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INTERVIEW Uli Gaulke [part 2]

Dokumentarfilmer Uli Gaulke im Interview zu seinem Film As Time Goes By In Shanghai

Die teuren Musikrechte für den Film hast du mit einer Crowdfundig-Kampagne finanziert. Was für Erfahrungen hast du damit gemacht? Wäre das eine Alternative, auch mal einen ganzen Film so zu finanzieren?

Nein. Nicht in Deutschland. Das ist unmöglich. Um wirklich viel Geld zu akquirieren bräuchtest du eine höhere Aufladung. Am besten einen Regisseur, der schon Mal einen Oscar gewonnen und wirklich in der Breite bekannt ist. Wo jemand, der viel Geld gibt eben sagt: Wenn der nächstes Mal wieder einen Oscar gewinnt, dann bin ich ja fast noch mit eingeladen. Prestige spielt eine große Rolle. Der Amerikanische Markt ist einfach größer. Auch die Wahrnehmung von Film und Filmemachern, wenn sie es mal über die Wahrnehmungs-Schwelle geschafft haben, ist dort intensiver. Hier hat das nicht so einen Stellenwert. Einem Dokumentarfilm-Regisseur privates Geld zu geben, das finden manche nicht besonders aufregend, glaube ich. Momentan noch. Das kann sich aber ändern. Bei unserer Kampagne kamen die größten Geldposten aus Amerika.

Ihr habt es auch nicht auf der deutschen Plattform Startnext gemacht, sondern bei Kickstarter.

Genau. Die ist weltweit und da kam das meiste Geld eben aus Kanada. Aber die Begegnungen, die das schafft – also die Leute kriegen ja auch etwas dafür, die kriegen eine Einladung zur Premiere und man trifft sich dann mit denen zum Essen – da gibt es Synergien. Zu erfahren, warum die das machen, ist manchmal echt spannend. Wie gesagt: in Amerika hat Film einen anderen Stellenwert. Und da wissen auch alle, es gibt sonst kein Geld für Film. Es gibt keine Filmförderung und vom Sender auch nur wenig. Da sagen die ich: Wenn der eine Superidee hat und der ist verrückt genug – warum sollen wir dem nicht ein bisschen Geld abgeben und dann macht der was Vernünftiges.

Deine Film-Themen sind bislang eigentlich alle international geprägt.

Ich mache auch ein paar Fernseh-Arbeiten, da sind sehr viele deutsche Sachen dabei. Ich mache bei dem Projekt Die Ost-Deutschen über 25 Jahre Mauerfall mit. Da wird es fünfundzwanzig 15-Minüter geben. Davon mache ich sechs. Da geht es richtig um Deutschland. Und dann habe ich dieses Jahr noch Wacken 3D gemacht.

(ungläubig) Echt?

(schallend lachend) Ja. Der kommt nächstes Jahr ins Kino. Das ist auch so ein dickes Ding

Als eigenes Projekt?

Nein. Als einer von Dreien. Ein Hauptregisseur und drei Co-Regisseure. Und einer von den drei Co-Regisseuren war ich. Und das ist eben auch sehr deutsch. Obwohl ich da auch schon wieder mit einer chinesischen Heavy-Metal Band gearbeitet habe. Das geht dann schon immer auch wieder nach draußen. (lacht) Das ist schon so als Ostler: Du hast da dieses Interesse, nach draußen zu gucken. Das hat vielleicht auch ein bisschen was mit früher zu tun. (lacht noch mehr)

Der Film Goodbye G.I. über den Abzug der US Army aus dem Rhein-Neckar-Delta, den du gerade fertig stellst, fällt von der Themenwahl auch ein wenig raus.

Der Film ist eine Fernsehauftragsproduktion. Die Projekt-Idee wurde an mich heran getragen durch eine Autorin – Agnes Lisa Wegner aus Mannheim. Sie beschäftigt sich seit zwei Jahren mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Mannheim-Heidelberg und den Folgen. Sie hat ein Foto-Projekt gemacht. Und am Ende dieser ganzen Projekt-Idee steht dieser Film für die ARD, der 2014 ausgestrahlt wird, ein 90-Minüter. Ich bin da quasi als Ostler noch dazu gekommen zur West-Autorin, weil die Produzenten mich angesprochen hatten, ob ich Interesse hätte. Ich dachte: Oh Gott, was verbindet mich mit Baden-Württemberg und mit den amerikanischen Soldaten? Und dann bin ich noch mal ein bisschen zurück gegangen und habe mir gesagt: Ich war ja selber mal Soldat, in der Ost-Armee – und das war mein Feind. Hat mich ja Alpträume gekostet: die Pershing II und dieses ganze Säbel-Rasseln früher.

Und dann habe ich mir gedacht: O.K.! Dann kommst du eben als Ossi und guckst dir mal deinen ehemaligen Feind an. Du brauchst ja immer eine Motivation, warum du etwas machst. Also sehe ich diese ganze Sache kritisch. Kritischer vielleicht noch als meine Autorin. Die hat andere Erinnerungen, die ist mit den Amis groß geworden. Und da kombinieren sich jetzt zwei Perspektiven, die dem Film glaube ich ganz gut tun. Ich habe eine durchaus kritische Sicht auf die Rolle der amerikanischen Armee. Ich betrachte Heidelberg und die Region auch immer als Basis, von der aus über 60 Jahre Kriege in der Welt geführt wurden, das war die Plattform, um Truppen ins Ausland zu schicken. Und so sind meine Fragestellungen dann auch. Es gibt Porträts von Soldaten, die in die Krisengebiete geschickt worden sind. Es gibt Soldaten, die wiedergekommen sind und zu Kriegsgegnern wurden. Es gibt aber auch die gesamte Sicht auf die Region und ihre Menschen, die zum Teil sehr traurig sind, dass die Amerikaner weg sind. Auch das hat seinen Raum im Film. Es gibt verschiedene Blickwinkel. Ich wollte den Film nicht in einem Fahrwasser belassen, das da heißt: Ach wie schade, dass die Amerikaner weg sind. Das ist Schade für einige, aber für andere hat das auch noch eine andere Konnotation.

Der Film ist fast fertig. Du bist bestimmt schon wieder an einem neuen Projekt dran.

Ich bin jetzt immer froh, wenn ich diese ganzen Sachen hinter mich bringe. Aber es wird dann schon wieder was in Kuba sein. Wenn das alles klappt. Und in Nordkorea gibt es auch noch einen Stoff.

Das heißt, du bleibst deinen Interessen treu.

Ja. Es geht mir weiter um diese Gesellschaften, die in sich abgeschlossen sind. Wo Dinge noch sehr autark funktionieren. Wo es nicht so viel Austausch gibt. Wo Dinge einfach sehr pur sind und vielleicht auch ein bisschen aus der Zeit gefallen. Dinge, die noch nicht so funktionieren, wo es noch wirklich extreme Verschiebungen gibt.

In Nordkorea zu drehen ist aber nicht einfach, oder?

Ich habe schon einen Film da gedreht. Der kam auch nicht so gut an, aber trotzdem mögen wir uns. Ich habe dort eine Produzentin in einer staatlichen Produktionsfirma, die das letzte Projekt betreut hat. Mit der kann ich wirklich richtig gut. Das ist eine sehr weltgewandte offene Frau, die auch viel reist. Und die hat uns wieder eingeladen. Der Stoff ist auch erst mal in ihrem Sinne. Die weiß natürlich, was wieder auf sie zukommt. Denn wenn ich erst mal da bin, dann kommen auch die ganzen Probleme wieder. Denn natürlich will ich keinen System-konformen Film machen. Die wollen einen immer auf ihre Seite ziehen und ich will das aber nicht. Und dann geht das ganze Gezerre natürlich wieder los. Aber ich sage mal so: Wenn die sich darauf einlassen – und mittlerweile wissen die ja, was sie erwartet – würde ich es gerne noch mal darauf ankommen lassen. Denn da brodelt es wirklich. Da ist es kurz davor, dass da was passiert. Da noch Mal ein Stück von der Stimmungslage mit aufzuzeichnen – und der Stoff verspricht einen guten Einblick in die Stimmungslage … (lacht)

Kannst du da schon was darüber erzählen?

Nein, das ist noch zu früh. Wenn ich auf Recherche gehe, das wird vielleicht im April 2014 sein, dann wird das auch journalistisch begleitet vom Magazin der Süddeutschen. Und dann ist das raus und der Film wird entstehen. Das ist sozusagen die Idee.

Die LOLA damals, der Deutsche Filmpreis, den du für deinen Abschlussfilm Havanna, mi Amor bekommen hast – in der Rückschau betrachtet: War das einfach super, den zu haben, hat der Türen geöffnet, oder hat der dich auch unter Erfolgs-Druck gesetzt? Ich nehme an, du würdest ihn nicht missen wollen?

Nein. Überhaupt nicht. Ohne den Filmpreis hätte mein Leben eine komplett andere Wendung genommen.

Du wärst vielleicht gar nicht Mal mehr Regisseur heute …

Ich sage mal so: Das Bekenntnis zu Dokumentarfilm, das hat mich gerettet vor der absoluten Bedeutungslosigkeit. Wenn ich mit Spielfilm eingestartet wäre, das wäre garantiert schief gegangen. Eigentlich hatte ich so angefangen. Ich hatte mich mit Kurzfilmen beworben. Ich hatte Dokfilm überhaupt nicht auf dem Schirm. Dann habe ich aber damals diesen Stoff entdeckt, über eine Band in einer kubanischen Irrenanstalt. Das war der erste Kurzfilm, den ich dokumentarisch gedreht habe. Ein 30-Minüter, der hieß Wer ist der letzte?. Den kennt man fast gar nicht. Der wurde nie gesendet. Der brachte mich auf die Idee für Havanna, mi Amor, weil ich da den Fernseh-Mechaniker getroffen habe. Mit dieser Idee bin ich dann im dritten Studienjahr an eine Projekt-Kommission gegangen und die haben das Projekt dann ein bisschen größer werden lassen. Es gab damals so einen Fonds in Babelsberg, der hat Geld reingesteckt. Damit wurde das zu einem Sonder-Projekt, einem 90-Minüter. Aber es war halt der erste 90-Minüter aus der Kalten. Also habe ich mir einen erfahrenen Kameramann genommen, Axel Schneppat. Und man kann höchstwahrscheinlich sagen: Dank ihm bin ich in Havanna nicht völlig unter die Räder gekommen. (lacht)

Gut, diese Nähe zu den Protagonisten kommt natürlich von mir. Das ist mein Stil, den hatte ich damals schon. Dieses Grund-Interesse für Menschen und für einfache Geschichten. Die Sprachkenntnis kam von meiner jetzigen Frau, die ich damals an der Filmhochschule kennengelernt habe und die spanisch spricht. Bilder machen und visualisieren und sich konzentrieren auf das, was man erzählen will – das kam alles von Axel Schneppat. Ich hätte mich viel zu viel in Interviews verloren, die zu nichts geführt hätten.

Dann hast das Filmemachen quasi in Kuba live gelernt.

Diese sechs Wochen in Havanna, das war meine härteste Filmschule. Der Kameramann hat nichts gedreht, was für ihn nicht plausibel war. Das ist hart, wenn dir einer sagt: Das ist jetzt scheiße, das ist doch bullshit diese Idee, das bringt doch jetzt nichts. Oder: Sag mir doch mal wirklich, was du erzählen willst, warum und wieso, weshalb hier und nicht da. Und so wurde dann auch die Stadt mehr und mehr zum Protagonisten, weil der Kameramann natürlich immer vom visuellen Standpunkt aus agiert. Und dann konnte er schließlich die Menschen, als wir sie so weit hatten, auch gut fotografieren. Deswegen war das damals dann gleich ein Kino-Film. Und der hat gut funktioniert im Kino. So, und dann hat sich das natürlich – wie es immer üblich ist in Deutschland für Absolventen-Filme – ganz schnell hochgeschaukelt. Weil sich alle immer mit ins Gespräch bringen wollen, alle Förderer, alle Redakteure. Also, wenn das dann vorbei ist, darf man da nie wieder darauf warten. Das kommt nämlich nicht wieder.

Sobald der Absolventen-Film durch ist, bist du allein. Aber dann habe ich Heirate mich gemacht. Den habe ich fast allein gedreht über 2 Jahre und da hatten wir viel Zeit. Das war eigentlich erst mal nur ein Fernsehprojekt. Da habe ich viel Zeit gehabt, mich auszuprobieren, so dass ich Havanna, mi Amor gar nicht so als Druck im Hintergrund hatte. Ich wusste ja, ich habe wieder eine gute Geschichte. Dann kam Heirate mich raus und lief auf der Berlinale. Dann gab es leider Gottes nur einen kleinen Kino-Start. Aber mit den vier Kopien war die Bude auch voll. Denn thematisch war das eine Geschichte, die damals sehr brisant war.

Du hast seitdem ziemlich kontinuierlich weiter gemacht, alle 2-3 Jahre einen neuen Kino-Film.

Weil ich einen Produzenten gefunden habe bei Havanna, mi Amor, mit dem ich immer noch zusammen arbeite. Das ist wichtig bei den Filmförderern hier in Deutschland und auch für die Redakteure, wenn die wissen, dass du so ein gewachsenen Produzenten-und-Regie-Duo bist. Das schafft mehr Vertrauen. Die wissen dann, dass da eine Seite eh schon die andere beobachtet. Der eine achtet aufs Geld und der andere auf den Inhalt. Diese Konstellation – plus zu wissen, was dabei rauskommt – das ist schon eine Bastion, da hast du schon 50% der Miete, wenn du mit einer neuen Idee kommst. Das ist natürlich kein Freibrief, du musst auch liefern. Das ist der Druck, der generell da ist: du musst liefern. Aber diesen Druck musst du dir ja auch selber machen. Bei dem Aufwand bei diesen Filmen, da kannst du nicht irgendwie rumluschen. Da musst du schon eine gute Geschichte raus kramen. Sonst willst du ja auch nicht so viel Lebenszeit da ein stecken. Ich habe jetzt 3 Kinder. Denen kann ich das erst recht nicht erklären, warum ich da wochenlang irgendwo in irgend einem Dschungel rumkrieche. (lacht) Da stehen jetzt schon andere Fragen zur Debatte.

Klar, in diesen fremden Ländern zu drehen, das klingt zwar sehr exotisch, aber meist sind das Milieus, wo man als Tourist nicht unbedingt hinkommt und wo man auch nicht Urlaub machen würde. Da geht dann echt darum, ein Kultur-übergreifendes Bild der Welt zu liefern. Dass man Stück für Stück mit den Filmen – jenseits der News, dieser schnellen Nachrichten und dieser schnellen Berichterstattung – das Bild einer Welt formt, die ständig im Umbruch ist. Und das immer aus der Perspektive von ganz einfachen Geschichten. Damit man das Gefühl hat, dass man auch Leuten ganz weit weg noch sehr nah sein kann. Es werden ja so viele Angst-Gebilde aufgebaut mit Kriegen, mit Religions-Konflikten, mit was weiß ich alles, aber im Grunddenken könnte das letztendlich alles viel einfacher sein.

Deine Sicht auf die Welt ist fast schon ein Markenzeichen in deinen Filmen. Kriegst du aufgrund deiner thematischen Schwerpunkte auch Fernsehangebote, die genau so was wollen?

Ja, die Art des Umgangs mit den Leuten vor der Kamera. Die wollen halt auch diese Empathie-Sachen. Wo du schnell Leute öffnest, damit die einem ans Herz wachsen. Das brauchst du im Fernsehen auch. Da ist bloß die Produktionsart schneller. Da muss ich halt sehen, dass ich das in kürzerer Zeit erreiche.

Was natürlich nicht so einfach ist.

Das ist nicht so einfach. Da musst du schon genau hingucken, mit wem du arbeitest.

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