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DAS ZIMMERMÄDCHEN LYNN

Dieses obskure Subjekt der Sehnsüchte

 

Ein Film, bei dem man nicht so recht weiß, woran man ist. Nicht etwa, weil der Film nicht wüsste, was er will. Im Gegenteil: Das Zimmermädchen Lynn ist von der ersten Einstellung an klar und streng komponiert. Gleichzeitig bewahrt sich der Film ein Geheimnis, deutet vieles an, buchstabiert nichts aus und zieht gerade so den Zuschauer in seinen Bann. Direkt hinein in Lynns Welt, ihr Leben, ihr Empfinden.

Lynn (mit Vicky Krieps wunderbar besetzt) arbeitet als Zimmermädchen im Hotel. Sie putzt mit Hingabe, auch die nicht belegten Zimmer. Sie stöbert gern in den Sachen der Gäste. Als sie fast dabei überrascht wird, rettet sich sich unter das Bett – und verbringt dort die Nacht. Das macht sie fortan öfter. Ob sie so etwas vorher auch schon getan hat? Der Zuschauer erfährt es nicht.

Ingo Haebs Verfilmung des Romans Das Zimmermädchen von Markus Orths hält seine Protagonistin in einem sorgsam ausbalancierten Schwebezustand. Irgendein Problem scheint sie zu haben, sonst wären da nicht die eingestreuten Dialoge mit einem Therapeuten. Kurze Gespräche mit ihrer Mutter, knappe Einblicke in das Verhältnis zum Hotelmanager, ansonsten: eine isolierte Lynn in ihrer eigenen Welt.

Eine Welt, die der Film von der artifiziellen Tonebene (inklusive der Dialoge wurde alles komplett nachvertont) über die klare Bildgestaltung (Kamera: Sophie Maintigneux) bis hin zur Farbdramaturgie sehr bewusst gestaltet: helles, kühles Blau in Lynns Wohnung, warmes plüschiges Rot in den Hotelzimmern. Hier unter den Hotelbetten fühlt sich Lynn dem Leben nah, hier erlebt sie auch das Callgirl Chiara und ist fasziniert von dem was sie hört und sieht. Sie nimmt Kontakt zu ihr auf und bestellt sie in ihre Wohnung …

Das Zimmermädchen Lynn fasziniert mit einer komplexen Frauenfigur, verschroben, schön und sympathisch. Die eineinhalb Stunden, die man im Kino in Lynns Welt verbringen kann, sind eine irritierende, verstörende, beglückende filmische Reise, erzählt in einer ganz eigenen Filmsprache. Ein eigenwilliger, stilsicherer und darum sehr sehenswerter deutscher Spielfilm.

[Kirsten Kieninger – erschienen in der RNZ vom 28.05.2015]

>Interview mit Regisseur Ingo Haeb und Hauptdarstellerin Vicky Krieps >

Filmdaten:

Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2014
Länge: 90 Min.
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 28.05.2015
Regie: Ingo Haeb
Drehbuch: Ingo Haeb
Kamera: Sophie Maintigneux
Schnitt: Nicole Kortlüke
Hauptdarsteller: Vicky Krieps, Lena Lauzemis, Christine Schorn, Steffen Münster, Christian Aumer

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