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Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow

Sie rezitiert Rilke zu akustischer Musik. Doch diese Seite von Anne Clark kennen eher nur eingefleischte Fans, die auch ihr 1998 entstandenes Album Just after Sunset im Regal haben. Für die meisten ist Anne Clark wohl einfach jene schwarzgewandete Engländerin mit den platinblonden steil hochgegelten Haaren, die Mitte der 80er Jahre mit Our Darkness und Sleeper inMetropolis zur New Wave Ikone wurde.

Claus Withopf war damals gerade 12 Jahre alt, und die harten düsteren Synthesizer-Beats, die jede Tanzfläche zuverlässig füllten, begeisterten auch ihn. Jetzt ist Withopf 46 und mit seinem Film Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow auf Kinotour. Aus dem jungen Fan ist in der Zwischenzeit ein Filmemacher geworden, der in Mannheim, Offenbach und New York studiert hat. Der mehrere Kurzfilme gedreht hat und der sich, als er auf der Suche nach einem Thema für seinen ersten langen Dokumentarfilm war, an seine Faszination für die Künstlerin erinnerte. Das war vor zehn Jahren. So lange hat der Filmemacher an seinem Film über Anne Clark gearbeitet, bis er im November 2017 bei DOK Leipzig, dem internationalen Festival für Dokumentar- und Animationsfilm seine Weltpremiere feiern konnte.

Das lange durchhalten und dranbleiben hat sich gelohnt: Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow ist mehr als ein musikalisches Porträt der Künstlerin und ihrer größten Erfolge. In den Interview-Passagen öffnet sich Anne Clark sehr. Hier ist das Vertrauensverhältnis zu spüren, das Claus Withopf über die Jahre zu ihr aufbauen konnte, seit er sie einfach bei einem Konzert in Brüssel wegen seines Filmprojektes angesprochen hat.

Die heute 57-jährige Anne Clark kann nicht nur auf fast 40 höchst wechselhafte Jahre im Musikgeschäft zurückblicken, sondern setzt sich auch sehr reflektiert mit ihrer proletarischen Herkunft und von häuslicher Gewalt geprägten Familiengeschichte auseinander. Sie spricht offen über ihre sexuelle Orientierung und davon, dass sie immer Außenseiterin war. Die Punk-Bewegung, die Ende der 70er Jahre praktisch direkt bei ihr um die Ecke im Süden Londons ihren kreativen Brennpunkt hatte, war ihre Chance, sich aus der Perspektivlosigkeit in Croydon zu lösen und etwas zu werden, was ihr niemand zugetraut hatte: eine wütende Poetin mit klarem Sinn für gesellschaftsrelevante Themen. Und schließlich eine wandlungsfähige Spoken Word Künstlerin, der Worte wichtiger sind als Musik, die streng genommen noch nie gesungen, sondern immer schon rezitiert hat.

Claus Withopf erweist den Lyrics von Anne Clark in seinem Film besondere Reverenz: in den Musikpassagen nehmen die Texte typografische Gestalt auf der Leinwand an. Und spätestens nach 80 Filmminuten ist klar: die coole New Wave Ikone der 80er Jahre ist eine grundsympathische Frau, die sich in Deutschland heimischer fühlt als in England. Und dass diese Britin mit ihren Wurzeln im Punk ausgerechnet Gedichte von Rainer Maria Rilke liebt, ist plötzlich sehr nachvollziehbar. Mit Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow ist Claus Withopf eine berührende filmische Hommage auf eine bemerkenswerte Künstlerin gelungen.

[Kirsten Kieninger]

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