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Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit (15)

in Alejandro Amenábars Film ABRE LOS OJOS

Alejandro Amenábar | ABRE LOS OJOS | Spanien 1997

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Inspirationsquellen & Einflüsse von Abre los ojos

Spätestens seit dem Goldenen Zeitalter der spanischen Kultur hat die Frage nach der Wirklichkeit die Menschen nachweislich nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Kunst beschäftigt. Calderón de la Barcas Theaterstück Das Leben ist ein Traum ist ein prominentes Beispiel für das barocke Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit. Der Protagonist Sigismund fragt sich mehr als einmal, ob er wacht oder träumt. Und seine Mit-/Gegenspieler suggerieren ihm, dass das wirklich Erlebte nur ein Traum war und ist:

„Denn vielleicht, obschon erwacht, Träumest du am hellen Tage.“ (( CALDERÓN de la Barca: Das Leben ist ein Traum, Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2001 – S.45 ))

Denselben Trick versuchen Arnold Schwarzeneggers Gegenspieler in Total Recall: Das Ganze spielt sich in dem Science-Fiction Film von Paul Verhoeven zwar in einem sehr viel moderneren Setting als der Barockzeit des Calderón ab, aber die grundlegenden Mechanismen sind dieselben.

Der Protagonist befindet sich in geheimer Mission auf dem Mars und hat dort reale Probleme und zwar genau deshalb, weil ihm ein plötzlich auftauchender Gegenspieler und seine angebliche Frau erklären, dass er eigentlich gerade gar nicht da ist, sondern immer noch in dem Labor festgeschnallt liege, wo er sich virtuelle Erinnerungen an ein Abenteuer auf dem Mars implantieren lassen wollte. Und sie seien in diese virtuelle Realität zu ihm gekommen, um ihn mittels einer Tablette von seinem Hängengebliebensein in der Virtualität zu befreien. Arnie schliesst allerdings aus dem Schweiss auf der Stirn des Gegenspielers ganz richtig, dass das nur eine Geschichte ist, und die Tablette ihn ganz real umbringen soll… So ist die Idee eines „technischen Support-Mannes“, der in die virtuelle Welt im Kopf des Protagonisten eingelogged wird, in diesem Film nur eine Finte, aber…

Diese Versuchsanordnung, wonach ein Träumender in seinem Traum vom ‘technischen Support’ derjenigen, die ihm den Traum ins Gehirn gepflanzt haben, besucht wird, scheint auch Amenábar beeindruckt zu haben.

Eine andere Inspirationsquelle für Abre los ojos ist Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari von 1919: Der Somnambule heisst Cesare und die ganze erzählte Geschichte ist wohl nur Einbildungswelt eines Geisteskranken in einer Psychiatrie, oder?…

Auch das Motiv von zwei Freunden, die sich schwören, dass ihnen ihre Freundschaft wichtiger ist als die Liebe zu einer (derselben) Frau, könnte von hier entlehnt sein.

Das prominenteste Motiv in Abre los ojos ist das Doppelgänger-Motiv. Mal erscheint der Protagonist César gut aussehend, dann wieder mit grausam entstelltem Gesicht. Ganz wie Dr. Jekyll and Mr. Hyde scheint er zwei Erscheinungsformen zu haben. Seine hässliche Fratze versucht er unter einer Maske zu verbergen, mit der er wirkt wie Das Phantom der Oper. Seine Bemühungen, auch mit entstelltem Gesicht an seine Beziehung mit Sofía anzuknüpfen, bergen die romantische Tragik aus Die Schöne und das Biest.

All diese Motive und Anklänge hat Amenábar in Abre los ojos zu einem komplexen Spiel mit Wahrnehmung verwoben.

Die Publikation des gesamten Textes gibt es hier zum PDF Download >

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