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Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit (13)

in Alejandro Amenábars Film ABRE LOS OJOS

Bryan Singer | THE USUAL SUSPECTS | USA, Deutschland 1995

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Vertrauen in die Erzählinstanz als Basis

César: „Ich mag den Fussboden. Er ist das einzige, was mir echt erscheint!“

Der Streifzug durch die Filmgeschichte hat gezeigt, dass – mögen die Ansätze im Umgang mit verschiedenen ‘Wirklichkeitsstufen’ noch so unterschiedlich sein – letztendlich immer ein grundlegender Aspekt von Bedeutung ist: Die Frage nach der Erzählinstanz. Denn was grundlegend ist für das Funktionieren all der vom Ansatz her so verschiedenen Filme, ist das Vertrauen, dass der Zuschauer der Erzählinstanz entgegenbringt.

Das Spiel mit den Regeln des Erzählens impliziert hinsichtlich des Zuschauers zwei verschiedene Aspekte, die sich gegenseitig beeinflussen: Die Seh-Gewohnheiten und die Genre-Erwartungen. D.h. der Zuschauer kommt ausgestattet mit einem bestimmten Film-Erfahrungs-Horizont und daran gekoppelten Erwartungen ins Kino. Je nachdem, welchem Film-Genre er den zu sehenden Film zuordnet, variieren seine Erwartungen darüber, was (fabula) ihm wie (syuzhet) erzählt und präsentiert wird. (( zu den Begriffen fabula und syuzhet ))

Bei den Genres Horror, Fantasy und Science Fiction ist der Zuschauer darauf vorbereitet, Ereignisse präsentiert zu bekommen, die nicht der Realitätsnorm entsprechen.

Von der Narration darf der Zuschauer natürlich dennoch erwarten, dass sie in sich kohärent ist, sonst ist die Nähe zum Genre Trash groß. Im Genre des klassischen Thriller oder Krimi ist der Zuschauer abhängig vom fairplay der Narration, schliesslich liegt ein grosser Reiz dieser Filme im Mitentschlüsseln des Falles durch den Zuschauer. Mag eine Geschichte mit überraschenden Wendungen noch so diskontinuierlich erzählt sein – eine vertrauenswürdige Erzählinstanz wird vorausgesetzt:

„The narration is supposed to be ‘fair’“. (( THOMPSON Kristin (1988): Breaking the Glass Armor: Neoformalist Film Analysis, Princeton, New Jersey: Princeton University Press: 1988 – S.141 ))

Spielt eine klassische Narration ein faires Spiel mit dem Zuschauer, dann kann dieser jeweils den POV ohne Zweifel zuordnen. Eine deutliche Trennung des Subjektiven und Objektiven (auktorialen) gehört dabei zum fairplay. (( Ansonsten tritt das Stage fright -Phänomen auf. Anders verhält sich dies allerdings bei Filmen, die auch auf der formalen und damit auf der Metaebene mit Bedeutung spielen. Hier kann die Narration viel freier mit POV und erzählerischen Rahmen umgehen, ohne dass der Zuschauer sich am Ende um eine einfach zu entschlüsselnde Geschichte betrogen fühlt, denn um eine solche ging es von Anfang an nicht. So z.B. auch in den Filmen von David Lynch. Sie wollen den Zuschauer gar nicht zu einer logischen Schlussfolgerung führen. Lynch lässt lieber Raum für individuelle Interpretation durch Filmenden, die in mehrere Richtungen deuten und durch die die traumhafte Atmosphäre, die er in seinen Filmen schafft, weiteratmen kann. )) Folgende Beispiele illustrieren diesen Zusammenhang:

The Usual Suspects (1995) ist ein Was-ist-in-jener-Nacht-wirklich-passiert?-Krimi-Plot, der in einem Polizeiverhör mit einem Beteiligten aufgerollt wird. Die Rückblenden zeigen nur das, was der Verdächtige erzählt, d.h. sie können auch lügen. Der Film beginnt gleich mit solchen subjektiven (in diesem Fall lügenden) Bildern, die dadurch beim Zuschauer zunächst einen objektiven und bleibenden Eindruck hinterlassen, bis er sie in den richtigen Rahmen einpassen kann. Diese Bilder setzen den Zuschauer zunächst auf dieselbe falsche Fährte, wie den Kommissar. Der Zuschauer wird während des gesamten Films auf dem Kenntnisstand des Kommissars gehalten. Es sei denn er ist sensibel für die Entschlüsselung von POVs und wundert sich über den auch visuell streng subjektiven POV einer erzählten Begebenheit, die der Beteiligte angeblich gar nicht selbst erlebt hat…

In Fight Club (1999) wird die ganze Geschichte aus dem kranken Kopf der Hauptfigur heraus erzählt. Der erzählerische voice-over verdeutlicht von Anfang an die subjektive Färbung der Darstellung. So wird die gespaltene Persönlichkeit des Protagonisten auch im Auftreten einer zweiten Person visualisiert. D.h. der Zuschauer sieht die Wirklichkeit so, wie sie sich für den Protagonisten darstellt. Bis zu einem gewissen Punkt, an dem die Darstellung teilweise ins Objektive zurückspringt und der Zuschauer sieht, dass der Protagonist nur mit sich selbst kämpft.

Ähnlich in A beautiful Mind (2001). Hier wird in der ersten Filmhälfte Nashs subjektive Realitätswahrnehmung samt seiner Wahnvorstellungen als objektive Realität dargestellt, dann erst werden seine Wahnvorstellungen als solche für ihn und auch für den Zuschauer entlarvt. In Bezug auf das Ziel des Regisseurs, Sympathien für die Eigenarten seiner Hauptfigur zu wecken, ein faires Mittel, zumal es als solches auch zur dramaturgisch rechten Zeit enttarnt wird.

In Memento (2000) weiß der Zuschauer mehr als die Hauptfigur, obwohl er auch nur das zu sehen bekommt, was der Hauptfigur widerfährt. Allerdings sammelt der Zuschauer genau in umgekehrter Reihenfolge das Wissen nach und nach an, was die Hauptfigur jeweils vorher erlangt und aufgrund einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses gleich darauf wieder vergessen hat. Hier stellt die Form, wie der Film aufgebaut ist, den Zuschauer vor die Herausforderung, die Geschehnisse ähnlich zu entschlüsseln, wie es der Protagonist aufgrund seines Handicaps tut.

Die grundsätzliche Frage ist letztendlich immer: Befindet sich der Zuschauer mit dem, was er auf der Leinwand wahrnehmen kann, auf der gleichen Stufe wie die Hauptfigur? Oder weiss er mehr, kann also die Hauptfigur objektiv einschätzen und ist nicht gezwungen, die Realitätssicht der Hauptfigur ungefragt zu übernehmen. Sensibilisiert zu sein für den erzählerischen point of view im Spiel mit verschiedenen Erzähl-ebenen, ist sehr hilfreich dabei, den interpretatorischen Zugang zu Alejandro Amenábars Abre los ojos zu finden.

TV-Cartoon: „Bist du sicher, dass nichts passiert?“ – „Ein Erdrutsch ist nicht zu befürchten, der Boden ist fest und sehr verdichtet…aaaah!…….“ (Sie stürzen ab)

Die Publikation des gesamten Textes gibt es hier zum PDF Download >

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