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INTERVIEW: Lilian Franck & Robert Cibis

Die Filmemacher hinter dem Dokumentarfilm PIANOMANIA

DAS OVAL FILMEMACHER DUO LILIAN FRANCK & ROBERT CIBIS

Das Gespräch mit Lilian Franck und Robert Cibis ist im Gegensatz zu dem Interview mit Duncan Jones kein selbst geführtes, sondern dem offiziellen Presseheft zu PIANOMANIA entnommen

Was hat Sie bewogen, einen Dokumentarfilm über Klaviermusik zu machen?

Robert Cibis: Ich komme aus einer Musikerfamilie und mein Bruder Paul Cibis verdient seinen Lebensunterhalt als Pianist. Durch ihn habe ich einen direkten Zugang zu seiner Welt. Schon immer bin ich ein interessierter Beobachter der Berufspianisten gewesen. Doch erst seitdem ich Regisseur bin, kann ich die künstlerische Hingabe der Pianisten von innen heraus begreifen. Denn das Filmemachen hat eine vergleichbare Leidenschaft in mir entfacht. Stefan Knüpfer kenne ich schon lange, denn er ist der Klavierstimmer meines Bruders, der inzwischen in London und Berlin lebt. Sein alter Flügel steht immer noch in unserem Elternhaus. Steinway & Sons hat Herrn Knüpfer zu uns geschickt, als mein Bruder, der ehrgeizige Jungpianist, mit seinem ersten Klavierstimmer unzufrieden war. Obwohl Stefan Knüpfer jetzt in Wien lebt, kommt er immer noch regelmäßig nach Lippstadt in mein Elternhaus. Bei einem Mittagessen lernte ihn dort auch Lilian Franck kennen.

Lilian Franck: Obwohl ich keinen ausgeprägten persönlichen Zugang zur Welt der Musik habe, war ich sofort hingerissen von Stefan Knüpfer und seinen Erzählungen. Denn er schaffte es, alle Tischgenossen binnen kürzester Zeit in die verrückte Welt der Piano-Stars zu entführen und uns zum schallenden Lachen zu bringen. Bei dieser Gelegenheit kam mir zum ersten Mal die Idee, dass er ein idealer Filmprotagonist sein könnte. Später fiel mir auf, dass er genauso perfektionistisch ist wie die Stars, von denen er immer erzählt.

„Pianomania“ dokumentiert die Suche nach etwas Perfektem. Was können wir aus dieser Suche lernen?

Lilian Franck: Der Film gibt einen Einblick in die Welt der Klaviermusik, und ist dabei auch für Menschen spannend, die sich bisher nicht für klassische Musik interessieren. Pianomania macht die Entstehung bleibender Kunstwerke spürbar. Steckt nicht in jedem Menschen der Wunsch etwas zu schaffen, das über die eigene Existenz hinausgeht?

Robert Cibis: Um uns auf das Filmemachen konzentrieren zu können, kauften wir uns eines Tages einen Ratgeber, der uns helfen sollte, möglichst wenig Zeit für unseren Haushalt zu verschwenden („Besser einfach – einfach besser“ von Bianka Bleier und Birgit Schilling). Darin lasen wir folgenden Satz: „Man spart 50 % Kraft, wenn man sich mit 90 % Perfektion zufrieden gibt. Ist das nicht genial? Wenn wir bereit sind, nur 10 % Abstriche bei unserem Anspruch auf Perfektion zu machen, sparen wir enorm viel Kraft.“ Das mag ein interessanter Tipp für viele Erledigungsarbeiten sein. Wenn Stefan Knüpfer mit Pierre-Laurent Aimard aber die „Kunst der Fuge“ von Bach aufnimmt, dann geht es gerade um diese restlichen zehn Prozent. Unser Film erzählt von jener Schwelle, die nicht den pragmatischen Alltag, sondern große Kunst ermöglicht. Seitdem wir Filme machen, kennen wir die stetige Arbeit an einem Filmprojekt, die gleichzeitig zur stetigen Arbeit an uns selbst wird. Das gibt uns einen neuen Zugang zur besonderen Hingabe von Stefan Knüpfer und den Starpianisten an ihren Beruf, bzw. ihre Berufung. Die extreme Leidenschaft unserer Filmhelden haben wir während der Recherche und bei den ersten Drehs gespürt. Genau wie deren Obsession uns berührt hat, soll sie auch die Zuschauer des Films berühren.

Warum verzichtet der Film fast vollständig auf Erklärungen zur Klaviertechnik?

Lilian Franck: In Pianomania kommen technische Erklärungen nur in Momenten vor, in denen sie wichtig für die Erzählung sind. Der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte. Zu viele technische Erklärungen würden die dramaturgische Spannung schwächen. Pianomania ist kein Lehrfilm, sondern die persönliche Geschichte der Protagonisten, bei der es viele Hindernisse zu überwinden gibt. Im dunklen Kinosaal möchten wir das Publikum emotionale Momente mit unseren Filmhelden erleben lassen. Wenn es darunter Zuschauer gibt, die durch den Film neugierig auf mehr technische Informationen geworden sind, umso besser: Diese werden schon bald als Videos und Texte auf unserer Internetseite www.pianomania.de zu finden sein.

Auf welche Aspekte des Films sind Sie besonders stolz?

Lilian Franck: Wir freuen uns, einen Einblick in eine intime Arbeitswelt geben zu können, die den Zuschauerblicken normalerweise verschlossen ist. Dies ist uns, bei den Bachaufnahmen besonders gut gelungen. Noch nie hat Pierre-Laurent Aimard eine Kamera während Musikaufnahmen erlaubt. Außerdem gefallen uns einige der Schnittpassagen besonders gut, welche die Musikstücke visualisieren – dank unserer Cutterin Michelle Barbin. Besonders stolz sind wir auch darauf, dass der Film ausschließlich beobachtend gedreht ist und durch die dabei eingefangene szenische Handlung lebt.

Was waren die größten Schwierigkeiten während der Dreharbeiten?

Robert Cibis: Weltklassemusiker arbeiten hart, sie sind es gewohnt, sich dem Publikum auf der Bühne und bei Aufnahmen immer in Höchstform zu präsentieren. Die größte Herausforderung war es deshalb, ihr Vertrauen zu gewinnen, so dass sie auch Ihre Schwierigkeiten vor der Kamera zeigen konnten. Im Grunde mussten sie die Kamera vergessen und sich nicht wie sonst fühlen, wenn Zuschauer da sind. Das klappte nur dank der vielen Drehtage, so dass wir letztendlich das ganz normale Leben der Klassikstars und des Konzerttechnikers einfangen konnten.

Lilian Franck: Das war ein Prozess, der sich über Jahre hinweg erstreckt hat. Dabei hat es uns sehr geholfen, dass Stefan Knüpfer schon positive Dreherfahrungen während der Recherche mit uns gemacht hatte.

Robert Cibis: Die andere große Schwierigkeit war, die Klaviertöne technisch so gut einzufangen, dass es dem Zuschauer von Pianomania am Ende möglich ist, unterschiedliche Klaviertimbres zu hören. Wir haben also für jeden Drehtag (über die zwei ein halb Jahre verteilt), exzellente Musiktonmeister im Team gehabt, die vermochten, die Konzertflügel – sowie manchmal Sänger und Orchester – optimal in Surround aufzunehmen. Natürlich hat das die Tonnachbearbeitung bei mehr als 200 Stunden Drehmaterial deutlich verkompliziert. Bei Orchesteraufnahmen zum Beispiel hatten wir mehr als 90 Tonspuren. Am schlimmsten war unser tontechnischer Anspruch gefährdet, wenn die Protagonisten spontan entschieden haben, doch noch mal dieses oder jenes Instrument anzuspielen. Denn die entsprechende Mikrofonierung dafür kann lange dauern. Wir haben also eine mobile Musiktontechnik zusammengestellt, so dass es möglich war, sehr schnell zu reagieren. Denn die spannendsten Szenen sind gewöhnlich ungeplant entstanden. Zudem war es auch nur möglich, diesen beobachtenden Dokumentarfilm zu drehen, weil das Musiktonteam sich immer  ieder in entfernten Räumen verstecken konnte, so dass gewöhnlich nur die Tonfrau und ich mit der Kamera bei den Protagonisten waren. Es war dadurch einfacher für die Pianisten und ihren Techniker, über die Anwesenheit der Kamera hinweg zu sehen.

Welches war der aufregendste Moment bei den Dreharbeiten?

Robert Cibis: Kurz vor den Bachaufnahmen mit Pierre-Laurent Aimard war die Spannung für die Protagonisten am größten. Diese Spannung hat sich auf das Filmteam übertragen. Das spürt man selbst, wenn man sich hinter der Kamera verstecken kann, wie ich. Ich habe das Adrenalin gebraucht, um ebenso konzentriert zu filmen, wie Pierre-Laurent Aimard und Stefan Knüpfer arbeiten. Und ich merkte hinter der Kamera: „Das ist jetzt gerade wichtig, was hier passiert – und kommt nicht so schnell wieder.“

Was war die überraschendste Erkenntnis über Klaviermusik und Klaviertechnik, die Sie bei den Dreharbeiten gewonnen haben?

Lilian Franck: Für mich war es eine Horizonterweiterung zu erfahren, wie entscheidend die Vorbereitung eines Instruments durch einen Klaviertechniker für die Interpretation eines Pianisten ist. Und dass der Klaviertechniker auf seine Art nicht nur ein Handwerker, sondern auch ein Künstler ist.

Robert Cibis: Bevor wir gedreht haben, hatte ich schon Bücher und Filme über Klaviertechnik gelesen und gesehen. Nur, wenn man dann dabei ist, ist es doch alles ganz anders. Anders als das sonstige Gerede zur klassischen Musik ist nämlich, dass da Menschen einfach kontinuierlich, viele Stunden, Tage und Wochen arbeiten. Das hat mich immer wieder neu beeindruckt und soll auch der Film vermitteln. Anders gesagt, wir wollen das Alltägliche bei einer ganz besonderen Arbeit vermitteln. Die Musikinterpretationsfragen bekommen eine handfeste Dimension. Stefan Knüpfer ist ganz einfach Handwerker und Übersetzer. Er versucht, den Pianisten zu verstehen und setzt das durch schrauben, stochern, stechen, etc. um. Das Überraschendste ist: Das ist ja eigentlich alles ganz einfach, wenn man weiß, was man machen muss! Es kommt einem vor, als könne das jeder lernen.

Was war für Sie persönlich die wichtigste Erfahrung während der Dreharbeiten?

Robert Cibis: Natürlich vergleicht man sich immer selbst mit den Menschen die man filmt. Bei Stefan Knüpfer fand ich in der Arbeit viele Parallelen zu unserem Beruf, dem Filmemachen. Am Ende ist ein Film oder eine gelungene Platte ein komplexes Ding. Wo sich jeder Außenstehende fragen kann: Wie haben die das geschafft? Die Bewunderer sagen dann: Das müssen schon talentierte Leute sein. Wenn man dann aber schaut, wie so was entsteht, das sind diese Fragen schnell verpufft. Johann Sebastian Bach soll zu den Brandenburgischen Konzerten gesagt haben: „Jeder der soviel wie ich daran gearbeitet hätte, hätte sie ebenso gut geschrieben.“

Lilian Franck: Bei der Beobachtung unserer Filmhelden gibt es nur ein einziges wichtiges Ziel: Die Suche nach dem perfekten Klang. Alles andere ist zweitranig und dem untergeordnet. Es wird egal, wie viel Stefan Knüpfer verdient, ob er verheiratet ist oder ob er Hobbies hat oder nicht. Alles geht nur um das eine: Der Schaffung von Kunst. Von etwas Größerem als das eigene Leben. Das passiert nicht nebenbei. Da muss man volle Kraft voraus geben. Das hat mich beeindruckt.

Sie haben für den Film sehr viel mehr Material gedreht, als im Film zu sehen ist. Was haben Sie weggelassen und warum?

Lilian Franck: Wir haben einige Szenen über die Zusammenarbeit zwischen Stefan Knüpfer mit anderen Stars gedreht – darunter Tzimon Barto, David Helfgott, Matthias Goerne und Rudolf Buchbinder, um nur ein paar zu nennen. Die Hauptarbeit beim Schnitt bestand darin, sich von solchen, durchaus sehr gelungenen Szenen zu trennen. Wir haben gemerkt, dass wir uns stark auf eine einzige Geschichte (die bevorstehenden Bach-Aufnahmen) konzentrieren mussten, damit die dramaturgische Spannung erhalten bleibt. Hätten wir noch mehr Stars rein genommen, dann wäre es ein Episodenfilm mit weniger „drive“ geworden. Bei der Auswahl der Pianisten gefiel uns auch die Idee, drei Generationen als Hauptprotagonisten gegenüber zu stellen (Lang Lang, Pierre-Laurent Aimard und Alfred Brendel). Von Ihnen gibt es ebenfalls mehr Szenen und Konzertmitschnitte als letztendlich in den Film gekommen sind. Wir haben ganz bewusst ein hohes Drehverhältnis eingeplant, um hinterher wirklich die besten Momente auswählen zu können. Wir wollen den Film später als Doppel DVD veröffentlichen, um auf der zweiten DVD noch einige dieser Highlights als Bonusmaterial zur Verfügung stellen zu können.

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