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Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit (2)

in Alejandro Amenábars ABRE LOS OJOS

Alejandro Amenábar | ABRE LOS OJOS | Spanien 1997

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“Öffne die Augen!”: Wahrnehmung und Wirklichkeit

Ich glaube nur, was ich sehe, und ich habe immer noch nicht dein Gesicht gesehen, César!

Psychiater

In diesem Teil werde ich den Bogen schlagen von unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit (oder dessen, was wir für wirklich halten) und dem Schein, der uns täuscht – über das Kino und die Filmwahrnehmung bis zur Traumwahrnehmung. Dabei werde ich Bedingungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der einzelnen Bereiche herausarbeiten, auf die ich bei der Analyse von Abre los ojos zurückgreifen werde.

Das Terrain, dass ich hier abstecke, setzt sich – obwohl es letztendlich immer um Wahrnehmung geht – aus sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zusammen. Dabei ist die Thematik jedes einzelnen Teilaspektes in sich so komplex, dass jeder eine eigene Doktorarbeit wert wäre, um ihm wirklich gerecht zu werden. In diesem Rahmen werde ich sinnvollerweise nur die jeweiligen Aspekte der einzelnen Gebiete anreißen, die für die Thematik und Analyse von Abre los ojos von Bedeutung sind.

Die Wirklichkeit

Wenn wir die Augen öffnen, sehen wir etwas – und wir meinen, es sei die Wirklichkeit. Der Vorgang des Sehens ist für uns so selbstverständlich und vertraut, dass wir normalerweise gar nicht auf die Idee kommen, an ihm zu zweifeln. Selbst wenn wir etwas gänzlich Unerwartetes beobachten und sagen: »Ich traue meinen Augen nicht«, dann meinen wir eigentlich das Gegenteil; wir wollen zum Ausdruck bringen, dass dieses Unerwartete doch Wirklichkeit ist, eben weil wir es mit eigenen Augen sehen. (( ALBERTZ Jörg, Hg. (1997): Wahrnehmung und Wirklichkeit. Wie wir unsere Umwelt sehen, erkennen und gestalten, Berlin: Freie Akademie 1997 – S.9 ))

Bei der Wahrnehmung der Wirklichkeit sind wir sehr auf unseren Gesichtssinn fixiert. Die visuelle Wahrnehmung dominiert unsere Orientierung in der Welt, die uns umgibt. Wir machen dabei täglich unsere Erfahrungen und bauen dementsprechend Erwartungen auf, die die Art und Weise beeinflussen, wie wir einen Sinneseindruck im Gehirn verarbeiten und damit überhaupt erst bewusst wahrnehmen. Aus den unzähligen Sinnesreizen, die auf uns einströmen, wählen wir schon vorab aus, welche Reize wir überhaupt bis in unsere höheren Hirnzentren vordringen lassen. Die Auswahlkriterien sind dabei offenbar von Mensch zu Mensch verschieden, ebenso wie die Art und Weise, wie sich jeder aus dem Wahrgenommenen ein schlüssiges Bild der Wirklichkeit konstruiert. Denn Sinn machen soll unsere Wirklichkeit für uns selbst – was allerdings nicht bedeutet, dass dieser Sinn für andere genauso nachvollziehbar ist:

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das, was wir subjektiv als Wirklichkeit empfinden, das Resultat unserer Interpunktionen; (…) Wir können nur vermuten, dass Interpunktionskonflikte mit der tief im Inneren verwurzelten Überzeugung zu tun haben, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, nämlich die Welt, wie ich sie sehe, und dass jede Wirklichkeitsauffassung, die von der meinen abweicht, ein Beweis für die Irrationalität des Betreffenden oder seine böswillige Verdrehung der Tatsachen sein muss. (( WATZLAWICK Paul, BEAVIN Janet H., JACKSON DON D. (1967): Menschliche Kommunikation. Formen , Störungen, Paradoxien, Bern:Verlag Hans Huber 1990 – S.92f  ))

Ich bin nicht richtig im Kopf?! Ich bin nicht richtig im Kopf?! Ihr anderen seid alle die Verrückten. Ihr seid alle verrückt.

César

Zumindest über die Dinge um uns herum können wir uns normalerweise halbwegs sicher sein. Es ist immer hilfreich, wenn das, worüber man redet, auch greifbar ist – die Positivisten schwören darauf. Schwieriger wird es schon, die Dinge um uns herum zu beurteilen, wenn wir in unseren Bewegungen und Wahrnehmungen eingeschränkt sind.

Der Protagonist César befindet sich in Abre los ojos in einer solchen Situation, die ich im Rahmen der Analyse des Films später genauer beschreiben werde.

Zuvor werfen wir einen Blick auf die Menschen in der Höhle von Platon, der mit seinem Höhlengleichnis den Prototyp einer solchen Situation entworfen hat.

Die Höhle

Da bin ich wie Sie, ich glaube nur, was ich sehe

César

In seinem Höhlengleichnis (( PLATON: Politeia. Sämtliche Werke V, Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag 1991 – S.509-515 )) entwirft Platon eine Situation, in der mehrere Personen, seit ihrer Geburt ihrer Bewegungsmöglichkeiten beraubt, in einer Höhle gefangengehalten werden. Das, was hinter ihrem Rücken wirklich passiert, nehmen sie nur in Gestalt der Schatten wahr, die ein Feuer auf die Höhlenwände wirft. Das entscheidende Moment innerhalb dieser Anordnung ist der, dass die Gefangenen die Schatten nicht etwa als Repräsentationen, als bloße Abbilder der Wirklichkeit, sondern als Realität wahrnehmen. Unterstützt wird diese Täuschung durch die Tatsache, dass die Worte und Geräusche, die hinter dem Rücken der Gefangenen entstehen, von den Wänden der Höhle reflektiert werden, also von genau dorther kommen, wo auch die Schatten zu sehen sind. Das Wissen der Gefangenen über ihre Welt basiert somit lediglich auf einer Illusion, die weiter nichts ist, als eine Schattentäuschung, die als Realität erfahren wird. Die Prüfung der Realität des Wahrgenommenen ist den Menschen in der Höhle nicht möglich, da ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Sie können keine Vergleiche anstellen, aus denen sie folgern könnten und keine Beziehungen herstellen. Aber genau diese Aspekte sind grundlegend für die Wahrnehmung von Wirklichkeit:

Jedes Kind lernt in der Schule, dass Bewegung etwas Relatives ist und nur in der Relation auf einen Bezugspunkt wahrgenommen werden kann. Was man dagegen leicht übersieht, ist, dass dasselbe Prinzip für alle Wahrnehmungen gilt und daher letzthin unser Erleben der äusseren Wirklichkeit bestimmt. Auf dem Gebiet der Hirn- und Wahrnehmungsforschung liegen schlüssige Beweise vor, dass nur Beziehungen und Beziehungsstrukturen wahrgenommen werden können. Wird z.B. durch eine komplizierte Vorrichtung die Bewegung der Augäpfel unmöglich gemacht, so dass dasselbe Bild längere Zeit vom selben Teil der Netzhaut empfangen wird, so ist eine klare visuelle Wahrnehmung nicht mehr möglich. (…) Und wenn man die Beschaffenheit einer Oberfläche erforschen will, berührt man sie nicht einfach mit dem Finger, sondern bewegt den Finger auf ihr hin und her. (…) Die Reihe dieser Beispiele liesse sich beliebig fortsetzen, und alle würden darauf hinauslaufen, dass jede Wahrnehmung auf Bewegung, Abtasten oder Scanning beruht. Mit anderen Worten, eine Beziehung wird hergestellt, dann über einen möglichst weiten Bereich geprüft, und von dieser Prüfung wird dann eine Abstraktion gewonnen… (( WATZLAWICK, BEAVIN, JACKSON (1969) S.28f – In Kapitel auf S. werde ich darauf zu sprechen kommen, dass auch Filmwahrnehmung auf der Ebene der Narration nur über das Herstellen von Beziehungen und daraus gezogenen Schlussfolgerungen funktioniert. ))

Doch diese Möglichkeit haben die Menschen in Platons Höhle nicht. Durch ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit ist ihnen jede Realitätsprüfung unmöglich gemacht. Auf diese Weise haben sie sich ein Bild der Wirklichkeit gemacht, dass auch der Bericht von einem, dem die Flucht aus der Höhle und damit ein Ausflug in die Realität gelungen ist, nicht erschüttern kann. Die Höhlenbewohner weigern sich gewaltsam, ihren gewohnten Platz zu verlassen, denn sie sind mit dem, was sich ihnen als ‘Realität’ darbietet, zufrieden. Sie lassen sich durch die Illusion von Realitätsdarstellung gerne täuschen.

Auch wir lassen uns ab und zu gerne in die Situation der Höhlenbewohner versetzen – immer dann, wenn wir ein Kino betreten.

Das Kino

…am nächsten Morgen fangen meine Träume an, wahr zu werden. Wie im Kino!

César

Der Kinosaal reproduziert in der Neuzeit die Situation aus Platons Höhlengleichnis. Mit dem Unterschied, dass wir Kinozuschauer sehr wohl in Kontakt mit der Welt draussen sind und uns nur zur Abwechslung gerne bewusst einer Illusion hingeben. Die Kinoprojektion impliziert die Konstruktion eines Sehraumes, der dem Betrachter dem bewegten Bild gegenüber einen festen Platz zuweist, um ihn dort als Körper und Blick zu fixieren; zugleich findet auf der Leinwand die Re-Konstruktion des aktiven Sehens und der ihr analogen Wahrnehmungserfahrung statt, also auch der Illusion des Subjekts, für sich selbst den Sehraum und damit Wirklichkeit zu konstruieren. (( PAECH (1990) S.37 ))

Sobald wir im Kinosessel sitzen und das Licht zu dimmen beginnt, haben wir den Blick fest nach vorne gerichtet und lassen uns freiwillig fesseln durch das Spiel aus Licht und Schatten vorne auf der Leinwand. Die Geräusche zu dieser Illusion kommen heute nicht nur aus Richtung der Bilder, sondern bewegen sich dank Surround-Technik überall um uns herum, was den Realitäts-Eindruck noch verstärkt.

Diese Analogien in den Wahrnehmungssituationen bilden die Grundlage für zwei filmtheoretische Ansätze, die ich im folgenden Abschnitt exemplarisch vorstellen will, da sie explizit mit der Höhle-Film-Traum – Analogie operieren:

[…]

im weiteren geht es in diesem Kapitel um folgendes:

die psychoanalytische Spielart der Filmtheorie, Jean-Louis Baudry und seine Parallelisierung von Kino und Platons Höhle (( BAUDRY Jean-louis (1975): Le dispositif. Approches métapsychologiques de l’impression de réalité, in: Communications, Nr. 23/1975 – S.56ff  )) , das Dispositiv Höhle, das Dispositiv KinoTraumerlebnis und  Kinoerlebnis, Freud, Christian Metz’ Korrektiv zu Baudrys Höhle-Traum-Analogie: Er beschreibt den Film als Traum eines wachen Menschen, projizierte Bilder von Realität, Illusion, Filmerzählung, Filmnarration 

[…]

Die Publikation des gesamten Textes (100 Seiten) gibt es als Buch oder PDF-Download >

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