DOK Leipzig 2016 – Ein Festivalrückblick

Vom 31. Oktober bis 6. November fand das 59. Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm in Leipzig statt. Während der Festivalwoche beherrschte sonst immer die Farbe rot das Stadtbild. Diesmal jedoch waren Festivalplakate, Festivaltaschen und Festivalkataloge Schwarz-weiß – zu lesen als Statement zu einer sich zunehmend polarisierenden Gesellschaft.

 

„Es scheint, als hätten Polarisierung und Konfrontation Würde und Toleranz abgelöst und alles in Schwarz und weiß verkehrt“

(Leena Pasanen, Festivaldirektorin)

DOK Leipzig ist schon immer ein politisches Filmfestival gewesen. Das hat sich unter der neuen Leitung von Leena Pasanen auch nicht geändert – obwohl es durchaus einige Neuerungen gab. Das Festival ist nicht nur mit seiner Filmauswahl nah dran an der politischen Wirklichkeit, sondern reagiert auch in der Festivalorganisation auf gesellschaftliche Veränderungen: So ist die Ökumenische Jury erweitert worden in eine Interreligiöse Jury, die nun auch den islamischen und jüdischen Glauben einschließt. Diese Interreligiöse Jury (eine von insgesamt 12 Juries bei diesem Festival, bei dem am Ende 21 Preise mit einem Preisgeld in Höhe von insgesamt 77.000 Euro verliehen wurden) hat seine Auszeichnung an den Film Cahier Africain von Heidi Specogna vergeben, der zudem die Silberne Taube für den besten Film zum Thema Demokratie und Menschenrechte erhielt.

[Filmstill aus Cahier Africain, Bild: © Filmpunkt GmbH]
[Filmstill aus Cahier Africain, Bild: © Filmpunkt GmbH]
Heidi Specogna hat von 2008 bis 2015 zwei junge Frauen in der Zentralafrikanischen Republik begleitet. Dass eine der beiden Muslima ist, und die andere Christin – darüber denkt man als Zuschauer zunächst nicht weiter nach. Amzine wurde 2002 von kongolesischen Rebellen vergewaltigt, der Anblick ihrer kleinen Tochter erinnert sie täglich daran. Arlette wurde das Knie zerschossen, das seit Jahren nicht richtig heilen will. Eigentlich wollte Heidi Spegogna, die sich 2011 in Carte Blanche mit den systematischen Vergewaltigungen in Zentralafrika unter der militärischen Führung von Jean-Pierre Bemba und dessen Verfolgung durch den Internationalen Gerichtshof in Den Haag auseinandergesetzt hat, nun mit Cahier Africain einen Film über die schwierige Rückkehr der beiden traumatisierten Frauen in die Normalität drehen.

Doch dann beginnt während der Dreharbeiten der nächste bewaffnete Konflikt zwischen verschiedenen Rebellengruppen zu eskalieren. Und plötzlich spielt es eine Rolle, dass Amzine Muslima ist, und Arlette Christin, denn nacheinander Suchen muslimische und christliche Rebellengruppen das Wohnviertel in Bangui heim in dem die beiden wohnen. Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie schließlich beide flüchten müssen. Die Bilder der überladenen LKWs, auf deren Pritschen sich alles, was irgendwie noch drauf passt in die Höhe stapelt und die an der Straße wartenden Menschen, die darauf hoffen, ganz oben daruf auch noch einen Platz zu ergattern, um ihr bloßes Leben in Sicherheit zu bringen, diese Bilder (Kamera: Johann Feindt) gehören zu den stärksten und erschütterndsten Momenten in diesem empathischen Film, der sich auch nicht scheut vor expliziter Abbildung der Gewalt, die die Menschen in Bangui aufs neue heimsucht und aufs neue diejenigen, die sowieso schon (seelisch) verwundet sind, zu Flüchtlingen werden lässt, wenn sie überleben wollen.

[Filmstill aus Callshop Istanbul – Bild: courtesy of DOK Leipzig]
[Filmstill aus Callshop Istanbul – Bild: courtesy of DOK Leipzig]
Die globale Flüchtlingsbewegung durchzieht viele der über 300 Filme, die in Leipzig auf dem Programm standen. Der animierte Kurzfilm This Migrant Business von Ng’endo Mukii aus Kenia zeigt aus Sicht eines Schleusers im Südsudan, collagenhaft verdichtet und überspitzt zynisch gezeichnet, wie das Geschäft mit den Migranten abläuft.

Im Dokumentarfilm Callshop Istanbul von Sami Mermer und Hind Benchekroun kristallisieren sich – ausgehend von einem Internetshop in Istanbul, wo Migranten und andere in der Metropole gestrandete mit Familie und Freunden in ihrer Heimat telefoneren – einige Einzelschicksale heraus, die der Film verfolgt: Ein obdachloser Senegalese, der seit Jahren in Istanbul festhängt, und der, obwohl er immer mal wieder mit einem Schlepper verhandelt, schon lange kein festes Ziel mehr zu haben scheint. Ein Mann aus Benin, gerade erst seit einigen Wochen in der Stadt, der zwei seiner Freunde aus seiner Heimat überzeugt hat, auch zu kommen und ihr Glück zu suchen. Dazu Schlaglichter vieler verschiedener Schicksale, die sich in wenigen Sätzen, besorgten Fragen oder Liebesschwüren an den Telefonen im Callshop entfalten: Wie stehen die Chancen nach Griechenland zu gelangen? Wie geht es der Familie in Syrien?  Sind noch alle am Leben?

Der Internetshop in Istanbul ist ein Mikrokosmos, in dem sich auf engstem Raum große persönliche Dramen, die ihren Ausgangspunkt an den verschiedensten Ecken der Welt haben, in wenigen Sätzen manifestieren. Callshop Istanbul kommt bunt, unmitttelbar und ungeschliffen daher, bietet Momentaufnahmen aus Migrantenleben. Die meisten wird man wohl schnell wieder vergessen haben, so fragmentarsch sind diese, die Situation des desillusionierten Senegalesen jedoch hallt nach.

[Filmstill aus Ferne Söhne – Bild: © Andres Rump]
[Filmstill aus Ferne Söhne – Bild: © Andres Rump]
Die Geflüchteten, die dem Zuschauer in Ferne Söhne von Andres Rump begegnen, sind angekommen. In Aachen, in einem Heim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Während Callshop Istanbul einen spontanen, auf das hier und jetzt begrenzten Einblick in die aktuelle Lebenssituation der Migranten gewährt, erzählt Ferne Söhne die “ganzen” Geschichten von sechs männlichen Jugendlichen aus Ländern wie Afghanistan, Gambia und Mali, von ihrem alten Leben in der Heimat über ihre Fluchterfahrungen bis zu ihrem neuen Alltag in Deutschland. Genauer gesagt: der Film lässt sie erzählen. Ihre Stimmen klingen aus dem Off, während die statische Kamera die Jugendlichen in tableauartigen, langen Einstellungen in ihrer neuen Umgebung still beobachtet. Die schwarz-weiß gehaltenen Bilder in mehrheitlich kontemplativen Einstellungen lenken die Aufmerksamkeit ganz auf das, was die jungen Migranten zu erzählen haben.

Auch die Flüchtlinge, die in Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern ankommen, haben viel zu erzählen. Dort, vor dem Bahnhofskiosk stehen junge Männer aus Syrien, einer von ihnen ist Anwalt. Filmemacher Dieter Schumann hört ihnen zu. Genauso dem Stammpublikum in der kleinen Bahnhofkneipe: Schichtarbeiter aus Bonbonfabrik oder Schlachthof, Taxifahrer, Arbeitslose. Viele darunter, die “eigentlich” nichts gegen Flüchtlinge haben. Drinnen die kleine heimelige Welt der Einheimischen, wo man sich kennt und austauscht, draußen ziehen die Migranten vorbei, die ins nahegelegene Erstaufnahmelager wollen. Zwei Lebenswirklichkeiten existieren parallel in Dieter Schumanns Neben den Gleisen und der Filmemacher, der 2010 mit Wadans Welt im Wettbewerb in Leipzig vertreten war interessiert sich nicht nur für die Dreh-, und Knackpunkte dazwischen, sondern auch für die konkreten Lebenssituationen und Sorgen der Einheimischen. Die kleine Bahnhofskneipe am Rande der Metropolregion Hamburg als Mikrokosmos bundesdeutscher Realität, der in der Filmmontage gerne noch organischer daherkommen hätte können, der aber dank seiner Nähe zu den Protagonisten, und die so provozierte Offenheit der Leute, auch so sehr lebendig funktioniert.

Ein Stück deutsche Wirklichkeit steht auch im Fokus in Zwischen den Stühlen von Jakob Schmidt. Mit gleich vier Auszeichnungen (DEFA-Förderpreis, Ver.di-Preis, Dokumentafilm-Preis des Goethe-Instituts und Healthy Workplaces Award) wurde Zwischen den Stühlen bedacht, der als Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg entstanden ist, und im Deutschen Wettbewerb des Festivals lief. Im Mittelpunkt des Films stehen zwei Referendarinnen und ein Referendar, die auf dem Weg zum Lehrerberuf mächtig unter Druck stehen als neue Rädchen im System, die (noch) nicht rund laufen (wollen). Der Film funktioniert mit klassischer “Werden-sie-es-schaffen”-Dramaturgie, bietet neben diesem Spannungsbogen teils absurd-komische Einsichten in deutsche Lehrerzimmer und das Schulsystem.

Die Goldene Taube im Deutschen Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm hat schließlich Thorsten Trimpop für Furusato gewonnen. Der in Japan gedrehte Film nimmt zu einer Zeit, wo sich die Medien längst anderen Krisen und Katastrophen zugewandt haben, die Nachwirkungen von Fukushima auf Menschen und Gesellschaft am Rande der evakuierten Zone in Augenschein: Menschen, die in ihre Häuser zurückkehren, eine Stadtverwaltung, die sich partout nicht davon abbringen lassen will, einen Laufwettbewerb für Kinder abzuhalten – trotz der Gesundheitsgefahr durch radioaktiven Staub auf der Strecke. Ein ex-TEPCO Ingenieur, dem die Katastrophe überraschend nahe geht. Pferde mit lahmenden Hinterbeinen. Ein strahlenkranker Aktivist. Ein ruhiger, beunruhigender Film, der der neuen “Normalität” vor Ort nachspürt.

Der Hauptpreis von DOK Leipzig, die Goldene Taube im Internationalen Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm, ging an Austerlitz von Sergei Loznitsa. Mit langen statischen Kameraeinstellungen und nüchternen schwarzweißen Bildern beobachtet er das bunte Treiben der Touristenmassen in Konzentrationslagern, wo gut gelaunte Familienfotos mit Gasofen im Hintergrund und Selfies mit „Arbeit macht frei“-Schriftzug das Gedenken unterlaufen. Doch so rein beobachtend, wie es auf den ersten Blick wirken mag, ist Loznitsas Film natürlich nicht: Durch die optische Verdichtung der Menschen”massen” per Teleobjektiv und das anschwellende Sounddesign des Stimmengewirrs unterstreicht der Filmemacher seine Aussage (fast ein wenig manipulativ) mit filmischen Mitteln.

Über weite Strecken vermittelt der Film, dass es Loznitsa um die Freizeitpark-Attitüde geht, mit der die Masse der Besucher sich durch die Konzentrationslager-Gedenkstätten schiebt – und man fragt sich schon, ob das wirklich alles ist in diesen 94 Filmminuten und ob es nicht vielleicht ein wenig zu plakativ ist. Doch dann kommt diese eine Einstellung, in der man nacheinander direkt in die Gesichter von drei BesucherInnen schaut – und in diesen Gesichtern spiegelt sich dann alles: Entsetzen, Unglauben, Schmerz, Trauer.  Austerlitz kommt am 15. Dezember bundesweit ins Kino.

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