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BALKAN MELODIE

Stefan Schwietert auf den Spuren des Entdeckers der Weltmusik

balkanmelodie

BALKAN MELODIE | Dokumentarfilm | Regie: Stefan Schwietert | CH 2012

Wo Stefan Schwietert draufsteht, ist Weltmusik drin. Der Schweizer Regisseur ist inzwischen ein Garant für gut gemachte Dokumentarfilme, die den Zuschauer musikalische Preziosen aus allen Ecken der Welt (neu) entdecken lassen. Ob die Wurzeln und das Herz der Klezmer-Musik in A Tickle in the Heart, die Magie eines alten kolumbianischen Akkordeon-Spielers in El Acordeón del Diablo, oder die ungeahnte Faszination des Jodelns in Heimatklänge. Schwieterts Filme nehmen den Zuschauer stets mit auf eine in Bild und Ton betörende Reise.

Auch Balkan Melodie hebt sofort ab mit magischen Klängen und Bildern. Zu sehen ist ein altes Ehepaar in ihrem märchenhaften Haus mit Garten am Hang über dem Genfer See. Zu hören sind bulgarische Gesänge aus Frauenkehlen. Die Musik kommt vom einem Tonband, das der alte Mann aufgenommen hat. Alte Dias und Super-8 Aufnahmen zeigen, wie Marcel Cellier und seine Frau in den 70er Jahren durch Osteuropa reisten, auf der Suche nach einer Musik, die sie faszinierte. In Bulgarien hat Cellier den sozialistischen Staatschor für sich entdeckt und später als Le Mystère des Voix Bulgares weltweit bekannt gemacht.

Davor ist er schon in Rumänien fündig geworden: der Panflöten-Virtuose Gheorghe Zamfir wurde in den 70er Jahren zum Exportschlager. Auf deutschen Bühnen war sein Einsamer Hirte ein Hit. Heute lebt der einstige Platten-Millionär in Bukarest als verbitterter Musiklehrer. Er fühlt sich ausgebeutet, vielleicht leidet er aber auch nur unter Größenwahn. Die Frauen des bulgarischen Chores sind mit ihrem Gesang niemals zu Geld gekommen, waren sie doch in staatlichen Diensten unterwegs.

Der Film begibt sich auf die Spuren von Celliers musikalischen Entdeckungen und sucht einige wieder auf. Nebenbei erzählt sich der Wandel der Systeme und Lebensbedingungen. Und es zeigt sich: Nach einer ursprünglichen Folklore kann man lange suchen. Davon können die rumänischen Bauern, die auf Dorffesten „traditionelle“ Musik machen genauso ein Lied singen, wie die Gypsy Pop Band Mahala Rai Banda aus Bukarest. Musik wurde immer schon gerne instrumentalisiert, ob für sozialistische Kulturveranstaltungen oder kapitalistische Vermarktungs-Strategien.

Doch wenn Marcel Cellier erzählt, dass er nie zu Bett gehe, ohne noch ein wenig Musik aus seiner Sammlung zu hören, dann spürt man seine tiefe, ehrliche Leidenschaft für diese Musik, die ihn sein Leben lang getrieben hat.

 

[Kirsten Kieninger, erschienen in der RNZ vom 07.02.2013]

Filmdaten:

Produktionsland: CH/D/Bulgarien
Produktionsjahr: 2012
Filmlänge: 94 Min
Regie: Stefan Schwietert
Drehbuch: Stefan Schwietert
Kamera: Pierre Mennel
Ton: Dieter Meyer, Oswald Schwander, Jörg Höhne
Schnitt: Isabel Meier
Produktion: maximage GmbH, Cornelia Seitler

 

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