Drei Leben nach dem Knast in einem Dokumentarfilm von Daniel Abma

NACH WRIEZEN | Dokumentarfilm | Regie: Daniel Abma | D 2012
Die Rückreise ins Leben steht an. Es geht es auf zur Freundin, zur Mama, ins Ungewisse. Die Bedingungen für einen Neustart sind unterschiedlich, ebenso die Delikte, die sie hierhin gebracht haben, in die JVA Wriezen in Brandenburg. Doch vor dem Gefängnistor sind sie für einen Moment gleich: drei junge Männer, die wieder Fuß fassen müssen im Alltag. Am Anfang des Dokumentarfilms Nach Wriezen herrscht fast so etwas wie Chancengleichheit für Imo, Jano und Marcel. Sie müssen sich bewähren, im Auge des Gesetzes und vor den Augen des Zuschauers…
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Filmdaten:
Genre: Dokumentarfilm
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2012
Länge: 88 Min.
Regie: Daniel Abma
Drehbuch: Daniel Abma
Kamera: Johannes Praus, Anja Läufer
Montage: Jana Dugnus
Risse im Alpen-Panorama: Winter-Industrie vs. Natur-Paradies

PEAK | Dokumentarfilm | Regie: Hannes Lang | D, I 2011
„Es rette sich, wer kann!“ Seit Jahrzehnten tummeln sich Wintersport-Fans aus aller Welt in den Alpen, doch die 82-jährige Bäuerin ist eine der letzten ihrer Art. Die meisten Einheimischen sind längst aus den höheren Lagen geflüchtet. Schneekanonen haben Einzug ins Wintersport-Paradies erhalten, denn auch der Winter zieht sich zurück. Die Wintersport-Industrie hat den Kampf mit der Natur aufgenommen, um dem Ansturm der Ski-Fahrer trotzdem etwas bieten zu können.
In dem sehenswerten Dokumentarfilm Peak von Hannes Lang ist in großartigen Cinemascope-Bildern zu besichtigen, welche Wunden bisher in das Alpen-Massiv geschlagen wurden. Will eine Wintersport-Region wettbewerbsfähig bleiben, geht in Zeiten des Klimawandels ohne Speichersee, der die Schnee-Fabrik versorgt, gar nichts mehr. Es sind surreal anmutende Bilder, die zeigen, wie eine künstliche Schneerinne für Ski-Fahrer inmitten von Gestein und Geröll geschaffen und befahren wird. Es wird Vakuumtechnik aus Israel aufgefahren, um an den Alpenhängen einen Schnee-Teppich aufbringen zu können. Es werden riesige Planen ausgelegt, um den Rückgang des Gletschers zu verlangsamen. Die Menschen wirken dabei wie Ameisen.
Dramaturgisch geschickt rückt der Film die Dinge in ihre Dimensionen: Das Staubecken, das riesige Ausmaße hat, wird in der Totale gewaltigen Alpen-Massiv zu einer kleinen Wunde. Doch von diesen gibt es immer mehr. Die Winterindustrie bricht brachial herein in das idyllische Alpenpanorama. Die Montage verdeutlicht das mit plötzlichen lauten und dann wieder weggerissenen Geräuschen, die Mensch und Technik mit in die Natur bringen: Die Motoren der Fahrzeuge, der Lärm der Baustellen, die Musik der Après-Ski-Parties. Die riesigen Wintersport-Retorten-Ressorts sind nach der Saison Geisterstädte: Vögel zwitschern, der Hausmeister sammelt Müll ein.
Währenddessen stirbt das ursprüngliche Leben in den kleinen Alpen-Dörfern aus, nur noch ein paar Alte halten die Stellung. So wie der Almbauer, der im kargen Boden Kartoffeln anpflanzt. Die Kamera folgt ihm dreieinhalb ungeschnittene Film-Minuten, wie er einen Sack Kartoffeln durch das Dorf schleppt. Lange wird er das nicht mehr tun. Denn wie seine Mutter sagt: „Rette sich, wer kann!“
[Kirsten Kieninger, RNZ vom 28.03.2013]
Filmdaten:
Kinostart: 28.03.2013
Produktionsland: Deutschland, Italien
Produktionsjahr: 2011
Länge: 90 Min.
Verleih: Farbfilm Verleih
Regie: Hannes Lang
Drehbuch: Hannes Lang, Mareike Wegener
Kamera: Hajo Schomerus, Thilo Schmidt
Montage: Stefan Stabenow
Das Dokumentarfilm-Festival in Thessaloniki spiegelt die Realität in Griechenland

Vom 15. bis 24. März 2013 hat das 15. Thessaloniki Documentary Festival stattgefunden. Ein ausführliches Festival-Fazit habe ich schon für kino-zeit.de geschrieben. Hier nun einige Beobachtungen am Rande, die einem besonders in die Augen springen, wenn man als Deutsche zum Festival nach Griechenland gekommen ist:
„Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“, diese Zeile aus einem Fehlfarben-Song trifft durchaus zu. Besonders wenn man 10 Tage lang in Thessaloniki ins Kino gegangen ist. Das 15. Internationale Dokumentarfilmfestival bot vom 15. – 24. März in der Metropole im Norden Griechenlands gleich die die doppelte Dosis Realität: Auf den Leinwänden der Kinos und in den Straßen der Stadt. Bilder von Protesten im Kino, Demonstrationszüge auf der Uferpromenade vor dem Kino. Dokumentierte Realität und erlebte Gegenwart haben sich während des Festivals durchdrungen, gespiegelt und kommentiert.
Von Finanz-Krise und knappem Staatsgeld ist bei der Festival-Organisation selbst – dank Sponsoren – kaum etwas zu spüren. Die Zuschauer drängen in die Kino-Säle, besonders in die griechischen Filme. Knapp 80 der rund 200 auf dem Festival präsentierten Filme sind griechische Produktionen. Und in vielen von ihnen ist die Krise des Landes als Thema präsent:
Jeder zweite junge Grieche ist arbeitslos, von drei Griechen unter 35 Jahren will jeder zweite das Land verlassen. In Little Land entflieht der 35-Jährige Thodoris der Arbeitslosigkeit in Athen, um auf der kleinen Insel Ikaria als Selbstversorger sein Glück zu versuchen, denn dort leben die Leute einfach und zufrieden und werden dabei gerne auch 100 Jahre alt. In Skapeta lebt Christos, der sein Alter nicht weiß, als letzter mit seinen Schafen in einem verlassenen Dorf, die Krise erreicht ihn nur über das alte Transistor-Radio. Im eindrücklich düster stilisierten To the Wolf droht den Dorfbewohnern das Essen auszugehen, da sie ihre Schafe nicht mehr gewinnbringend verkaufen können. In Living in Interesting Times kämpfen sich vier Athener durch die alltägliche Absurditäten, die die Krise mit sich bringt.
Auch der Alltag in Thessaloniki bietet einige Absurditäten: Nachts um halb drei rumort die Müllabfuhr vorm Hotel. Nicht ganz ausgeschlafen bekommt man am nächsten Tag im Kino eine mögliche Erklärung: In der äußerst unterhaltsamen Wahlkampf-Doku One Step ahead erwähnt der nun amtierende Bürgermeister Jannis Boutaris (ein äußerst eigenwilliger Spross der Boutari-Winzer-Dynastie), dass von den knapp 80 Müllautos der Stadt nur 10 einsatzfähig seien, die anderen lägen wegen fehlender Ersatzteile brach. Aber vielleicht nutzt die Müllabfuhr die Nachtstunden auch nur, um nicht im Verkehrschaos des Tages stecken zu bleiben.
Nicht nur die Auswüchse der Finanzkrise spiegelten sich – wie erwartet – auf der Leinwand, auch National-Sozialismus und Holocaust waren wiederkehrende Themen, präsent auch in der Geschichte der Stadt, in der vor der deutschen Besatzung rund 50.000 Juden zuhause waren. „Nicht wir schulden euch, ihr schuldet uns!“ steht dann auch auf einem Transparent, das Hunderte von Demonstranten schweigend durch die Straßen tragen.
Doch nicht nur als Deutsche bekommt man in Thessaloniki jenseits Bougatsa und Tsoureki ordentlich was zu knabbern, auch der kanadische Jury-Kollege bekommt sein Fett weg, allerdings hat er die betreffende Demonstration knapp verpasst: Am 09. März haben rund 15.000 Menschen in Thessaloniki gegen eine auf der Chalkidiki-Halbinsel geplante Goldmine eines kanadischen Konzerns protestiert.
Es waren auf jeden Fall zehn geballte und spannende Festival-Tage, die einen auf Schritt und Tritt (und im Kinosessel) mit Geschichte und Gegenwart konfrontieren, nicht immer ein Spaziergang, eher eine Herausforderung, aber eine sehr anregende und lohnende. Besser kann man das Leben in einem Land gar nicht kennen lernen, als mit offenen Augen und Ohren im Kino, auf den Straßen und im Gespräch mit Einheimischen während eines Dokumentarfilm-Festivals.
Wobei das Festival in Thessaloniki zudem ganz wunderbar liegt: zeitlich wie örtlich. Von den Festival-Kinos zur Uferpromenade sind es nur ein paar Schritte. Jenseits der Meeresbucht trohnt majestätisch der Olymp. Außerdem lohnt es sich sehr, nicht nur die Kinos, sondern auch mal ein Museum oder eine Kirche zu betreten oder einen Ausflug zu den Königsgräbern in Vergina zu machen. Und wenn man sich nicht nur im Kino-Dunkel verkriecht, empfiehlt es sich sehr Sonnenbrille und -Creme zur Hand zu haben.
Preisträger-Filme des Festivals:
THEY GLOW IN THE DARK by Panayotis Evangelidis, Greece, 2013
(FIPRESCI award for a film in the Greek selection)
PARTS OF A FAMILY by Diego Gutiérrez, Mexico/Netherlands 2012
(FIPRESCI award for a film in the International selection)
CALL ME KUCHU by Katherine Fairfax Wright & Malika Zouhali-Worrall, USA, 2012
(Amnesty International Jury Award)
LITTLE LAND by Nikos Dayandas, Greece/France, 2013
(WWF Award, ERT3 BROADCASTING AWARD)
WINTER NOMADS (HIVER NOMADE) by Manuel von Stürler, Switzerland, 2012
(ERT3 BROADCASTING AWARD
BLOOD BROTHER by Steve Hoover USA, 2012
(Audience Award for a film over 45’ in the International Selection)
THE HIGH PRICE OF GOLD by Ross Domoney, Democratic Republic of Congo / UK 2012
(Audience Award for a film under 45’ in the International Selection)
THE GROCER by Dimitris Koutsiabasakos, Greece, 2013
(Audience Award for a Greek film over 45’)
A HERITAGE: IN DEEP AGONY by Kyriaki Malama, Greece, 2013
(Audience Award for a Greek film under 45’)
FIPRESCI-Preis Gewinner beim 15. Thessaloniki Documentary Festival

THEY GLOW IN THE DARK | Dokumentarfilm | Regie: Panagiotis Evangelidis | GR 2013
Jim und Mikal hatten vor Jahrzehnten mal was miteinander, jetzt haben sie sich in einer Zweckgemeinschaft zusammengetan. Beide Männer sind über fünfzig und HIV-positiv. “Alle, die wir kennen, sind tot”, so lakonisch begründet Jim, warum er und Mikal sich nach 20 Jahren Funkstille jetzt unter einem Dach im Post-Katrina New Orleans zusammenraufen. Der griechische Filmemacher Panajotis Evangelidis hat einen Monat mit den beiden verbracht und porträtiert ganz unmittelbar ihre Situation. Der Titel seines Dokumentarfilms They Glow in the Dark bezieht sich auf ihre selbst gebastelten Figürchen mit Voodoo-Appeal, die sie auf dem Markt verkaufen: einige sind mit fluoreszierender Farbe bemalt. Der Titel beschreibt im übertragenen Sinne aber auch die beiden eigenwillig-sympathischen Protagonisten…
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Filmdaten:
Originaltitel: They Glow in the Dark
Produktionsland: Griechenland
Produktionsjahr: 2013
Länge: 68 Min.
Regie: Panagiotis Evangelidis
Drehbuch: Panagiotis Evangelidis
Kamera: Panagiotis Evangelidis
Schnitt: Araceli Lemos
Musik: Jim Baysinger
FIPRESCI-Preis Gewinner beim 15. Thessaloniki Documentary Festival

PARTS OF A FAMILY | Dokumentarfilm | Regie: Diego Gutiérrez | NL, MX 2012
Sie leben im selben Haus, aber ihr Leben teilen sie schon lange nicht mehr miteinander. Irgendwann in den 50 Jahren, die Gonzalo und Gina verheiratet sind, haben sie sich auseinandergelebt. Die Liebe von einst hat sich in Abneigung und Indifferenz verwandelt. Das Haus der beiden ist Schauplatz eines alltäglichen kalten Krieges mit zwei Verwundeten, die sich in ihre Schützengräben zurückgezogen haben. Der mexikanische Filmemacher Diego Gutiérrez hat mit seinem Dokumentarfilm Parts of a Family eine eindringliche Studie dieser – ebenso tragischen wie alltäglichen – Situation geschaffen, in der sich seine Eltern verfangen haben. Eine Situation, wie sie in ähnlicher Form hinter unzähligen Vier Wänden anzutreffen ist, sich jedoch selten filmisch präsentiert wie im Hause Gutiérrez…
> meine ausführliche Rezension bei kino-zeit.de >
Filmdaten:
Originaltitel: Partes de una Familia
Produktionsland: Niederlande, Mexiko
Produktionsjahr: 2012
Länge: 83 Min.
Regie: Diego Gutierrez
Kamera: Diego Gutierrez
Montage: Danniel Danniel
Eine dokumentarische Betrachtung über die Ökonomie am Ende des Lebens

GEGENWART | Dokumentarfilm | Regie: Thomas Heise | D 2013
Und die Arbeit geht weiter. Auch zwischen Weihnachten und Silvester. Draußen liegt eine Schnee-gedämpfte Abendruhe über den Bäumen, den Feldern, dem Dach mit den Schornsteinen. Drinnen wird gearbeitet, der Boden gewischt, mit Metallteilen hantiert. Banale Tätigkeiten, doch der Ort des Geschehens ist ein besonderer. Der Arbeitsalltag, der das Material zu Thomas Heises Dokumentarfilm liefert, findet in einem Krematorium statt. Still und konzentriert schaut der Regisseur in Gegenwart dabei zu, wie sich sogar im Angesicht des Todes die Ökonomie spiegelt…
> meine Filmrezension bei kino-zeit.de >
Filmdaten:
Originaltitel: Gegenwart
Buch und Regie: Thomas Heise
Kamera: Robert Nickolaus
Ton: Dietmar Künze
Mischung: Sven Piesker
Montage: Mike Gürgen
Produktionsleitung: Marcel Neudeck
Redaktion: WDR/Arte Sabine Rollberg
Produzentin: Meike Martens
Formal konsequent, außergewöhnlich beobachtet: Raumkapsel Krankenwagen

SOFIA’S LAST AMBULANCE | Regie: Ilian Metev | D, BG, HR 2012
Krassi, Mila und Plamen gehören zu den letzten ihrer Art. In 48-Stunden-Schichten sind der Arzt, die Krankenschwester und der Fahrer in den Straßen Sofias unterwegs. Sie kämpfen nicht nur um Menschenleben, sie müssen sich auch mit den Absurditäten eines maroden Gesundheitssystems herumschlagen. In der bulgarischen Millionen-Metropole sind nur dreizehn Rettungswagen im Einsatz. Der Filmtitel Sofia’s Last Ambulance ist also gar nicht so weit von der Realität entfernt. Der Dokumentarfilm, der dahinter steht, ist sogar ganz nah dran.
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Filmdaten:
Originaltitel: Poslednata Lineika Na Sofia
Produktionsland: Deutschland, Bulgarien, Kroatien
Produktionsjahr: 2012
Kinostart: 14.03.2013
Länge: 75 Min.
Regie: Ilian Metev
Kamera: Ilian Metev
Montage: Betina Ip, Ilian Metev
Musik: Tom Kirk
Hauptdarsteller: Mila Mikhailova, Plamen Slavkov, Krassimir Yordanov
The Act of Filming: Dokumentarfilm als Herausforderung

THE ACT OF KILLING | Regie: Joshua Oppenheimer | DK, GB, NO 2012
Dokumentarfilme können eine echte Herausforderung sein. Für die Zuschauer, die Protagonisten, die Filmemacher. Der Dokumentarfilm The Act of Killing stellt für alle eine immense Herausforderung dar. Und geht noch einen Schritt weiter: In letzter Konsequenz fordert der Film ein ganzes Volk dazu auf, sich seiner Vergangenheit zu stellen.
> meine Filmrezension bei kino-zeit.de >
Filmdaten:
Originaltitel: The Act of Killing
Produktionsland: Dänemark, Großbritannien, Norwegen
Produktionsjahr: 2012
Länge: 116 Min.
Regie: Joshua Oppenheimer, Christine Cynn
Drehbuch: Joshua Oppenheimer
Kamera: Lars Skree, Carlos Arango de Montis
Schnitt: Niels Pagh Andersen, Janus Billeskov Jansen, Mariko Montpetit, Charlotte Munch Bengtsen, Ariadna Fatjó-Vilas Mestre
Musik: Elin Øyen Vister
Die Spiele sind eröffnet.
Vom 07.02. – 17.02.2013 bin ich für kino-zeit.de auf der Berlinale unterwegs. Die Filmfestspiele lassen sich sehr gut mit einem anderen Spiel verbinden: Bingo!

Auf dem kino-zeit Berlinale-Blog finden sich außerdem viele Kritiken von Filmen und Impressionen, die wir noch bis zum 17.02. in Berlin sehen und sammeln werden.