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22º THESSALONIKI DOCUMENTARY FESTIVAL – wegen Virus verschoben

Update 2. März 2020: heute wurde bekanntgegeben, dass das Festival wegen des Coronavirus verschoben wird!

Das Thessaloniki Documentary Festival (TDF) in Zeiten des Corona-Virus: Am 5. März startet die 22. Ausgabe des internationalen Dokumentarfilm-Festivals in Thessaloniki. In Griechenlands zweitgrößter Metropole stehen 11 Festival-Tage an, vollgepackt mit 189 Dokumentarfilmen und 74 kurzen Dokumentarfilmen aus aller Welt, besucht von tausenden Festivalbesuchern, Filmemachern und Journalisten aus aller Welt. Was sonst die Faszination von internationalen Filmfestivals ausmacht – viele Leute von überall her begegnen sich kommunikativ und verbringen viel Zeit miteinander auf engem Raum in klimatisierten Kinosälen – ist diesmal eher ein Grund zur Besorgnis als zur Vorfreude.

Das ist den Festivalverantwortlichen wohl bewußt. Und so wurde eine Woche vor Festivalbeginn nicht nur das komplette Programm veröffentlicht, sondern auch eine akribische Auflistung der Maßnahmen, die eine Ansteckungs-Gefahr mit SARS-CoV-2/ COVID-19 auf dem Filmfestival minimieren sollen: mit Hand-Desinfektionsmittel-Dispensern, ständiger Desinfektions-Offensive in allen Räumlichkeiten, extra geschultem medizinischem Personal samt Arzt vor Ort und direktem Draht zur Hellenic National Public Health Organization. Denn schon vor den ersten Festivalgästen ist das Coronavirus nun auch in Thessaloniki angekommen, fünf Tage vor Festivalbeginn gibt es zwei bestätigte Fälle…

We are well prepared and most importantly we remain calm and patient. Panic is far more dangerous than any virus. Put your mind at ease, smile and enjoy a great Festival!

(„Thessaloniki Documentary Festival – Response to the Coronavirus“ – Festival e-Mail vom 28.2.2020)

Also: durchatmen, sich nicht verrückt machen wegen des Coronavirus und sich lieber – wie immer auf großen Filmfestivals – vom Kinovirus anstecken lassen. Denn das Festivalprogramm des 22. Thessaloniki Documentary Festival verspricht 11 Tage voller Filme und interesanter Begegnungen. Erstmalig wird es vier internationale Wettbewerbs-Sparten geben: Long Feature documentaries (mit Dokumentarfilmen über 70 Minuten), Newcomers (mit Erstlings- und Zweitwerken junger Filmemacher*innen), >>Film Forward (mit Werken jenseits von Genre-Konventionen) und VR ( der Wettbewerb mit Virtual Reality-Produktionen wurde 2018 etabliert).

Beim TDF sind griechische Dokumentarfilme natürlich sehr präsent: insgesamt stehen 78 Produktionen aus Griechenland auf dem Programm, drei griechische Filme sind auch im internationalen Wettbewerb vertreten. Auch im Industry-Bereich des Festivals (sprich: dem „Marktplatz“, wo sich Filmemacher*innen, Produzent*innen, Filmeinkäufer*innen aus aller Welt professionell über Filmprojekte austauschen, neue (Co-)Produktionen einfädeln und fertige Filme einkaufen) werden durch Veranstaltungen wie Docs in Progress, Doc Market und das Thessaloniki Pitching Forum vor allem griechische und andere südosteuropäische Dokumentarfilme auf den Weg gebracht. Dazu gibt es Angebote, wie das z.B. das Agora Lab, wo renommierte internationale Filmschaffende griechische Filmemacher*innen in der Schnitt-Phase ihrer Filme beraten. Dazu gibt es noch eine ganze Reihe von Veranstaltungen, Masterclasses und Diskussionsrunden, die das Festival auch jenseits des Filmprogramms für Zuschauer und Filmschaffende atraktiv machen.

Seit über 20 Jahren gehört das TDF zu den führenden Dokumentarfilmfestivals in Südost-Europa. Gegründet würde das Festival 1999 als Ableger des International Thessaloniki Film Festival von Dimitri Eipides, seit 2017 steht es unter der Leitung von Orestis Andreadakis und Elise Jalladeau. Neuerdings wirkt die Filmauswahl cineastisch engagierter, die Filme werden nicht mehr thematisch gebündelt, die teilweise neu eingeführten Programmreihen kommen übersichtlicher kuratiert daher. Seit 2018 steht das TDF auch auf der Liste der Festivals, deren Hauptpreisträger automatisch für Oscar®-Wettbewerb qualifiziert sind. D.h. der Film, der am Ende des 22. TDF den Golden Alexander Award gewinnt, darf 2021 beim Rennen um den Dokumentarfilm-Oscar® mitmachen.

Doch bevor am 15. März 2020 die Preisträger des 22. TDF verkündet werden, steht auch abseits der vier Wettbewerbs-Reihen viel sehenswertes auf dem Programm: zum Beispiel eine 35 Filme umfassende Reihe animierter Dokumentarfilme, oder eine Filmreihe unter dem Titel Anthropocene Epoch, in der die Beziehung des Menschen zu seiner (Um-)Welt betrachtet wird (was in Zeiten von Klimawandel und Virus-Pandemie eine sehr aktuelle Idee ist – in den Festival-Plakaten und Trailern könnte man sich den Gesteinsbrocken, der wie ein Damokles-Schwert über dem Menschen schwebt, auch allzugut durch das 3D-Modell eines SARS-CoV-2-Virus ersetzt denken).

Es sind außerdem gleich drei internationale Hommagen angekündigt: Beim Festival zu Gast sein werden der legendäre französische Fotograf Raymon Depardon, die US-amerikanische Fotografin und Filmemacherin Lauren Greenfield, bekannt für ihre kritischen Betrachtungen extravaganten Reichtums in den USA und die französich-kolumbianische avant-garde Filmkünstlerin Laura Huertas Millán, die ihre Dokumentarfilme selbst als „ethnographic fiction“ beschreibt. Zudem wird es eine Hommage an den im November 2019 verstorbenen griechischen Filmemacher Stavros Kaplanidis geben.

Auch der im November 2013 verstorbene „Ambassador of Documentary“, der kanadische Dokumentarfilmer und großartige Dokumentarfilm-Mentor Peter Wintonick wird in Thessaloniki in Gedenken wieder anwesend sein – und diesmal auch auf der Leinwand zu sehen: seine Tochter Mira Burt Wintonick wird ihren – in den Jahren nach dem Tod ihres Vaters mittels Crowdfunding fertiggestellten – Film Wintopia in der Reihe Special Screening präsentieren.

Walchensee Forever | Regie: Janna Ji Wonders

Und, wie jedes Jahr, ist das Thessaloniki Documentary Festival auch diesmal wieder die willkommene Gelegenheit direkt am Meer und im Angesicht des Olymp die Filme nachzuholen, die man bei IDFA oder Berlinale verpasst hat, aber unbedingt sehen will. Den deutschen Dokumentarfilm Walchensee Forever beispielsweise, mit dem die junge Filmemacherin Janna Ji Wonders gerade in Berlin den Hauptpreis in der Perspektive Deutsches Kino gewonnen hat.

Eröffnet wird das 22. TDF mit der Weltpremiere des südafrikanisch-niederländischen Dokumentarfilms My Octopus Teacher von Philippa Ehrlich und James Reed am Donnerstag, den 5. März.

[Kirsten Kieninger]

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