundernswert resilient auf alle Zumutungen reagiert. Seine kindliche, positive Naivität lässt ihn zeitweise fast weise wirken im kafkaesken Chaos um ihn herum. Er spricht Gebete auf Arabisch und Hebräisch. In dem israelischen Kriegsveteran Buma hat er einen zweiten Ersatzvater gefunden und sein Großvater einen Freund. Was in der kleinen geschlossenen Welt des Krankenhauses ganz selbstverständlich erscheint, das ist draußen in der politischen Situation eher schwierig. Doch davon weiß Muhi (noch) nichts.

Die israelische Fotografin Rina Castelnuovo-Hollander und der amerikanische Journalist Tamir Elterman, beide in Jerusalem ansässig, verzichten in ihrem gemeinsamen Film auf erklärenden Kommentar und Interview-Statements. Über die Jahre waren sie einfach mit der Kamera dabei und haben so einen einfühlsam beobachtenden, anrührenden Dokumentarfilm geschaffen, der sein Publikum finden sollte. Der deutsche Produzent des Films Jürgen Kleinig hat sich nun entschieden, den Film im Eigenverleih herauszubringen und organisiert eine Kinotour mit den Filmemachern. Die Termine finden sich auf der Film-Website: www.muhi-film.de

[Kirsten Kieninger – Text in anderer Form erschienen in der RNZ vom 14.6.2018]

 

Filmdaten:

Originaltitel: Muhi – Generally Temporary

Kinostart: 14.6.2018

Land: Israel, Deutschland

Jahr: 2017

Sprache: arabisch, hebräisch

Untertitel: deutsch

Laufzeit: 86 min.

Regie: Rina Castelnuovo-Hollander, Tamir Elterman

Produktion: Hilla Medaila (Medalia Productions), Jürgen Kleinig (Neue Celluliod Fabrik)

Kamera: Avner Shahaf, Oded Kirma, Rina Castelnuovo-Hollander, Tamir Elterman

Schnitt: Joëlle Alexis

Ton: Ronen Geva, Maximilian Bloching

Musik: Ran Bagno

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