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DOK Leipzig 2018 – Ein Festival-Rückblick

Über diesen Preisträger hat nicht nur die Jury diskutiert. Der Film, der beim 61. Internationalen Festival für Dokumentar- und Animationsfilm in Leipzig mit der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb ausgezeichnet wurde, hat die Gemüter schon vor der ersten Vorführung erhitzt. Lord of the Toys begleitet eine Gruppe von Dresdner YouTubern in ihrem Alltag. Dieser besteht außer aus dem Produzieren von Videoclips für die Community vorrangig aus Abhängen, Alkoholexzessen, Ausfälligkeiten: sexistische, rassistische und antisemitische. Über 200.000 Follower finden gut, was der 20-jährige Max „Adlersson“ Herzberg und seine Clique in den Soialen Netzwerken abliefern. Er ist Influencer mit zweifelhaftem Einfluss, präsentiert er nicht nur Gadgets und überdrehte Laune, sondern auch rechtsradikale Ansichten und eine Nähe zur Identitären Bewegung.

Darf man so jemand die große Bühne eines abendfüllenden Dokumentarfilms bieten, wie es Regisseur Pablo Ben Yakov von der Filmakademie Baden-Württemberg mit Lord of the Toys getan hat? Und darf man einen solchen Film, der seine fragwürdigen Protagonisten nicht explizit hinterfragt, sondern unkommentiert ihrem Treiben zuschaut, einen prominenten Platz im Deutschen Wettbewerb des renommierten Leipziger Festivals bieten? Eine Ähnliche Diskussion gab es schon bei der letztjährigen Festivalausgabe um den Film Montags in Dresden von Sabine Michels, in dem sie Pegida-Anhänger über ein Jahr begleitet hat.

Die Festival-Leitung hätte also diesmal darauf vorbereitet sein können, dass da ein Film für Aufregung sorgen wird. Gesprächsbedarf war da, Zeit dafür war nach der Weltpremiere des Films wenig, dafür ist die Jurybegründung zur Preisvergabe am Ende auffallend ausführlich und bemüht, dem Erklärungsbedarf Rechnung zu tragen:

„Der Preis für den besten deutschen Dokumentarfilm geht an Lord of the Toys: Weil er smart, differenziert, extrem mutig und von einer schmerzhaften politischen Brisanz ist. Und den Anspruch erfüllt, den man an einen guten Dokumentarfilm haben muss: Er hilft Leuten, zu kapieren, was woanders los ist (…) Ein in der Form noch nicht dagewesener Beitrag zum Verständnis dessen, was grade in unserer Welt passiert.“

[zur vollständigen Jurybegründung >]

Regisseur Pablo Ben Yakov hat Lord of the Toys gemeinsam mit Kameramann André Krummel als Co-Autoren gemacht. André Krummel war 2017 mit seinem Film Nach der Zukunft im Deutschen Wettbewerb von DOK Leipzig vertreten. Krummel taucht intensiv und unkommentiert in die Lebenswelt seines Protagonisten ein, eines schwulen Linksaktivisten, der an seiner Dissertation über Barebacking schreibt – und erhielt eine Lobende Erwähnung für sein Porträt:

„Ein radikales Leben zwischen Technischem Hilfswerk, Lederclub und akademischen Ambitionen: Das präsentiert André Krummel ebenso einfühlsam wie unaufdringlich in seinem freiheitsliebenden Porträt Nach der Zukunft.“

[Jurybegründung 2017 >]

Damit hatte sich Krummel als einer empfohlen, der unerschocken auf filmische Tuchfühlung mit Menschen und Milieus geht, die den meisten wohl völlig fremd und eher suspekt sind. Was bei Nach der Zukunft so eindrücklich funktionierte – nämlich dem Publikum einen extrem eigenwilligen, in seiner Lebensführung radikalen Protagonisten menschlich nahe zu bringen – ist allerdings genau der Punkt, der Lord of the Toys nun so fragwürdig macht. Denn bei Protagonisten, die menschenverachtende Spässchen und Sprüche machen, Gewalt propagieren und mit rechtem Gedankengut kokettieren, liegt ein anderer Sachverhalt vor, als bei einem radikalen schwulen Aktivisten, der für sexuelle Selbstbestimmung kämpft. Während Nach der Zukunft mit seiner menschlichen Nähe den Effekt hat, Vorurteile abzubauen, läuft Lord of the Toys Gefahr, das menschenverachtende Verhalten, das er abbildet, zu „normalisieren“. Welche Haltung steht hinter dem Film? Wie stehen die Filmemacher zu ihren Protagonisten? Das sind Fragen, die Lord of the Toys nicht beantwortet – und genau das macht den Film so fragwürdig.

Wie wichtig ist es, als FilmemacherIn eine klare Haltung zu haben – und diese auch offen mit den Protagonisten zu kommunizieren? Auf diese Frage liefert während des Festivals ein anderer Film in der offiziellen Programmauswahl nebenbei eine eindrückliche Antwort: Exit von Karen Winter. Die norwegische Regisseurin war als Teenagerin erst linksradikal und dann einige Jahre rechtsradikal unterwegs. Als Aussteigerin, die immer noch mit ihrer Vergangenheit hadert, macht sie sich für den Film auf die reise und trifft andere Aussteiger aus den verschiedensten extremistischen Richtungen. Als erstes begegnet sie Ingo Hasselbach, der sich 1993 von der Neo-Nazi Szene lossagte – bezeichnenderweise nicht lange, nachdem er über längere Zeit von Filmemacher Winfried Bonegel begleitet wurde und dieser nicht nachließ, ihn immer wieder mit Widersprüchen zu konfrontieren.

Exit wurde bei der Preisverleihung mit drei Auszeichnungen bedacht. Ein gleichermaßen erhellender wie berührender Film, der begreifbar macht, was Menschen in extremistische Richtungen treibt, sei es linksradikal, rechtsradikal, oder islamistisch – und wie schwierig es ist, aus diesen Ecken wieder herauszugelangen und mit seiner Vergangenheit ins reine zu kommen. Eine sehr persönliche Reise, die in den Begegnungen mit den anderen Austeigern und Austeigerinnen zum Teil intensivste Momente erlebt.

 

 

Der Hauptpreis im Internationalen Wettbewerb ging an I Had a Dream von Claudia Tosi: Eine Langzeitstudie über das letzte politische Jahrzehnt Italiens – mit der Fragestellung, ob Demokratie und Politik überhaupt noch am Leben sind. Zunächst gar nicht als Langzeitprojekt geplant, startete die Filmemacherin 2008 mit einem Porträt von Manuela und Daniela, einer Abgeordneten des italienischen Parlaments und einer Lokalpolitikerin, und dem Ziel, den Film mit der Abwahl von Berlusconi dramaturgisch rund zu machen. Diese fand leider nicht statt. Dann hoffte Claudia Tosi auf die neu gegründete Frauen-Bewegung gegen Berlusconi „Wenn nicht jetzt, wann dann“ und drehte weiter – doch diese löste sich auf, wieder kein Film. Schließlich entschied sie sich, ihren beiden Protagonistinnen, das montierte Material der letzen 10 Jahre vorzuführen und arbeitete deren Reaktionen darauf in ihre endgültige Fassung mit ein, um ihn in der aktuellen politischen Situation zu verankern. Und tatsächlich: I Had a Dream ist jetzt ein dramaturgisch runder Film, der die letzten 10 Jahre italienischer Politik durch die Augen zweier engagierter Frauen reflektiert – Humor und Resignation sind sich da sehr Nahe.

 

Insgesamt waren über 300 Filme in der Festivalwoche zu sehen. Herausgehoben sei hier abschließend noch ein Film, der denjenigen zu Aufmerksamkeit verhilft, die sonst medial wenig zu Wort kommen: Die Opfer rechtsradikaler Gewalttaten und Anschläge in Deutschland. Der Zweite Anschlag von Mala Reinhardt. Der Filmtitel zitiert eine Aussage, die Ibrahim Arslan im Film trifft: als Kind überlebte er den Brandanschlag auf sein Elternhaus in Mölln, bei dem seine Großmutter und zwei Schwestern starben – mit beeindruckender Klarheit resumiert er heute, dass  seine Familie nicht nur einen, sondern zwei Anschläge erlitten habe: Die rechtsradikale Gewaltattacke, die er abgeklärt als „nicht verhinderbar“ beschreibt und dann aber die folgenden Attacken, die sehr wohl vermeidbar gewesen wären: Der Umgang von Medien, Politik und Gesellschafft mit den Opfern. Ein Prinzip, das auch 20 Jahre später wieder Realität wird: im Umgang mit den Opfern und Angehörigen der NSU-Morde. Der Zweite Anschlag wurde bei der Preisverleihung mit einer lobenden Erwähnung der Ver.di-Jury bedacht, denn: „In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz von Rassismus ist es enorm wichtig, den Betroffenen zuzuhören.“ Wie wahr – aber womit wir leider auch wieder am Anfang dieses Textes sind …

[Kirsten Kieninger – 4. November 2018]

 

 

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