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MARY & MAX

Alles andere als Kinderkram: Knetfiguren mit Seele

ADAM ELLIOT | MARY & MAX | AUSTRALIEN 2009

Der deutsche Zusatz zum Filmtitel („Oder: Schrumpfen Schafe wenn es regnet?“)  führt auf die falsche Fährte: Mary & Max ist kein lustiges Knetfiguren-Filmchen für die ganze Familie. Einsamkeit, Alkoholismus, Kleptomanie, Asperger-Syndrom, Fettsucht und Tod sind Themen, mit denen man in einem Animationsfilm nicht unbedingt rechnen würde, nach guter Unterhaltung klingt diese Zusammenstellung auch nicht gerade – und doch: Dem australischen Animationsfilmer Adam Elliot ist das Kunststück gelungen, aus all diesen Themen, viel Knetmasse und einer gehörigen Portion Sinn für die Absonderlichkeiten des Lebens einen wunderbaren und mehrfach preisgekrönten, humorvollen und zutiefst anrührenden Film zu formen.

„Gott hat uns Verwandte gegeben – gut, dass wir uns unsere Freunde wählen können“

(Ethel Watts Mumford)

heißt es nach 92 Film-Minuten im Abspann, bis dahin hat der Zuschauer längst vergessen, dass die Protagonisten des Films, deren Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zu Herzen geht, „nur“ Figuren aus Ton sind, in jahrelanger Detailarbeit perfekt Stop-motion-animiert.

Die beiden Hauptfiguren könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein: Mary ist acht, lebt in einer kleinen australischen Stadt, ihr Vater tackert beruflich Bändel an Teebeutel und stopft in der Freizeit Vögel aus und ihre kleptomanisch Mutter ist immer „etwas wackelig“ vom vielen Sherry. Sie selbst trägt eine dicke Brille, ein „kaka-farbenes“ Muttermal mitten auf der Stirn und wird ständig gehänselt. Max ist vierundvierzig, lebt in allein in Manhattan, ist stark übergewichtig, Menschen und Emotionen verwirren ihn und Unordnung bringt ihn so sehr aus dem Konzept, dass er sich „asymmetrisch“ fühlt. Durch bloßen Zufall entsteht zwischen den einsamen Außenseitern eine Brieffreundschaft, in der sie schnell erste Gemeinsamkeiten entdecken – beide lieben Schokolade und dieselbe TV-Serie, beide haben keine Freunde – und die ihre Lebenswege über viele Jahre schicksalhaft miteinander verknüpfen wird.

Adam Elliot, der 2004 für seinen Kurzfilm Harvie Krumpet einen Oscar gewann, blickt in seinem fünften animierten Film mit viel Sympathie auf die Eigenheiten und Unzulänglichkeiten seiner charmant-verschrobenen Figuren, die ihm zufolge stets von Menschen aus seinem Umfeld inspiriert sind. Die Erzählerstimme aus dem off erweckt die Biografien von Mary und Max mittels schräger Anekdoten und lakonischer Berichte parallel zu den detailreichen Bildern zum Leben. Ist die künstliche Welt von Mary & Max farblich ganz in braun und grau mit wenigen wirkungsvollen roten Einsprengseln gehalten, so transportiert dieser „bittersüße Film“ (Elliot nennt seine Filme „Bittersweet Clayographies“) doch eine breite Palette an echten Gefühlen: So viel Tragik, Humor, Melancholie, Hoffnung und auch Lebensweisheit sucht man in vielen Realfilmen vergeblich.

© Kirsten Kieninger – in anderer Form erschienen in der RNZ vom 31.08.2010

Filmdaten:

Titel: Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?
Originaltitel: Mary & Max
Produktionsland: Australien
Produktionsjahr: 2009
Länge: 96 Min.
Verleih: MFA+ Filmdistribution
Kinostart: 26.08.2010
Regie: Adam Elliot
Drehbuch: Adam Elliot
Kamera: Gerald Thompson
Montage: Bill Murphy
Musik: Dale Cornelius
Srecher: Philip Seymour Hoffman, Toni Collette, Eric Bana, Barry Humphries, Bethany Whitmore

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