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MOTHER: Mutter/Monster

Hast du vergessen? Mutter kümmert sich um alles!

Joon-ho Bong | MADEO | Südkorea 2009

Die ersten Bilder sind traumhaft: Eine Frau inmitten eines wogenden Meeres aus hohen Gräsern, in goldenes Licht getaucht. Unvermittelt fängt sie an zu tanzen. Sie wirkt versunken und verstört zugleich. Ihr Gesicht verzerrt sich wie eine Maske zwischen Leere, Freude und Schmerz. In dieser entrückten und unheimlichen Ambivalenz begegnet der Zuschauer der Mutter aus Bong Joon-Hos Mother zum ersten Mal. Bilder, die im Gedächtnis haften bleiben. Am Ende des Films wird man diese Bilder wiederfinden und interpretieren können – ihren verstörenden Zauber behalten sie trotzdem.

Es geht um Erinnerung. Um die Suche nach Wahrheit. Und den Wunsch nach Vergessen.

Der Sohn der Mutter ist ein junger Mann, geistig ein Kind geblieben. Er lebt er bei seiner Mutter, sie schlafen im selben Bett. Er begreift wenig und langsam und vergisst sehr schnell. Seine Mutter verdient sich als Witwe mit illegaler Akupunktur etwas dazu und kümmert sich darum, dass er nicht unter die Räder kommt – auch nicht im wortwörtlichen Sinn unter die eines dicken Autos. Er ist etwas debil und gerade deshalb für jeden Blödsinn zu haben: Mit seinem Kumpel zieht er halb Spaß halb Rache suchend randalierend herum. In Szenen von Slapstick-artigem Irrwitz gelingt es dem Sohn allerdings noch nicht einmal, einen Außenspiegel eben jenes Auto abzutreten, sein Kumpel schafft das spielerisch. Ebenso ist es dem Kumpel ein leichtes, ihm hinterher auf der Polizeiwache – wo sie nach einer sensationell schrägen Vergeltungs-Schlägerei auf dem Golfplatz landen – einzureden, dass er den Spiegel abgetreten habe.

Dann geschieht ein Mord. Und diesmal ist es der Polizei ein leichtes dem Sohn einzureden, dass er das Schulmädchen – das merkwürdig über die Brüstung eines Dachs drapiert gefunden wird – erschlagen hat. Schließlich ist er ihm Nachts gefolgt. Das kann auch der Zuschauer bezeugen. Der Sohn selbst kann sich nicht so richtig erinnern. Die Mutter macht sich für ihren inhaftierten Sohn auf die Suche nach der Wahrheit. Und ihr Sohn erinnert sich plötzlich: allerdings an einen Vorfall, als er 5 Jahre alt war…

Kunstvoll entspinnt  Bong Joon-ho ein klassisches Spiel mit Blickwinkeln, Erinnerung- und Realitätsfragmenten. Am Ende ist alles anders als es scheint. Mother beginnt mit nahezu groteskem Humor, zersplittert dann in einen kaleidoskopartigen Thriller (der gleichzeitig ein Panoptikum der modernen südkoreanischen Gesellschaft ist) um schließlich,  durch das plötzliche Hereinbrechen von lange Verdrängtem, als beklemmendes familiäres Drama und Psychogramm einer zerbrochenen Frau (charismatisch und eindrücklich: Kim Hye-ja) zu enden.

Der Film ist ein faszinierender Grenzgänger zwischen den Genres, irgendwann ist man als Zuschauer bereit, mit allem zu rechnen. Wenn man dann die Mutter zwischen den wogenden Gräsern wiederfindet, weiß man, wie sie dorthin gelangt ist. Und hat gesehen, wie sie auf ihrem Weg dorthin in ihrer grenzenlosen, fragwürdigen Mutterliebe mehr als eine Grenze überschritten hat.

Aber Mutter kennt einen Akkupuntur-Punkt, der Verkrampfungen des Herzens löst und einen vergessen lässt. Dieses Wissen wollte sie schon mehrfach bei anderen anwenden, am Ende bleibt ihr nur sich selbst während einer Busfahrt mit dem Segen des Vergessens zu bestechen. Schließlich tanzt sie mit den anderen Frauen im Bus in einer gegenlichtdurchglühten Szene, die den Film am Ende plötzlich nochmal mit einem Zauber abheben lässt.

Detlef Kuhlbrodt befürchtet zu recht in der Zeit, das man diese minutenlange, filmisch wackelige, aber emotional punktgenau sitzende Einstellung im dem zu erwartenden Hollywood-Remake von Mother wohl vermissen wird.

© Die Schnittmeisterin 05.08.2010

Filmdaten:

Titel: Mother
Originaltitel: Madeo
Produktionsland: Südkorea
Produktionsjahr: 2009
Länge: 128 min.
Verleih: MFA+ Filmdistribution
Kinostart: 05.08.2010
Regie: Joon-ho Bong
Drehbuch: Joon-ho Bong, Eun-kyo Park, Wun-kyo Park
Kamera: Kyung-Pyo Hong
Montage: Sae-kyoung Moon
Musik: Byung-woo Lee
Hauptdarsteller: Bin Won, Hye-ja Kim, Ku Jin

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