AVATAR 3D: Menschen, Kino, Sensationen

Volltreffer: James Cameron versenkt seine “Titanic” am Box Office

James “The King of the World” Cameron strikes back

Es ist soweit: nur 6 Wochen nach seinem Kinostart ist “Avatar” mit seinen Produktionskosten von angeblich und ungefähr $ 300 Millionen nicht mehr nur der teuerste Film aller Zeiten, sondern mit einem weltweiten Einspielergebnis von $1,840,797,418 (Stand: 26.01.2010) nun offiziell auch schon der erfolgreichste Film aller Zeiten.

Die $ 200 Millionen teure “Titanic” , James Camerons bewährtes Rekord-Schlachtschiff an den Kinokassen (Baujahr 1997 – es brauchte damals 40 Wochen, um den Hafen des erfolgreichsten Film aller Zeiten zu erreichen) ist mit ihrer Box-Office-Beute aus über 12 Jahren ($1,843,201,268 – Stand: 26.01.2010) nun auf Platz 2 gesunken.

Der erfolgreichste Film aller Zeiten, der die Leute weltweit in die Kinos strömen lässt, als sei das Spektakel der bewegten Bilder gerade erst neu erfunden worden; ein Film, der aus kritisch analysierenden Erwachsenen wieder bedingungslos staunende Kinder macht, ist mir doch ein paar Zeilen wert. Vor allem, weil das auch mir passiert ist –  das mit dem Staunen.  Also habe ich eine Woche später noch einmal 12 € investiert, um das Phänomen zu analysieren dem Kind in mir nochmal 163 Minuten im 3-D Paradies Pandora zu gönnen. Dabei habe ich wiederum auf die amerikanische Originalversion verzichtet, nur um den Film wieder auf der größten Leinwand sehen zu können. Denn darum geht es: um das Neue, das Machbare, die Sensation. Und das – Hype hin oder her – funktioniert gut.

Sogar, obwohl ich eigentlich eine ausgewachsene Abneigung gegen James Cameron habe. Nicht gegen seine Filme  (doch, gegen einen vielleicht und da vor allem gegen den Soundtrack:  “Titanic”). Mich irritiert seine Selbstgefälligkeit. James Cameron weiss, was er kann. Und dazu steht er – wenn die Umstände es ihm erlauben, eben auch mit weit ausgebreiteten Armen und einem der 11 “Titanic”-Oscars in der Hand auf der Bühne, während ihm ein zwar korrekt aus dem Film zitiertes, aber dennoch unangenehm größenwahnsinniges klingendes “I’m the king of the world!” entfährt. Er erklärt auch schon mal auf dem roten Teppich vor laufenden Kameras einem Journalisten, der ihn zur Premiere von “Avatar” begrüßt, die Hierarchie der Hollywood-Welt, indem er ihn maßregelt mit den Worten:

“No! Let me welcome you to the premiere of my Film!”

James Cameron

Avatar |  written, directed, produced and even edited by James Cameron

“Avatar” ist wirklich sein Film, wie die Credits beweisen: Drehbuch, Regie, Produktion und sogar Montage – mehr Kontrolle kann man als Einzelperson über den Fertigungsprozess eines Hollywood-Blockbusters kaum haben. James Cameron ist ein perfektionistischer, technikversessender Kontrollfreak – seinen Filmen zumindest kommt das zugute.

Nicht umsonst sind “Terminator”, “Aliens” und “Titanic” Meilensteine des modernen Hollywoodkinos. Und ihr  erfolgreicher Schöpfer war klug genug zu warten, bis die Zeit (d.h. vor allem: die Technik) reif wurde für das Setzen einer weiteren potenten Markierung seinerseits im Terrain des großen digitalen Effekt-Kinos.  Wozu auch die eigenen Filme mit halbgaren Effekten torpedieren, die den Visionen ihres Schöpfers noch nicht gerecht werden? So hat Cameron strategisch 14 Jahre (wenn auch nicht ungenutzt) verstreichen lassen von der ersten Idee bis zum Siegeszug von “Avatar” in den Kinos rund um die Welt.

Heute trifft “Avatar” auf eine Welt, in der zum einen viele schon mit ihrem eigenen Avatar agieren – sei es nun mit einem schnöden stellvertretenden Foto auf einer Social-Network-Plattform (wie Twitter, Facebook oder Xing), oder aber 3-dimensional animiert und interaktionsfähig in der virtuellen Realität der Computerspiele.  Zum anderen sind die CGI-Anwendungen inzwischen so ausgereift, dass  damit – und mit entsprechendem Aufwand und kreativem Personal – Welten generierbar sind, von denen auch Computer-Gamer, die schon sämtliche Level aller erdenklichen Welten durchspielt haben, noch träumen.

Und Cameron füttert diese Träume, indem er für “Avatar” das Plot-Konstrukt einer wissenschaftlich-militärischen Operation wählt, die er auf einem Planeten spielen lässt, in dessen Atmosphäre Menschen nicht existieren können. Diese Backstory/Begründung/Vorwand ist dazu da, dass Menschen in Form ihrer Avatare diese fremde Welt erkunden und  Abenteuer durchleben können. Eigentlich ist ein klassischer Filmheld, mit dem sich der Zuschauer im Kino identifiziert, auch schon ein Stellvertreter, ein Avatar. “Avatar” potenziert diese Erfahrung noch einmal , indem er  im Film eine weitere Realitätsebene eröffnet. Eine neue Welt tut sich in der vertrauten Filmwelt auf der Leinwand auf. Dank 3-D wähnt sich der Zuschauer mittendrin und ist von seinen Sinneseindrücken voll in Anspruch genommen.

Damit das Kino-Spektakel von dieser Basis aus ungehindert zünden kann, muss die Geschichte simpel sein. Bestenfalls  basiert sie auf Versatzstücken des kultuellen Kanons.

Tatsächlich bedient sich Cameron für “Avatar” an Mythen und Bilderwelten, die längst ins kulturelle Gedächtnis seines Publikums eingebrannt sind. So muss der bekennende Unterwasserwelten-Fan Cameron noch nicht einmal tauchen gehen, um Inspiration zu finden (Polypen, Rochen, Fluoresznez). Es hätte auch genügt, einfach mal wieder in der guten alten Plattensammlung zu stöbern und dabei die Welten zu entdecken, die sich z.B. in den von Roger Dean gestalteteten Plattencover auftun. Oder auch einfach ein paar Video-Nachmittage mit den Kindern verbringen, die finden an Pocahontas Winnetou, oder FernGully: The last Rainforrest sicher  genausoviel Gefallen wie Daddy vielleicht Inspiration. All diese Plagiats-Vorwürfe sind im Internet “belegt” und bebildert. Mein persönlicher Favorit ist folgende “Beweisführung”: Bilder aus FernGully: The last Rainforrest auf den Originalton des “Avatar”-Trailers geschnitten. Da stimmt auf charmante Art fast jedes Detail (überein):

Bebilderte “Beweisführung” FernGully vs. = Avatar

Die Geschichte ist so simpel wie universell: Ein weißer Mann/Soldat/Ex-Marine hat einen Auftrag und kommt so in Kontakt mit einem fremden/außerirdischen/eingeborenen Stamm/Volk/Clan. Er soll sie unterwandern/bekämpfen/schulen, beginnt dann aber ihre Kultur/Ideale/Frauen zu respektieren/schätzen/lieben, schlägt sich schließlich auf die andere Seite und kämpft dort enthusiastischer/mutiger/besser als die Eingeborenen/Na’vi selbst. Diese Geschichte ist nicht neu. Das kennen wir und auch Cameron aus “Der mit dem Wolf tanzt” oder “Der letzte Samurai”. James Cameron gibt das auch freimütig zu und nennt sogar noch andere Blaupausen für “Avatar”:

“Yes, exactly, it is very much like that. You see the same theme in “At Play in the Fields of the Lord” and also “The Emerald Forest”, which maybe thematically isn’t that connected but it did have that clash of civilizations or of cultures. That was another reference point for me. There was some beautiful stuff in that film. I just gathered all this stuff in and then you look at it through the lens of science fiction and it comes out looking very different but is still recognizable in a universal story way. It’s almost comfortable for the audience – “I know what kind of tale this is.” They’re not just sitting there scratching their heads, they’re enjoying it and being taken along. And we still have turns and surprises in it, too, things you don’t see coming. But the idea that you feel like you are in a classic story, a story that could have been shaped by Rudyard Kipling or Edgar Rice Burroughs.”

James Cameron

Und so hat Cameron das geschaffen, was Georg Seeßlen in der taz so treffend als den “ersten großen All-in-One-Film für ein neues Jahrzehnt” bezeichnet. Aber das, was allen gefallen soll, zieht nun genauso Kritik aus allen erdenklichen Richtungen auf sich. Ein interessanter Aspekt wird von dem blog-essay “When will white people stop making movies like avatar?” angerissen, in dem die These aufgestellt wird, dass Weiße nur aus vom Rassismus herrührenden Schuldgefühlen solche Filme machen. Andere Kritikpunkte sind bei weitem nicht so durchdacht und teilweise recht erstaunlich. Hier eine wirre Auflistung der teilweise genauso wirren Kritikpunkte:

Zigaretten im Film, Naturverherrlichung, Brustwarzen der Außerirdischen, geklaut, rassistisch, demagogisch, antidemokratisch, antiamerikanisch, demokratisch, proamerikanisch, zu freizügig, frauenfeindlich, heidnisch, New Age-lastig, extrem Anti-Kapitalistisch, Marxistisch, zu aufregend, übelkeiterregend…

Eine veritable Büchse der Pandora also, die so ziemlich alles Böse beeinhaltet, was man sich vorstellen kann – und James Cameron hat es auf die Welt losgelassen.

Ein Kritikpunkt an Avatar, der mir besonders am Herzen liegt, wurde in der ganzen Diskussion allerdings noch nicht genannt: Der Soundtrack. Es läßt sich leider nicht überhören, das dieser wieder aus James Horners Feder floss – wie auch schon bei “Titanic”. Und irgendwie hat dieser es kompositorisch geschickt geschafft,  dass ein Echo von Céline Dions “My Heart will go on” aus Pandora hallt, das auch hinterher schwer abzuschütteln ist. Aber das sind letztendlich alles nur subjektive Befindlichkeiten, die James Cameron selbst kaum tangieren dürften.

Cameron Green Screen

James Cameron – König in seinem Königreich: erneut Preisgekrönt

Tatsache ist, dass James Cameron am 28. Februar 2010 von der Visual Effects Society eine Auszeichnung für sein Lebenswerk erhält. Und er hat, ganz in der Tradition seiner “Titanic” die Chance auf 11 weitere Auszeichnungen im Rahmen des 8. Annual VES Awards.

Diese Auszeichnungen sind Futter für sein Steckenpferd: Er liebt es, die Grenzen des technisch Machbaren in der Cinematografie zu verschieben. Für “Avatar” profitierte er von der Vorarbeit, die Peter Jackson für “Der Herr der Ringe” bezüglich Motion-Capturing (Andrew Serkis als Gollum) und Ausstattung (WetaWorkshop – von Cameron bei “Avatar” wieder eingespannt) geleistet hat. Das ganze plus neuester 3-D Technik und Camerons  Virtual Camera – die Produktion von “Avatar” diente tatsächlich auch als Workshop und cutting-edge Technologie-Messe für gestandene Hollywood-Regisseure.

“David Fincher hat sich über die High-Definition-Fotografie kundig gemacht. Steven Spielberg hat sich am meisten dafür interessiert, wie er Kameras durch virtuelle Räume führen kann. Ridley Scott denkt seit dem Besuch bei uns ernsthaft darüber nach, wieder einen Science-Fiction-Film zu drehen. Das macht mich besonders stolz. Wir haben jeden willkommen geheißen, der sich für das Projekt und den Stand der Technik interessiert hat. Ein Film, der dem Kino neues Terrain erschließt, bringt alle Filme voran.”

James Cameron

Allen interessierten Laien sei hier dieses 22-Minütige Featurette ans Herz gelegt, das aufschlussreiche Einblicke hinter die Kulissen von “Avatar” bietet:

Avatar – Extended Featurette: Creating the World of Pandora

Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung am 11.03.2010 könnte es also dank “Avatar” Preise für “Beste Neben-Darsteller” geben, die man im echten Leben gar nicht wiedererkennen würde, weil sie eben nicht groß und blau sind. Und da außer Sigourney Weaver alle Darsteller ihre breiten platten Na’vi Nasen und weit auseinander stehenden Augen mit Stolz tragen, sind sie tatsächlich schwer zu identifizieren. Vor allem auch, weil das Produktionsgeld vor allem in die technische Umsetzung floss und nicht in einen Cast, der aus bekannten (und damit teuren) Hollywood-Nasen bestehen würde. Wozu auch, wenn der Zuschauer die echten Na’vi ja sowieso nur diesgestalt (blau und groß) zu sehen bekommt. Wer weiß also schon wie z.B. Neytiri in unserer Realität aussieht:

Zoe Saldana ist Neytiri

Am Ende öffnet Cameron Pandora die Büchse übrigens nochmals und die Hoffnung kommt in die Welt:

“Der Film hat sehr viel Geld gekostet. Aber das sind Entwicklungskosten, die sich am Ende auszahlen werden. Jetzt ist alles da, was wir brauchen. Wir könnten einen zweiten Teil von “Avatar” für ein erheblich geringeres Budget drehen. Wenn das Publikum es will.”

James Cameron

Das Publikum hat ja bekanntlich schon eindeutig abgestimmt… aber eigentlich war James Cameron sowieso von Anfang an klar:

“Yes, there’ll be another.”

James Cameron

© Kirsten Kieninger 26.01.2010

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