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68. IFFMH 2019 – Im Kino-Zelt zu Gast in der Jurte

Mit dem japanisch-mongolischen Film Under the Turquoise Sky eröffnete am Mittwoch, 14. November das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Etwas verloren und noch unerkannt steht der mongolische Hauptdarsteller mit einem Bier in der Hand im allgemeinen Trubel. Schon eine gute Stunde bevor es offiziell losgeht, ist es voll im Festivalzelt auf dem Heidelberger Messplatz. Premierengäste und festivalbegeistertes Publikum treffen sich, in den Sitzlandschaften werden bei Wein und Tee Programmhefte studiert und Pläne für die nächsten 10 Tage geschmiedet: „ein Blick in das China von heute“ oder doch lieber die „afrikanischen Geschichten“? Vor der großen roten Pinnwand, wo gerade die ersten Zeitungsberichte über das Festival ausgehängt werden, plaudert der scheidende Festivaldirektor Michael Kötz mit seinem Nachfolger Sascha Keilholz. Auch zwei Kamerateams schwirren durch die erwartungslaunige Menge. Als dann mit etwas Verspätung zur feierlichen Eröffnung geschritten wird, reicht die Menschenschlange vom Kinozelt-Eingang quer durch das Festivalzelt.

Vor dem Film gilt es diesmal nicht nur, ein Festival zu eröffnen, sondern auch das Ende einer Amtszeit einzuläuten. Die Reden sind persönlicher als sonst, die Kulturbürgermeister von Heidelberg und Mannheim teilen Erinnerungen an die gemeinsam mit Kötz erlebten Festival-Jahre. Dr. Joachim Gerner bringt es auf den Punkt und hat die Lacher auf seiner Seite: „Seit Menschengedenken, d.h. seit 1992 leitet Michael Kötz das Festival“.

Dessen Begrüßung der Ehrengäste bietet einen unerwarteten Höhepunkt, als er „mit besonderer Freude die ehemalige Oberbürgermeisterin Heidelbergs …“ begrüßt und ob des laut aufbrandenden Beifalls für Beate Weber-Schuerholz gar nicht dazu kommt, sie namentlich zu nennen; diejenige, der zu verdanken ist, dass mit dem Einstieg der Stadt Heidelberg in das Festival dessen finanzielle Zukunft gesichert war. Kötz‘ Besuch im Heidelberger Rathaus „vor schlappen 25 Jahren“ war ein Glücksgriff für das Festival. „Auf die Idee bin ich im Traum gekommen“ sagt er, „aber jetzt fange ich an zu erzählen …“, um dann noch nachzuschieben, dass die heutige Ehrenbürgerin der Stadt noch etwas getan habe, was für ihn wichtig gewesen sei, sie „hat vor genau 23 Jahren in ihrem Rathaus meine Frau und mich verheiratet.“

Seine geschliffenen Reden, die das Publikum routiniert mitnehmen, sind ein Signum von Kötz‘ Amtszeit, das sich den internationalen Festivalgästen leider nicht erschließt. Die nicht übersetzten Reden müssten ihnen vorkommen „like a foreign film without subtitles“, entschuldigt er sich bei dem angereisten Team des Eröffnungsfilms Under the Turquoise Sky des japanischen Regisseurs Kentaro und stolpert dann launig über die Aussprache der Namen der Produzenten aus Japan und der Mongolei und des mongolischen Drehbuchautors und Hauptdarstellers Amra Baljinnyam.

UNDER THE TURQUOISE SKY on Vimeo.

Under the Turquoise Sky entpuppt sich als ein perfekter Eröffnungsfilm für diese letzte Festivalausgabe unter Kötz‘ Regie: er bietet alles auf, was das treue Publikum in Mannheim und Heidelberg seit Jahren an der präsentierten Filmauswahl kennt und schätzt: eine universelle Geschichte in großartiger Landschaft, das Aufeinanderprallen verschiedener Lebenswelten, die Wandlung des Helden während der Reise (die gerne eine zu den eigentlichen Wurzeln ist), recht schematisch inszeniert und erzählt, dabei garniert mit ein wenig Musik und Köstlichkeiten der exotischen Kultur – und praktischerweise wenig Dialog, sodass die Untertitel nicht zu sehr von den Schauwerten ablenken.

Und da hat die Äußere Mongolei, in die es den jungen Luxus-verwöhnten Tunichtgut Takeshi aus Tokyo auf Geheiss seines kranken Großvaters verschlägt, einiges zu bieten. Das traditionelle Mongolen-Gewand des Pferdediebs Amaraa, der Takeshi auf der Suche nach seiner Tante begleitet, leuchtet rot unter blauem Himmel in grüner Steppe. In einer Jurte werden das Nationalgetränk Airag (vergorene Stutenmilch) und Aruul (getrockneter Quark) gereicht und am Wegesrand zu Obertongesang und Pferdekopfgeige ums Feuer getanzt. Der Roadtrip via Minibus, Yak, Pferd und altem Motorradgespann wird für Takeshi zu einem Übergangsritus hin zum puren Leben.

Vor dem Film hat Michael Kötz noch davon gesprochen, dass im Film die Form wirklich alles sei und man dem Publikum „viel zu wenig zutraut“. Nach dem Eröffnungsfilm wünscht man sich sehr, dass sein Nachfolger Sascha Keilholz dem Publikum ab dem nächsten Jahr dann mal so richtig etwas zutraut.

[Kirsten Kieninger, als Print-Artikel erschienen in der RNZ vom 16.11.2019]

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