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Von Ed Wood bis Tommy Wiseau – die Faszination der schlechten Filme

Tommy Wiseau hat es geschafft. Mit einem einzigen Film. Er hat Ed Wood vom Thron des „schlechtesten Regisseurs aller Zeiten“ gestoßen. Ed Wood hatte sich diesen Ruf in den 1950er Jahren wie besessen erarbeitet, mit Filmen wie Plan 9 from Outer Space, Bride of the Monster oder Glen or Glenda, mit Außerirdischen, Untoten und Transvestiten. Tim Burton hat ihm 1994 in Ed Wood mit Johnny Depp in der Hauptrolle posthum ein filmisches Denkmal gesetzt. Ruhm für die Ewigkeit, möchte man meinen. Doch dann tauchte Tommy Wiseau auf.

Bis heute weiß keiner so recht, woher, mit seinem eigenartigen Akzent und schwer zu bestimmendem Alter. Auch darum, woher er die gut 6 Millionen US-Dollar nahm, die er in seinen Film steckte, ranken sich Gerüchte. 2003 kam dann sein ambitioniertes Beziehungsdrama The Room in die Kinos. Besser gesagt: in das eine Kino. Der Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion hatte es eigens für zwei Wochen angemietet, um seinen Film so für die Oscars zu qualifizieren. Der Film spielte damals keine 2000 Dollar ein und war ein künstlerisches Desaster, ein derartiges Scheitern auf allen Ebenen, dass man es mit eigenen Augen gesehen haben muss, um es für möglich zu halten.

Heute hat The Room in den USA Kultstatus und wird in Mitternachtsvorführungen zelebriert wie die Rocky Horror Picture Show: Das Publikum kommt mit schwarzen Langhaarperücken, begrüßt lauthals unmotiviert auftretende Protagonisten mit „Who the fuck are you?!“, wirft Plastiklöffel Richtung Leinwand und hat vor allem eines: großen Spaß. Der Film wird gefeiert – wenn auch anders, als von seinem Macher intendiert.

Aber zur Oscar-Verleihung wird es Tommy Wiseau wohl tatsächlich noch schaffen – im Schlepptau von James Franco. Denn der umtriebige Schauspieler und Filmemacher hat Wiseau zu Lebzeiten jetzt mit The Disaster Artist ein filmisches Denkmal gesetzt, dass aufs große Publikum zielt. In Eingeweihten- und Expertenkreisen wird das Wiseau-Phänomen schon länger gewürdigt – auch mit klassischen Mitteln der Filmanalyse – siehe beispielsweise dieses Videoessay von This Guy Edits:

Diese Faszination der schlechten Filme – woraus speist sie sich eigentlich? Was macht die Filme von Wood oder Wiseau zu „guten“ schlechten Filmen, deren Rezeption durchaus Vergnügen bereitet und die darüber zum Kult werden?

Susan Sontag hat die Antwort schon 1964 in ihren Notes On „Camp“ geliefert: “it’s good because it’s awful” – „es ist gut, weil es schrecklich ist“. Sontag prägte den Begriff „Camp“ für eine Kunst, die zwar ernsthaft daherkommt, aber nicht ernst genommen werden kann, weil sie „too much“ ist und grenzt den Begriff folgendermaßen ab:

„Wenn etwas nur schlecht ist (eher als Camp), liegt es oft daran, dass es in seinen Ambitionen zu mittelmäßig ist. Der Künstler hat nichts wirklich Ausgefallenes versucht. Camp ist der Versuch, etwas Außergewöhnliches zu tun.“

Es sind große Ambitionen jenseits aller Ironie, die auch Wood und Wiseau antrieben. Ersterer war ein Filmliebhaber, der aufrichtig an seine abseitigen Visionen von Außerirdischen bis Zombies geglaubt hat und sie mit Enthusiasmus und Pragmatismus umgesetzt hat: Er ließ klar als Cadillac-Radkappen identifizierbare UFOs an Klavierdrähten durchs Bild baumeln. Umfallende Kulissen oder während des Drehs verstorbene Darsteller waren für ihn keine Hindernisse. Als sein Darsteller Bela Lugosi zwei Tage nach Drehbeginn verstarb, heuerte er ein Double an, das ihm nicht ähnlich sah und sich deshalb immer den Umhang vors Gesicht hielt. Zur Finanzierung von Plan 9 From Outer Space ließ er kurzerhand sich und seine gesamte Crew im Pool taufen, um Geld von der Baptistengemeinde zu bekommen.

Geld war für Wiseau dagegen nie ein Problem: er mietete ein riesiges Billboard, um für The Room zu werben, Kostenpunkt 5000 Dollar pro Monat. Er ließ die Werbetafel fünf Jahre lang stehen, während mehr und mehr Leute ganz im Sinne von Susan Sontag Vergnügen an dem Film fanden, den er als Drama im Geiste von Tennessee Williams imaginiert hatte, voll universeller Wahrheiten über „menschliches Verhalten, Liebe, Verrat“ und darüber, dass „die Menschen heutzutage so seltsam sind“.

[Kirsten Kieninger, in anderer Form erschienen in der RNZ vom 13.2.2018]

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