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BIS ZUM HORIZONT, DANN LINKS!

Renitente Rentner heben ab in Bernd Böhlichs Komödie

BIS ZUM HORIZONT, DANN LINKS | Regie: Bernd Böhlich | D 2012

„In so einem Wagen holt ihr mich dann wieder ab“ entfährt es Frau Simon (Angelica Domröse), als sie von Sohn und Schwiegertochter ins Seniorenheim verfrachtet wird beim Anblick eines Leichenwagens. „Abendstern“ klingt zwar lieblich, doch der Ton in der gleichnamigen Seniorenresidenz ist eher ruppig. Nicht nur der aufmüpfige Herr Tiedgen (Otto Sander) fühlt sich dort bevormundet. Das tägliche Einerlei zwischen Frühgymnastik (immerhin mit junger Vorturnerin) und Abendbrot (nur mit Kamillentee) lässt keinen Raum für Selbstbestimmung. Der reglementierte Alltag bietet kaum Abwechslung, da ist der angekündigte Rundflug über Brandenburg ein echter Lichtblick. Doch Herr Tiedgen möchte mehr: „Ich will das Meer sehen!“. Kurz entschlossen übernimmt er das Kommando und die alte „Tante Ju“ nimmt mitsamt der sich kabbelnden Seniorenschar Kurs aufs Mittelmeer.

Die renitenten Rentner sind die liebenswerten Helden in Bernd Böhlichs Komödie Bis zum Horizont, dann links!. Otto Sanders unverblümte Ansprache als wütender Herr Tiedgen mit gezückter Pistole im Flugzeug ist grandios, dürfte so manchem ins Heim abgeschobenem Senioren aus der Seele sprechen und überzeugt im Film auch schnell die Piloten (Tilo Prückner und Robert Stadlober) bei der „Flugzeugentführung“ mitzuspielen. Einige der Senioren wehren sich zunächst gegen das gemeinsame Abenteuer (Herbert Feuerstein), andere sind gleich dabei (Ralf Wolter, der Sam Hawkens aus „Winnetou“) und in Frau Simon entdeckt Herr Tiedgen sogar eine echte Verbündete im unangepassten Geiste. Schließlich findet auch die junge Altenpflegerin (Anna Maria Mühe) gefallen an der Idee – und dem jungen Piloten.

Der Film startet temporeich, entwickelt seine Geschichte dann doch eher gemächlich. Viele Klischees werden zu guten Lachern abgebogen, andere bleiben Bestandteil der Handlung. Diese ist zwar sehr vorhersehbar und letztendlich auch allzu betulich gestrickt, der Film weiß aber trotzdem auf sympathische Art zu unterhalten. Das ist vor allem dem glänzend aufgelegten Schauspielerensemble (allen voran Otto Sander) und den gelungenen Dialogen (die teilweise echte Kabinettstückchen sind) zu verdanken.

 

 Kirsten Kieninger, für die RNZ, erschienen am 12.07.2012

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