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21. THESSALONIKI DOCUMENTARY FESTIVAL 2019 – noli me tangere

Das Thessaloniki Documentary Festival (TDF) ist jedes Jahr die beste Möglichkeit für Dokumentarfilm-affine Filmfestival-Reisende, gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen:

(1.) die Post-Berlinale-Erkältung in milder Mittelmeerluft vollständig auskurieren, (2.) dabei noch einige der Dokumentarfilme sehen, die im persönlichen straffen Berlinale-Programm zwei Wochen zuvor leider durchgerutscht sind, (3.) und natürlich viele aktuelle internationale und griechische Produktionen entdecken.

Das 21. TDF startet am 1. März 2019 mit dem Eröffnungsfilm Marianne & Leonard: Words of Love von Nick Broomfield. Die Liebesgeschichte des Kanadiers Leonard Cohen und der Norwegerin Marianne Ihlen nahm in den 1960er Jahren auf der griechischen Insel Hydra ihren Lauf. Ein Musik-Dokumentarfilm mit lokalem Bezug – das klingt nach einer guten Wahl für den Eröffnungsabend.

Im Internationalen Wettbewerb konkurrieren zehn Filme um den Hauptpreis, den Goldenen Alexander. Die Filme sind allesamt Debüt- oder zweite Filme vielversprechender Filmemacher*innen. Die diesjährige Filmauswahl orientiert sich programmatisch an der biblischen Wendung „Noli me tangere“- „Rühre mich nicht an“. Jesus richtet nach seiner Auferstehung diese Worte an Maria Magdalena, als diese sich ihm nähern will. Ein Anklang an diese Situation findet sich in vielen Dokumentarfilmen, konstatiert Orestis Andreadakis, der künstlerische Leiter des TDF:

“Immigrants dream of connecting with their relatives who live miles away; impoverished people clumsily bridge their distance from family memories; refugees traverse barefoot the Promised Land struggling to arrive “in another place”. The whole planet attempts to touch, hold and approach this destination. Hence the phrase “touch me not” takes form as the compass for the selection of the International Competition documentaries and motivates the need to integrate it into a modern political theology”.

Orestis Andreadakis, Künsterlische Leiter TDF

Die Filme im Internationalen Wettbewerb:

Advocate von Rachel Leah Jones & Philippe Bellaiche, Israel, 2019

African Mirror von Mischa Herdinger, Schweiz, 2019

Amygdália von Christina Phoebe, Griechenland, 2019

Animus Animalis von Aiste Zegulyte, Litauen, 2018

Fossils von Panos Arvanitakis, Griechenland, 2019

In Touch von Pawel Ziemilski, Polen-Island, 2018,

Isis, Tomorrow. The Lost Souls of Mosul von Francesca Mannocchi & Alessio Romenzi, Italie -Deutschland, 2018

Lemebel von Joanna Reposi Garibaldi, Chile-Kolumbien, 2019

Midnight Traveller von Hassan Fazili, USA-Katar-Kanada-Großbritannien, 2018

Normal von Adele Tulli, Italien-Schweden, 2019

Im Internationalen Wettbewerb: Isis, Tomorrow. The Lost Souls of Mosul | Foto: Alessio Romenzi | courtesy of TDF

In den zehn Festivaltagen stehen insgesamt 178 lange und 49 Kurz-Dokumentafilme auf dem Programm, davon sind 50 lange Dokumentarfilme und 31 Kurz-Dokumentarfilme griechische Produktionen. Die diesjährige Card Blanche geht in diesem Jahr an den griechisch-amerikanischen Regisseur Louie Psihoyos. Damit ist im Festivalprogramm eine Auswahl der Lieblingsfilme des Oscar-Preisträgers zu sehen. Louie Psihoyos, dessen Film The Cove 2009 den Oscar als Bester Dokumentarfilm gewann, wird in Thessaloniki mit dem Goldenen Alexander Ehrenpreis ausgezeichnet.

Ein weiteres Highlight im Festival-Programm ist die Hommage an Gustav Deutsch. Der Österreichische Filmkünstler wird auch für eine öffentliche Gesprächsrunde in Thessaloniki anwesend sein und über seine Phänomenologie des Films und sein Found-Footage-Schaffen reden. Zu sehen sein wird unter anderem auch seine Reihe von Found-Footage-Hauptwerken Film ist. 1-6, Film ist. 7-12 und Film ist. a girl & a gun. Gustav Deutsch, Jahrgang 1952, ist 2014 einem breiterem Publikum bekannt geworden mit seinem abendfüllenden Experimentalfilm Shirley – Visionen der Realität. Darin erzählt er Shirleys Geschichte in 13 Episoden, die jeweils Gemälden von Edward Hopper nachempfunden sind.

Darüber hinaus gibt es in der Reihe >> Film Forward auch das Werk des Argentiniers Eduardo Williams, Jahrgang 1987, zu entdecken. Williams hat seit 2011 sechs Kurzfilme realisiert, mit denen er sich auf Festivals weltweit einen Namen gemacht hat. 2016 hat er mit The Human Surge seinen ersten langen Film gemacht und damit den Present Preis in Locarno gewonnen. Williams experimentiert mit verschiedenen Videoformaten und Erzählstrukturen. In Thessaloniki sind von ihm Could See a Puma , I Forgot! , Parsi und That I’m Falling zu sehen.

Auch in diesem Jahr gibt es wieder den 2018 erstmalig eingeführten neuen Wettbewerb mit Virtual Reality Dokumentarfilmen. In diesem Jahr stehen acht Produktionen auf dem Programm. Nachdem ich im letzten Jahr die Ehre und das Vergnügen hatte, in der Jury des VR-Wettbewerbs mitzuarbeiten, freue ich mich in diesem darauf zu sehen, wie sich Technik und Themen seitdem weiterentwickelt haben!

[Kirsten Kieninger]

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